Vom Können und vom Wollen

Eine Frage, die asexuellen Menschen erstaunlich häufig gestellt wird (interessanterweise offenbar unabhängig davon, ob sie sich selbst als asexuell bezeichnen, oder nicht) ist: Kannst du Sex haben? Meistens kommt sie nicht ganz so direkt daher, sondern umgeben von mehr oder weniger schmückendem Beiwerk –

– „Hast du es denn schon mal ausprobiert?“ (Geht dich überhaupt nichts an.) –

– „Wie, du stehst nicht auf Sex? Ist ja krass. Und du bist dir sicher, dass du gesund bist… ich meine, ist mit deinen Hormonen alles okay?“ (Danke der Nachfrage, ja.) –

– „Also wie, du hast noch nie mit jemandem geschlafen? Und du willst das auch nicht? Aber du könntest…?“ (Klar, genau wie ich auch morgen mit einer Obama-Maske ins Büro gehen oder spontan aus dem dritten Stock springen könnte. Aber möchte ich das…?) –

Aber auf das Wesentliche reduziert, bleibt es dann wohl doch bei: Kannst du?

Und um das gleich mal klarzustellen: Natürlich können asexuelle Menschen Sex haben. Ebenso wie Menschen über sechzig, Menschen die unter vorübergehenden oder chronischen Krankheiten leiden, Menschen die mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben, Menschen die sich selbst für rundum gesund und normal halten, Menschen mit roten, schwarzen oder grünen Haaren… ihr seht was ich meine.

Soweit ich es bisher feststellen konnte unterscheiden sich asexuelle Menschen physisch in keinster Weise von nicht-asexuellen Menschen, oder jedenfalls nur insofern, wie wir uns eben alle ein bisschen voneinander unterscheiden. Es ist meines Wissens bisher noch niemandem gelungen, glaubhaft festzustellen, dass Asexualität auf eine irgendwie geartete physische Ursache zurückzuführen ist, sei es auf eine hormonelle Störung, genetische Anomalie, Fehlbildung irgendwelcher Körperteile, Vitaminmangel, sonst was.

Diesmal gibt’s ein Beispiel für Computerfans: Die Hardware ist da und voll funktionsfähig, aber die Software wurde nicht mitgeliefert.

Die Software, das ist in diesem Fall das Begehren, das Wollen.

Erfreulicherweise gewinnt ja seit ein paar Jahrzehnten weltweit die Überzeugung Freunde, dass Sex nur dann gut und richtig ist, wenn sich alle Beteiligten darin einig sind, dass sie (miteinander) Sex haben wollen. Das war beileibe nicht immer so, und ist auch längst nicht überall so. Frauen wurden und werden beispielsweise in vielen Gesellschaften nicht gefragt, ob sie Sex haben wollen, geschweige denn, mit wem. Sollten sie aber doch zu erkennen geben, dass sie gerne Sex hätten (und dann möglicherweise auch noch mit der falschen Person), drohen ihnen Repressalien von Beschimpfungen bis hin zum Tod durch Steinigung. Nicht schön. Vielen Männern geht es auch nicht viel besser, ganz besonders dann nicht, wenn sie gerne Sex mit anderen Männern hätten – männliche Homosexualität ist in über siebzig Ländern strafbar, und in vielen anderen zwar nicht strafbar, aber sozial inakzeptabel.

Aber – wir, die wir das hier schreiben und lesen, leben in der schönen neuen Welt (naja, wir arbeiten daran…), in der sich die Frage stellt, ob man eigentlich Sex haben möchte. Und genau die beantworten viele Leute mit nein. Zum Beispiel, weil sie grade keine Lust haben. Oder weil es nichts im Angebot gibt, das ihnen gefällt. Ein Raum voll mit attraktiven Single-Männern? Reizt die meisten lesbischen Frauen eher weniger…
Oder vielleicht auch, weil sie warten wollen, bis sie jemanden fürs Leben (oder zumindest für die Ehe) gefunden haben. Oder aus religiöser Überzeugung. Längst nicht alle katholischen Priester, Mönche und Nonnen sind asexuell, aber sie sollten alle zölibatär leben (dass es nicht alle tun, wissen wir).

Okay. Wenn es also durchaus vorstellbar ist, dass jemand, der nicht asexuell ist, aus welchem Grund auch immer gerade, auf bestimmte Zeit oder dauerhaft keinen Sex haben möchte, dann sollte es doch genauso nachvollziehbar sein, dass jemand, der asexuell ist, auch keine Lust hat.

Eine Gegenfrage, die ich besonders gerne stelle ist: Würdest du mit jemandem schlafen, zu dem du dich überhaupt nicht hingezogen fühlst? Mit einer Frau, auf die du gar nicht stehst? Mit einem Mann, wenn du ein heterosexueller Mann bist? Nein? Na siehst du.

Übrigens: Es gibt asexuelle Menschen die Sex haben. Einmal, zweimal, gelegentlich, regelmäßig, mit anderen, alleine, mit Männern, mit Frauen… es gibt, auch bei Abwesenheit sexueller Anziehung durchaus Gründe, Sex zu haben. Den Wunsch nach Intimität, zum Beispiel, oder danach, einem geliebten Menschen, der vielleicht nicht asexuell ist, etwas zu schenken. Neugier. Spaß an der Sache an sich, auch ohne sexuelle Anziehung. Um ein Kind zu empfangen oder zu zeugen.

Gründe gibt es genug.

Und worauf es letzten Endes ankommt, ist nicht die Frage „kannst du?“ sondern die Frage „willst du?“

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Ein Gedanke zu “Vom Können und vom Wollen

  1. Ja, die Varationen dieser „kannst du?“-Frage sind unendlich. Immer, wenn ich glaube, ich hätte alle gehört, fällt irgendwem was Neues ein.
    Dankeschön für diese Aufschlüsselung.

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