Italienisch für Anfänger – Subtext? Welcher Subtext?

Freitagnachmittag, 20 Grad Celsius, Sonne, und in meinem Italienischbuch stehen Sätze wie „Dalla mia terrazza vedo il mare“ (Von meiner Terrasse aus sehe ich das Meer). Stimmt nicht ganz, aber man könnte sagen, ich arbeite daran. Es ist zwar erst April, aber ich erkläre den Sommer hiermit für eröffnet. Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer.

Projekt „Italienisch lernen“ klappt solange, bis ich mich an die CD mit den Texten mache. Eine virtuelle Sprachreise durch Italien. Klingt gut. Sie fängt in Verona an, auf Julias Balkon (ja, genau, die Julia), da war ich auch schon mal, und ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, dass ich so ungefähr alles andere in Verona spannender fand, aber scheinbar ist ein Aufenthalt dort nicht vollständig, wenn man diesen Balkon nicht gesehen hat. Wenn ihr mich fragt, ist Romeo und Julia weder das spannendste Stück, noch die schönste Liebesgeschichte aus Shakespeares Feder, aber gut.

In meinem Übungstext begegnen sich auf Julias Balkon Elena und Amedeo, tauschen Namen aus und stellen fest, dass sie aus Venedig kommt und er aus der Nähe von Neapel – und im nächsten Satz bemerkt sie vielsagend, es gäbe täglich zwei Züge von Venedig nach Neapel. Okay, nicht das erste, was mir einfallen würde, aber… Vielleicht fährt sie wirklich gerne Zug. „Elena…“ sagt daraufhin Amedeo, „es gibt auch einen Flug am Tag.“ Um, ja. Smalltalk. Nicht jedermanns Sache. – „Sì, Amedeo,“ haucht wiederum sie, und ich frage mich, ob sie vielleicht Aktien an der Fluggesellschaft hält, eigentlich für das Verkehrsministerium arbeitet, oder warum diese Bemerkung solche Begeisterung auslöst. Aber der nächste Satz aus seinem Munde ist „Elena, du bist sehr schön.“ – Moment mal. Eben waren wir noch bei Zügen. Und Flugzeugen. Ich habe das Gefühl, einen Teil des Gesprächs verpasst zu haben. Erfreulicherweise werde ich mit dem nächsten Satz darüber aufgeklärt, dass „die Geschichte von Romeo und Julia eine ist, die sich jeden Tag wiederholen kann“.

Na dann.

Okay, nein. Was genau ist mir hier entgangen?

Verwirrt beschließe ich, dass der Text wahrscheinlich deswegen so merkwürdig unvollständig ist, weil es ein Buch für Anfänger ist, und die Entwickler das Vokabular möglichst einfach halten wollten. Irgendwie sinnvoll. Na gut. Weiter zum nächsten Text.

Wir sind immer noch in Verona, diesmal aber auf dem Blumenmarkt. Offenbar möchte ein älteres Ehepaar Blumen für seinen Sohn kaufen. Ziemlich progressiv, find ich super. Schenkt dem Jungen Blumen, und beweist, dass es überhaupt nicht stimmt, dass sich nur Frauen über Blumen freuen. Weg mit den ganzen alltäglichen Geschlechterstereotypen! Ha! Das sind bestimmt total coole Eltern, die ihren Sohn voll und ganz unterstützen würden, wenn er sich als asexuell outen, Luciano von nebenan heiraten und ein geschlechtsneutrales Modelabel gründen würde.

Allerdings scheinen sie sich mit Blumen nicht so wirklich auszukennen. Und die Auswahl ist auch ein bisschen komisch. Es gibt Nelken, Veilchen, Rosen (aber nur rote) und Tulpen – aber nicht irgendwelche Tulpen, sondern tulipani dell’amore. Ich verstehe ein bisschen was von Blumen, deswegen finde ich diese Auswahl doch recht interessant. Blumen sind nämlich nie einfach nur hübsch anzusehen. Es gibt kaum etwas, das so oft als Symbol ge- und missbraucht wird wie Blumen. Auch wenn heutzutage abgesehen von Floristen, Kunsthistorikern und Literaturwissenschaftlern die meisten Leute Analphabeten in der Sprache der Blumen sind  und über „rote Rosen stehen für die Liebe“ nicht hinaus kommen – was ich schmerzlich feststellen musste, als ich einmal einer reizenden Kolumbianerin ein Bouquet aus Lisianthus und weißen und rosa Rosen schickte, und sie dachte, ich wollte ihr zum Geburtstag gratulieren. Und dabei kann man das heutzutage alles nachlesen. Sogar bei Wikipedia. Fachwissen nicht erforderlich.

Zurück zu meinem Italienischtext. Woran denke ich bei Nelken? An grüne Nelken und Oskar Wilde. Und Veilchen? Lange Zeit ein Symbol für weibliche Homosexualität. Rote Rosen? Siehe oben. Und Tulpen? Hängt von der Farbe ab, aber mit großen Gefühlen haben sie eigentlich immer zu tun. Da hätte es den Zusatz „dell’amore“ gar nicht gebraucht. „Das sagen die Holländer,“ weiß die Floristin in meinem Italienischbuch zu berichten. Na, die müssen es ja wissen. Holland = Tulpen. Wo wir schon bei den Klischees sind…

Mama und Papa können sich denn auch nicht so recht zwischen den roten Rosen und den Liebestulpen entscheiden, ist ja auch schwer, bei gleicher Bedeutung (ich persönlich würde ja die Rosen nehmen, die halten sich in der Vase länger…). Just in dem Moment stößt jedoch ein unbekannter Dritter hinzu, der sich freundlich vorstellt und Papa eine Zigarette anbietet, sie ihm anzündet und mit träumerischer Stimme zu bedenken gibt, alle Blumen hätten etwas Besonderes. Ooookay. Liebes Italienischbuch, willst du mir vielleicht irgendwas sagen?! Ich weiß ja nicht, aber die Szne könnte auch am Anfang eines Groschenromans stehen. Wohlgemerkt eines Groschenromans, in dem Papa feststellt, dass das mit seiner Ehe zwar ganz nett war und so, er aber eigentlich doch eher auf Männer steht, und – sieh da! – den Mann seines Lebens auf dem Blumenmarkt kennenlernt, als er (mit seiner Frau…) einen Blumenstrauß für seinen Sohn kauft. – Aber nein, denn die Szene endet damit, dass die Eltern beschließen, die Rosen und die Tulpen zu nehmen und Papa seine Hoffnung äußert, Sohnemann Franco möge doch einen netten Holländer kennenlernen (zugegeben, es könnte auch eine Holländerin gemeint sein). Mama findet das super.

Jaaaaa… leicht verwirrt blättere ich in meinem Italienischbuch. Komisch, die Texte, die in meinen Büchern im Sprachunterricht in der Schule standen, waren nie so zweideutig. Irgendwas kommt mir hier Spanisch vor, und ich frage mich, ob das wirklich so gemeint ist.

Das man Texte ganz unterschiedlich auslegen kann, ist eine Erkenntnis, die den meisten von uns früher oder später im Sprachunterricht in der Schule kommt (alternativ auch im Religionsunterricht), häufig begleitet von der möglicherweise wichtigeren Erkenntnis, dass es meistens eine „richtige“ Auslegung gibt, die „besser“ ist als die eigene – die des Lehrers. Meine Theorie, dass es sich bei Margaret Steenfatts Kurzgeschichte „Im Spiegel“ um den erfolgreichen Ausbruch eines Jungen aus seinem von gesellschaftlichen Konventionen eingeengten Leben und seinem erfolgreichen Start in ein neues, befreites Leben handelt, war leider ebenso unpopulär wie die Interpretation einer Mitschülerin, Jesus habe in einer glücklichen polyamoren Beziehung mit seinen Jüngern gelebt, bis ihm das konservative Establishment diesen schönen, lebensbejahenden Lebensentwurf brutal zunichtemachte.

Was hat Textanalyse mit dem wahren Leben zu tun? Viel. In der Welt, in der wir heute leben, sind wir permanent darauf angewiesen, Texte, Bilder und Situationen zu interpretieren und zu analysieren. Es geht irgendwann so automatisch, dass wir gar nicht mehr darauf achten. Bei der Interpretation und Analyse helfen uns Erfahrungen, die wir bereits gemacht haben, Muster und Schemata, Analogien, gelernte und internalisierte Regeln. „Wenn A, dann B.“ Ohne diese Hilfsmittel wäre das Leben entsetzlich anstrengend.

„Wenn seine Eltern Franco einen Blumenstrauß schenken, heißt das, dass sie ihn gern haben und an ihn denken.“ – „Wenn jemand jemandem rote Rosen schenkt, heißt das, dass er ihn oder sie lieb hat.“ Und so weiter.

Weil wir aber zum Glück nicht alle gleich sind, verwenden wir auch nicht alle die gleichen Analyse-Hilfsmittel. Welche wir verwenden, hängt von persönlichen Erfahrungen, von Erziehung, von Werten, von der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind und einer Vielzahl anderer Faktoren ab. Letztlich auch von unseren eigenen Interessen.

Für asexuelle Menschen sind sexuelle Anspielungen deswegen manchmal verwirrend. Wenn man etwas noch nie am eigenen Leib erfahren hat, kann es schwer sein, sich das vorzustellen, das kennen wir alle. Und wer asexuell ist, spürt keine sexuelle Anziehung. Deswegen sind Texte wie die Geschichte von Amedeo und Elena manchmal verwirrend, vor allem, wenn sie so kurz gehalten sind. Anziehung auf den ersten Blick? Schwer verständlich.
Allerdings – ich wage zu behaupten, die meisten von uns leben in einem Umfeld, in dem Sex etwas Alltägliches und Allgegenwärtiges ist. Und genau wie man eine Sprache oder bestimmte Verhaltensmuster lernen kann, kann man lernen, bestimmte Situationen oder Anspielungen zu deuten. Das kann aber auch nach hinten losgehen. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass der unbekannte Dritte in meinem Italienischbuch eigentlich nicht mit Francos Papa flirten sollte. Ups, Fehlinterpretation. Passiert mir ziemlich oft, vor allem, weil ich eine ziemlich lebhafte Fantasie habe, und mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht habe.

Mir ist nie so richtig bewusst geworden, dass ich bestimmte Dinge nicht, erst spät oder anders als andere verstehe, bis ich herausgefunden habe, dass ich asexuell bin. Zum Beispiel Prostitution oder Pornos. Dass man mit seinem Freund oder seiner Freundin ins Bett gehen möchte, leuchtete mir ja irgendwie noch ein. Wunsch nach Nähe, Besitzansprüche deklarieren, große Liebe, und so weiter. Aber dafür zu bezahlen, mit jemand wildfremden zu schlafen oder anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie Sex haben (oder möglicherweise auch nur so tun als ob)? Was für merkwürdige Beschäftigungen…
Rational verstehe ich beides – Menschen haben sexuelle Bedürfnisse, die sie vielleicht nicht anders, oder zumindest nicht zeitnah anders befriedigen können, daher Prostitution. Und anderen beim Sex zuzuschauen, finden viele offenbar erregend. Okay. Alles reine Biologie.

– Aber emotional? Großes inneres Kopfschütteln.

*Das verwendete Italienischbuch ist das Begleitbuch zu digital publishing, „Intensivkurs Italiano“; Copyright: digital publishing AG 2004

 

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Vom Können und vom Wollen

Eine Frage, die asexuellen Menschen erstaunlich häufig gestellt wird (interessanterweise offenbar unabhängig davon, ob sie sich selbst als asexuell bezeichnen, oder nicht) ist: Kannst du Sex haben? Meistens kommt sie nicht ganz so direkt daher, sondern umgeben von mehr oder weniger schmückendem Beiwerk –

– „Hast du es denn schon mal ausprobiert?“ (Geht dich überhaupt nichts an.) –

– „Wie, du stehst nicht auf Sex? Ist ja krass. Und du bist dir sicher, dass du gesund bist… ich meine, ist mit deinen Hormonen alles okay?“ (Danke der Nachfrage, ja.) –

– „Also wie, du hast noch nie mit jemandem geschlafen? Und du willst das auch nicht? Aber du könntest…?“ (Klar, genau wie ich auch morgen mit einer Obama-Maske ins Büro gehen oder spontan aus dem dritten Stock springen könnte. Aber möchte ich das…?) –

Aber auf das Wesentliche reduziert, bleibt es dann wohl doch bei: Kannst du?

Und um das gleich mal klarzustellen: Natürlich können asexuelle Menschen Sex haben. Ebenso wie Menschen über sechzig, Menschen die unter vorübergehenden oder chronischen Krankheiten leiden, Menschen die mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben, Menschen die sich selbst für rundum gesund und normal halten, Menschen mit roten, schwarzen oder grünen Haaren… ihr seht was ich meine.

Soweit ich es bisher feststellen konnte unterscheiden sich asexuelle Menschen physisch in keinster Weise von nicht-asexuellen Menschen, oder jedenfalls nur insofern, wie wir uns eben alle ein bisschen voneinander unterscheiden. Es ist meines Wissens bisher noch niemandem gelungen, glaubhaft festzustellen, dass Asexualität auf eine irgendwie geartete physische Ursache zurückzuführen ist, sei es auf eine hormonelle Störung, genetische Anomalie, Fehlbildung irgendwelcher Körperteile, Vitaminmangel, sonst was.

Diesmal gibt’s ein Beispiel für Computerfans: Die Hardware ist da und voll funktionsfähig, aber die Software wurde nicht mitgeliefert.

Die Software, das ist in diesem Fall das Begehren, das Wollen.

Erfreulicherweise gewinnt ja seit ein paar Jahrzehnten weltweit die Überzeugung Freunde, dass Sex nur dann gut und richtig ist, wenn sich alle Beteiligten darin einig sind, dass sie (miteinander) Sex haben wollen. Das war beileibe nicht immer so, und ist auch längst nicht überall so. Frauen wurden und werden beispielsweise in vielen Gesellschaften nicht gefragt, ob sie Sex haben wollen, geschweige denn, mit wem. Sollten sie aber doch zu erkennen geben, dass sie gerne Sex hätten (und dann möglicherweise auch noch mit der falschen Person), drohen ihnen Repressalien von Beschimpfungen bis hin zum Tod durch Steinigung. Nicht schön. Vielen Männern geht es auch nicht viel besser, ganz besonders dann nicht, wenn sie gerne Sex mit anderen Männern hätten – männliche Homosexualität ist in über siebzig Ländern strafbar, und in vielen anderen zwar nicht strafbar, aber sozial inakzeptabel.

Aber – wir, die wir das hier schreiben und lesen, leben in der schönen neuen Welt (naja, wir arbeiten daran…), in der sich die Frage stellt, ob man eigentlich Sex haben möchte. Und genau die beantworten viele Leute mit nein. Zum Beispiel, weil sie grade keine Lust haben. Oder weil es nichts im Angebot gibt, das ihnen gefällt. Ein Raum voll mit attraktiven Single-Männern? Reizt die meisten lesbischen Frauen eher weniger…
Oder vielleicht auch, weil sie warten wollen, bis sie jemanden fürs Leben (oder zumindest für die Ehe) gefunden haben. Oder aus religiöser Überzeugung. Längst nicht alle katholischen Priester, Mönche und Nonnen sind asexuell, aber sie sollten alle zölibatär leben (dass es nicht alle tun, wissen wir).

Okay. Wenn es also durchaus vorstellbar ist, dass jemand, der nicht asexuell ist, aus welchem Grund auch immer gerade, auf bestimmte Zeit oder dauerhaft keinen Sex haben möchte, dann sollte es doch genauso nachvollziehbar sein, dass jemand, der asexuell ist, auch keine Lust hat.

Eine Gegenfrage, die ich besonders gerne stelle ist: Würdest du mit jemandem schlafen, zu dem du dich überhaupt nicht hingezogen fühlst? Mit einer Frau, auf die du gar nicht stehst? Mit einem Mann, wenn du ein heterosexueller Mann bist? Nein? Na siehst du.

Übrigens: Es gibt asexuelle Menschen die Sex haben. Einmal, zweimal, gelegentlich, regelmäßig, mit anderen, alleine, mit Männern, mit Frauen… es gibt, auch bei Abwesenheit sexueller Anziehung durchaus Gründe, Sex zu haben. Den Wunsch nach Intimität, zum Beispiel, oder danach, einem geliebten Menschen, der vielleicht nicht asexuell ist, etwas zu schenken. Neugier. Spaß an der Sache an sich, auch ohne sexuelle Anziehung. Um ein Kind zu empfangen oder zu zeugen.

Gründe gibt es genug.

Und worauf es letzten Endes ankommt, ist nicht die Frage „kannst du?“ sondern die Frage „willst du?“

Austern und anderes Getier

Wie erklärt man etwas, das nicht da ist?

Ich war in der Schule nie besonders gut in Mathe, sowohl mangels Interesse als auch mangels Begabung. Mein räumliches Vorstellungsvermögen ist nicht besonders gut, und spätestens als Anfang der zwölften Klasse Analytische Geometrie auf dem Lehrplan stand, beschloss ich es einfach aufzugeben. „Alle Geraden schneiden sich im Unendlichen,“ sagte mein Mathelehrer irgendwann, und ich fragte ihn: „Und woher wissen Sie das?“

Natürlich hatte er eine ausgezeichnete Erklärung dafür… und ich verstand nichts davon.

So ähnlich geht es vielen Leuten mit Asexualität.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele nicht aus böser Absicht abwertend oder anderweitig negativ darauf reagieren, wenn jemand sich als asexuell outet. Es ist schlicht und einfach Unverständnis, und objektiv betrachtet kann man ihnen das auch nicht verübeln – Asexualität ist, nach der derzeit gängigsten Definition, die Abwesenheit sexueller Anziehung und es ist verdammt schwer, die Abwesenheit von etwas zu erklären, noch dazu die Abwesenheit von etwas, das man nicht sehen kann.

Es ist schon schwer genug, sexuelle Anziehung zu erklären.

„Naja, ich steh halt auf den.“ – „Die ist total heiß“  – Mhm, okay, und das heißt jetzt konkret? Entgegen anders lautender Vorurteile wollen nicht-asexuelle Menschen nämlich nicht notgedrungen mit allen ins Bett gehen, die sie heiß, scharf oder sexy finden. Und oft können sie auch nicht erklären, warum genau sie eine bestimmte Person so ungeheuer (sexuell) anziehend finden.

Wie soll man da erklären, wie es ist, keine sexuelle Anziehung für gar niemanden zu spüren? Für viele Leute ist das genauso unvorstellbar wie für mich damals der Schnitt der Geraden im Unendlichen.

Ich habe festgestellt, dass man sich in vielen Fällen am besten über möglichst einfache Analogien mit vertrauten Elementen annähert. Und da ich mich persönlich sehr gerne mit Essen beschäftige, und Essensbeispiele den allermeisten Leuten zugänglich sind, kam ich irgendwann auf Austern.

Austern sind eine Familie von Muscheln mit einer besonders harten und scharfkantigen Schale, die hauptsächlich in Küstengewässern vorkommen. Die Arten, die für Menschen genießbar sind, gelten als außergewöhnlich nahrhaft, als Delikatesse und nicht zuletzt in vielen Gegenden als Aphrodisiakum. In Europa werden sie gerne roh gegessen, und da man sich beim Verzehr von rohen Muscheln üble Vergiftungen zuziehen kann, sollte man darauf achten, dass die Schale fest geschlossen ist und sich der Rand bei Berührung oder Beträufeln mit Zitrone zurückzieht – kurzum, darauf, dass die Auster noch lebt.

Ich persönlich finde die Vorstellung, ein Tier zu essen, das noch lebt – und zuckt! – ziemlich unappetittlich. Ich habe kein Problem damit, dass andere Leute Austern essen, ich finde es nicht unmoralisch oder verwerflich, aber ich verzichte gerne. Und genauso geht es mir mit Sex. Thanks, but no thanks.

Dass es Leute gibt, die nicht auf den Verzehr von rohen Muscheln stehen, leuchtet den meisten Menschen ein. Wenn man dann den Vergleich zu Asexualität zieht, geht manchen ein Licht auf.

Und wenn nicht?

Gegenfrage: Würdest du mit jemandem schlafen, den du sexuell überhaupt nicht attraktiv findest? (Viele Leute sehen bei dieser Frage eine bestimmte Person vor Augen… und die meisten verneinen.)

Mein Mathelehrer sagte damals übrigens zu mir: „Wenn Sie sich das nicht vorstellen können, müssen Sie es mir einfach glauben.“ Das ist doch eigentlich ein ziemlich guter Rat. Liebe Leute, wenn ihr euch nicht vorstellen könnt, dass wir keine sexuelle Anziehung empfinden – dann glaubt uns doch einfach. Wir wissen schon, wovon wir reden.

Links – Asexualität im Web

Nicht abschließende Auswahl von Ressourcen und Medienberichten zum Thema Asexualität. Ergänzungen willkommen!

Zum Stöbern, oder falls ihr Material braucht, das ihr Leuten zeigen könnt, die behaupten „das gibt’s doch gar nicht“ oder „das hast du dir nur ausgedacht“.

Nö. Haben wir nicht 😉

Deutsch:

AVEN – The Asexual Visibility & Education Network (Deutsch)

Asexuality.info (Deutsch)

AktivistA – Verein zur Sichtbarmachung von Asexualität

Wikipedia: Asexualität

wikiHow: Asexuelle Menschen verstehen

bento (Spiegel online) über Asexualität – Teil 1 / Teil 2

Spiegel (2012) über Asexualität

Die Zeit: Ein Ass im Bett

Deutschlandradio Kultur: Asexualität als Lebensform

Glamour: Sex? Kein Interesse!

Die Welt: „Ich sehe Menschen neutral. Sie sind einfach da.“

Die Welt: Die junge Frau, die keine Erregung empfindet

Brigitte über Asexualität

 

Englisch:

AVEN – The Asexual Visibility & Education Network

Acebook

Asexuality.info (Englisch)

What is Asexuality?

Asexuality Archive

„Deine Freunde sind ja alle schwul“ – Eltern und Asexualität I

Eltern interessieren sich in der Regel für das Sozialleben ihrer Kinder. Meine Mutter ist da keine Ausnahme. Möglicherweise zumindest unterbewusst auf Enkelkinder hoffend – wir reden noch nicht darüber, aber man kennt sich ja doch recht gut – hat sie ein waches Auge darauf, wen ich so treffe und warum.

Meine Familie ist eine etwas freundlichere Variante der Borg – man heiratet nicht ein, man wird assimiliert, und zwar mit Haut und Haar. Bis zu einem gewissen Grad gilt das auch für die „Schwiegerfamilie“, die sich nahtlos in die Peripherie des familiären Horizonts einfügt und ein willkommenes Gesprächsthema bei Kaffee und Kuchen bietet. – „Was macht eigentlich…?“, „Hast du gehört, dass…“ oder „Die … lebt jetzt mit einer Frau zusammen, und ich sage dir, dass ist nicht nur freundschaftlich.“ – An der Stelle musste ich dann natürlich reingrätschen (wenn man mir schon so eine Steilvorlage gibt) und den Clan darüber aufklären, das zwei Menschen, egal welchen Geschlechts, ohne weiteres eine enge, partnerschaftliche Beziehung pflegen können, ohne miteinander ins Bett zu gehen. Und das ohne das Wort queerplatonic (das noch keine wirklich passende deutsche Entsprechung zu haben scheint) zu verwenden. Die Blicke waren da dann doch noch etwas misstrauisch, aber wir einigten uns zur Güte darauf, dass diese Beziehung, egal wie geartet, auf jeden Fall okay sei. Der Weg zur Akzeptanz führt über eine lange Serie von Kompromissen.

Irgendwie muss dem Clan schon recht früh klar gewesen sein, dass seine jüngste Generation in Sachen traditionelle Familienplanung etwas renitent ist. Wir sind insgesamt sechs, inzwischen zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig. Davon ist niemand verheiratet, nur eine lebt in einer festen Beziehung und eine hat ein Kind (allerdings ohne Partner). Das ist jetzt nicht gerade Sodom und Gomorrha, aber auch nicht das Traumziel familiärer Weiterentwicklung. Die ältere Generation trägt es mit erstaunlicher Fassung. Abgesehen von den üblichen kleinen Dramen – „…. hat sich von ihrem Freund getrennt und dabei war der doch so nett!“ (ups, Assimilierung gescheitert) – wird niemand aktiv dazu gedrängt, sich traditionellen Werten anzupassen. Ich vermute, der Clan würde einmal kurz zusammenzucken, wenn ich mit einer vollverschleierten lesbischen Muslima, einem transsexuellen Anarchisten oder einer alleinerziehenden bisexuellen Mutter zur nächsten Familienfeier aufkreuzen würde – und den oder die Betreffende/n dann ohne viel Federlesen schlucken.

Manche Dinge fallen Eltern aber schon auf. „Alle deine Freunde sind schwul“ kommentierte meine Mutter, die sich gerne über meinen Freundeskreis auf dem Laufenden halten lässt, meine Ausführungen vor einiger Zeit. Wie viele Übertreibungen hat auch diese einen wahren Kern – ich habe tatsächlich überproportional viele schwule Freunde. Ganz ehrlich? Ich mag schwule Jungs. Die meisten, die ich kenne sind liebenswürdig, gut angezogen, sind in der Lage eine angenehme Unterhaltung zu führen, und vor allem kann ich mir absolut sicher sein, dass jegliches Interesse, das sie an mir haben meiner Person gilt, und nicht durch etwaige sexuelle Wunschvorstellungen geprägt ist. Also quasi ungefährliche Traumprinzen. Perfekt, was will Frau mehr, jedenfalls wenn sie asexuell ist. Naturgemäß sieht meine Mutter das ein bisschen anders.

Mit meinen Eltern über Sexualität zu reden ist ein ziemlich skurriles Erlebnis. Meine Mutter hat eine – meiner Meinung nach – recht gesunde Herangehensweise an das Thema: Sex ist Privatsache, solange keine gesundheitlichen Schäden damit ins Haus gehen. Das übliche Aufklärungsgespräch fand ich mit 13 natürlich super peinlich, aber eigentlich bin ich damit ganz gut weggekommen.  Mein Vater, den eine Art Hassliebe mit den 68ern verbindet, geht ziemlich offen mit dem Thema um, diskutiert es aber in der gleichen interessiert-wissenschaftlichen Art wie Konstruktivismus in der Literaturwissenschaft oder sozio-politische Probleme der ägyptischen Tagespolitik. Ich glaube, wenige Töchter diskutieren mit ihren Vätern die Notwendigkeit einer genormten berufspraktischen Ausbildung für Prostituierte oder die Frage ob eine Beziehung dadurch gerettet werden kann, dass eine Frau ihrem Partner Oralsex anbietet, obwohl sie selbst nich darauf steht. Mein Vater hat mich auch zu meiner ersten CSD-Parade mitgenommen, da war ich 15 oder 16. „Das solltest du mal gesehen haben.“ Na dann.

Weder mein Vater, noch meine Mutter gehen allerdings in irgendeiner Weise auf Hinweise ein, dass ich möglicherweise nicht heterosexuell sein könnte. Mein Vater klammert das Thema aus. Don’t ask, don’t tell. Um ehrlich zu sein kann ich damit leben. Bisher hatte ich keine Beziehung, die so dauerhaft oder so ernst war, dass ich das Bedürfnis hatte, ihm die andere Person vorzustellen. Meine Mutter hat schon längst Lunte gerochen, sie hatte mich wohl auch eine Weile im Verdacht, ihr eine Beziehung mit meiner besten Freundin zu verheimlichen (nicht völlig abwegig, vermute ich, aber knapp daneben ist auch vorbei). Allerdings kann ich gemütlich auf ihrem Wohnzimmerteppich sitzen und „Asexuality – The Invisible Orientation“ lesen und der einzige Kommentar der kommt ist „Das ist aber ganz schön schwerer Stoff“. (stimmt, Mama)

Laute Paukenschläge sind aber so gar nicht meine Sache, deswegen habe ich es bisher vermieden, mich in die Mitte des besagten Wohnzimmers (im Wohnzimmer meines Vaters steht zu viel Kram, da wäre es schwer, die Mitte zu finden) zu stellen und zu verkünden: „Ich bin asexuell.“ Vielleicht mache ich es irgendwann doch mal. Ich rechne nicht mit Ärger, eher mit Unverständnis oder mildem Desinteresse. Ich vermute, solange ich meiner Mutter versichern kann, dass ich nicht unglücklich bin und Enkelkinder trotzdem nicht ausgeschlossen sind, kann sie sich mit fast allem anfreunden.

 

Hm… noch nicht viel los hier, oder?

Stimmt.

Das liegt daran, dass ich gerade erst angefangen habe.

Die Idee, über Asexualität, und was es für mich bedeutet, asexuell zu sein, zu schreiben, trage ich schon seit einer ganzen Weile mit mir herum wie ein halbgelesenes Buch in meiner Handtasche. Aber irgendwie kam dann doch immer noch was dazwischen, busy, busy, busy, Arbeit, Familie, Freunde, Urlaub… ich nehme an, ihr kennt das. Man nimmt sich etwas vor, und schiebt es dann doch vor sich her.

Heute Abend habe ich mich endlich hingesetzt, mit dem guten Vorsatz, mein Wochenende produktiv zu starten. Der Anfnag ist gemacht, los geht’s, aber halt, eigentlich muss ich doch gleich schon wieder woanders hin. Uff. Immer dieser Freizeitstress 😉

Allerdings ist das eine prima Gelegenheit, gleich mal mit dem ersten Vorurteil über Asexuelle aufzuräumen – nein, wir haben leider nicht mehr Zeit als die Masse der Weltbevölkerung, bloß weil die meisten von uns keinen Sex haben. Rein objektiv betrachtet ist das auch eine ziemlich alberne Vorstellung – ich meine, rechnet doch mal nach – wie viel Zeit werden die meisten Leute (Profis mal ausgenommen) wohl so am Tag mit Sex verbringen? Wahrscheinlich nicht wesentlich mehr als mit Duschen. Das mag man jetzt traurig finden oder auch nicht; Fakt ist jedenfalls, dass für mich persönlich kein Sex auch keine Lösung ist – jedenfalls nicht für mein Zeitproblem. Ich bräuchte 48-Stunden Tage um alles zu schaffen, was ich machen möchte. Mindestens.

Mein typischer (Arbeits-)tag sieht so aus:

Ich stehe morgens um sechs auf, und wenn ich richtig gut drauf bin gehe ich dann 30 bis 60 Minuten laufen, häufiger trabe ich allerdings direkt in Küche oder Bad. Duschen, Frühstücken, Kaffee, vielleicht schnell noch die Mails oder die Nachrichten checken, Kram einsammeln, ab ins Büro. Wie viele Büroangestellten arbeite ich dann bis mittags, meistens an einem Schreibtisch, wenn ich nicht grade in irgendeinem Meeting sitze. Dann Mittagspause, zuhause, draußen oder in der Kantine, und das Nachmittagsprogramm. Irgendwann zwischen fünf und sieben gehe ich nach Hause, gehe zum Sport oder treffe Freunde, Abendessen, vielleicht noch ein bisschen was im Haushalt oder am PC machen, und dann entweder mit dem Laptop (ja ich weiß, Serienschauen vor dem Einschlafen verdirbt die Schlafqualität – bite me) oder einem Buch ins Bett.

Darin unterscheide ich mich kaum von meinen heterosexuellen, schwulen oder lesbischen Kolleginnen und Kollegen, single oder verheiratet. Bei denen mit Kindern sieht es nochmal anders aus, aber das ist ja klar. Und die Zeit, die die – mutmaßlich, manche Fragen stellt man seiner Chefin einfach nicht – mit Sex verbringen, fülle ich mühelos mit ein paar Seiten Lektüre, einer Folge Supernatural oder Boston Legal oder – produktiver – einem frischgebackenen Schokokuchen.