„Deine Freunde sind ja alle schwul“ – Eltern und Asexualität I

Eltern interessieren sich in der Regel für das Sozialleben ihrer Kinder. Meine Mutter ist da keine Ausnahme. Möglicherweise zumindest unterbewusst auf Enkelkinder hoffend – wir reden noch nicht darüber, aber man kennt sich ja doch recht gut – hat sie ein waches Auge darauf, wen ich so treffe und warum.

Meine Familie ist eine etwas freundlichere Variante der Borg – man heiratet nicht ein, man wird assimiliert, und zwar mit Haut und Haar. Bis zu einem gewissen Grad gilt das auch für die „Schwiegerfamilie“, die sich nahtlos in die Peripherie des familiären Horizonts einfügt und ein willkommenes Gesprächsthema bei Kaffee und Kuchen bietet. – „Was macht eigentlich…?“, „Hast du gehört, dass…“ oder „Die … lebt jetzt mit einer Frau zusammen, und ich sage dir, dass ist nicht nur freundschaftlich.“ – An der Stelle musste ich dann natürlich reingrätschen (wenn man mir schon so eine Steilvorlage gibt) und den Clan darüber aufklären, das zwei Menschen, egal welchen Geschlechts, ohne weiteres eine enge, partnerschaftliche Beziehung pflegen können, ohne miteinander ins Bett zu gehen. Und das ohne das Wort queerplatonic (das noch keine wirklich passende deutsche Entsprechung zu haben scheint) zu verwenden. Die Blicke waren da dann doch noch etwas misstrauisch, aber wir einigten uns zur Güte darauf, dass diese Beziehung, egal wie geartet, auf jeden Fall okay sei. Der Weg zur Akzeptanz führt über eine lange Serie von Kompromissen.

Irgendwie muss dem Clan schon recht früh klar gewesen sein, dass seine jüngste Generation in Sachen traditionelle Familienplanung etwas renitent ist. Wir sind insgesamt sechs, inzwischen zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig. Davon ist niemand verheiratet, nur eine lebt in einer festen Beziehung und eine hat ein Kind (allerdings ohne Partner). Das ist jetzt nicht gerade Sodom und Gomorrha, aber auch nicht das Traumziel familiärer Weiterentwicklung. Die ältere Generation trägt es mit erstaunlicher Fassung. Abgesehen von den üblichen kleinen Dramen – „…. hat sich von ihrem Freund getrennt und dabei war der doch so nett!“ (ups, Assimilierung gescheitert) – wird niemand aktiv dazu gedrängt, sich traditionellen Werten anzupassen. Ich vermute, der Clan würde einmal kurz zusammenzucken, wenn ich mit einer vollverschleierten lesbischen Muslima, einem transsexuellen Anarchisten oder einer alleinerziehenden bisexuellen Mutter zur nächsten Familienfeier aufkreuzen würde – und den oder die Betreffende/n dann ohne viel Federlesen schlucken.

Manche Dinge fallen Eltern aber schon auf. „Alle deine Freunde sind schwul“ kommentierte meine Mutter, die sich gerne über meinen Freundeskreis auf dem Laufenden halten lässt, meine Ausführungen vor einiger Zeit. Wie viele Übertreibungen hat auch diese einen wahren Kern – ich habe tatsächlich überproportional viele schwule Freunde. Ganz ehrlich? Ich mag schwule Jungs. Die meisten, die ich kenne sind liebenswürdig, gut angezogen, sind in der Lage eine angenehme Unterhaltung zu führen, und vor allem kann ich mir absolut sicher sein, dass jegliches Interesse, das sie an mir haben meiner Person gilt, und nicht durch etwaige sexuelle Wunschvorstellungen geprägt ist. Also quasi ungefährliche Traumprinzen. Perfekt, was will Frau mehr, jedenfalls wenn sie asexuell ist. Naturgemäß sieht meine Mutter das ein bisschen anders.

Mit meinen Eltern über Sexualität zu reden ist ein ziemlich skurriles Erlebnis. Meine Mutter hat eine – meiner Meinung nach – recht gesunde Herangehensweise an das Thema: Sex ist Privatsache, solange keine gesundheitlichen Schäden damit ins Haus gehen. Das übliche Aufklärungsgespräch fand ich mit 13 natürlich super peinlich, aber eigentlich bin ich damit ganz gut weggekommen.  Mein Vater, den eine Art Hassliebe mit den 68ern verbindet, geht ziemlich offen mit dem Thema um, diskutiert es aber in der gleichen interessiert-wissenschaftlichen Art wie Konstruktivismus in der Literaturwissenschaft oder sozio-politische Probleme der ägyptischen Tagespolitik. Ich glaube, wenige Töchter diskutieren mit ihren Vätern die Notwendigkeit einer genormten berufspraktischen Ausbildung für Prostituierte oder die Frage ob eine Beziehung dadurch gerettet werden kann, dass eine Frau ihrem Partner Oralsex anbietet, obwohl sie selbst nich darauf steht. Mein Vater hat mich auch zu meiner ersten CSD-Parade mitgenommen, da war ich 15 oder 16. „Das solltest du mal gesehen haben.“ Na dann.

Weder mein Vater, noch meine Mutter gehen allerdings in irgendeiner Weise auf Hinweise ein, dass ich möglicherweise nicht heterosexuell sein könnte. Mein Vater klammert das Thema aus. Don’t ask, don’t tell. Um ehrlich zu sein kann ich damit leben. Bisher hatte ich keine Beziehung, die so dauerhaft oder so ernst war, dass ich das Bedürfnis hatte, ihm die andere Person vorzustellen. Meine Mutter hat schon längst Lunte gerochen, sie hatte mich wohl auch eine Weile im Verdacht, ihr eine Beziehung mit meiner besten Freundin zu verheimlichen (nicht völlig abwegig, vermute ich, aber knapp daneben ist auch vorbei). Allerdings kann ich gemütlich auf ihrem Wohnzimmerteppich sitzen und „Asexuality – The Invisible Orientation“ lesen und der einzige Kommentar der kommt ist „Das ist aber ganz schön schwerer Stoff“. (stimmt, Mama)

Laute Paukenschläge sind aber so gar nicht meine Sache, deswegen habe ich es bisher vermieden, mich in die Mitte des besagten Wohnzimmers (im Wohnzimmer meines Vaters steht zu viel Kram, da wäre es schwer, die Mitte zu finden) zu stellen und zu verkünden: „Ich bin asexuell.“ Vielleicht mache ich es irgendwann doch mal. Ich rechne nicht mit Ärger, eher mit Unverständnis oder mildem Desinteresse. Ich vermute, solange ich meiner Mutter versichern kann, dass ich nicht unglücklich bin und Enkelkinder trotzdem nicht ausgeschlossen sind, kann sie sich mit fast allem anfreunden.

 

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