Italienisch für Anfänger – Subtext? Welcher Subtext?

Freitagnachmittag, 20 Grad Celsius, Sonne, und in meinem Italienischbuch stehen Sätze wie „Dalla mia terrazza vedo il mare“ (Von meiner Terrasse aus sehe ich das Meer). Stimmt nicht ganz, aber man könnte sagen, ich arbeite daran. Es ist zwar erst April, aber ich erkläre den Sommer hiermit für eröffnet. Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer.

Projekt „Italienisch lernen“ klappt solange, bis ich mich an die CD mit den Texten mache. Eine virtuelle Sprachreise durch Italien. Klingt gut. Sie fängt in Verona an, auf Julias Balkon (ja, genau, die Julia), da war ich auch schon mal, und ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, dass ich so ungefähr alles andere in Verona spannender fand, aber scheinbar ist ein Aufenthalt dort nicht vollständig, wenn man diesen Balkon nicht gesehen hat. Wenn ihr mich fragt, ist Romeo und Julia weder das spannendste Stück, noch die schönste Liebesgeschichte aus Shakespeares Feder, aber gut.

In meinem Übungstext begegnen sich auf Julias Balkon Elena und Amedeo, tauschen Namen aus und stellen fest, dass sie aus Venedig kommt und er aus der Nähe von Neapel – und im nächsten Satz bemerkt sie vielsagend, es gäbe täglich zwei Züge von Venedig nach Neapel. Okay, nicht das erste, was mir einfallen würde, aber… Vielleicht fährt sie wirklich gerne Zug. „Elena…“ sagt daraufhin Amedeo, „es gibt auch einen Flug am Tag.“ Um, ja. Smalltalk. Nicht jedermanns Sache. – „Sì, Amedeo,“ haucht wiederum sie, und ich frage mich, ob sie vielleicht Aktien an der Fluggesellschaft hält, eigentlich für das Verkehrsministerium arbeitet, oder warum diese Bemerkung solche Begeisterung auslöst. Aber der nächste Satz aus seinem Munde ist „Elena, du bist sehr schön.“ – Moment mal. Eben waren wir noch bei Zügen. Und Flugzeugen. Ich habe das Gefühl, einen Teil des Gesprächs verpasst zu haben. Erfreulicherweise werde ich mit dem nächsten Satz darüber aufgeklärt, dass „die Geschichte von Romeo und Julia eine ist, die sich jeden Tag wiederholen kann“.

Na dann.

Okay, nein. Was genau ist mir hier entgangen?

Verwirrt beschließe ich, dass der Text wahrscheinlich deswegen so merkwürdig unvollständig ist, weil es ein Buch für Anfänger ist, und die Entwickler das Vokabular möglichst einfach halten wollten. Irgendwie sinnvoll. Na gut. Weiter zum nächsten Text.

Wir sind immer noch in Verona, diesmal aber auf dem Blumenmarkt. Offenbar möchte ein älteres Ehepaar Blumen für seinen Sohn kaufen. Ziemlich progressiv, find ich super. Schenkt dem Jungen Blumen, und beweist, dass es überhaupt nicht stimmt, dass sich nur Frauen über Blumen freuen. Weg mit den ganzen alltäglichen Geschlechterstereotypen! Ha! Das sind bestimmt total coole Eltern, die ihren Sohn voll und ganz unterstützen würden, wenn er sich als asexuell outen, Luciano von nebenan heiraten und ein geschlechtsneutrales Modelabel gründen würde.

Allerdings scheinen sie sich mit Blumen nicht so wirklich auszukennen. Und die Auswahl ist auch ein bisschen komisch. Es gibt Nelken, Veilchen, Rosen (aber nur rote) und Tulpen – aber nicht irgendwelche Tulpen, sondern tulipani dell’amore. Ich verstehe ein bisschen was von Blumen, deswegen finde ich diese Auswahl doch recht interessant. Blumen sind nämlich nie einfach nur hübsch anzusehen. Es gibt kaum etwas, das so oft als Symbol ge- und missbraucht wird wie Blumen. Auch wenn heutzutage abgesehen von Floristen, Kunsthistorikern und Literaturwissenschaftlern die meisten Leute Analphabeten in der Sprache der Blumen sind  und über „rote Rosen stehen für die Liebe“ nicht hinaus kommen – was ich schmerzlich feststellen musste, als ich einmal einer reizenden Kolumbianerin ein Bouquet aus Lisianthus und weißen und rosa Rosen schickte, und sie dachte, ich wollte ihr zum Geburtstag gratulieren. Und dabei kann man das heutzutage alles nachlesen. Sogar bei Wikipedia. Fachwissen nicht erforderlich.

Zurück zu meinem Italienischtext. Woran denke ich bei Nelken? An grüne Nelken und Oskar Wilde. Und Veilchen? Lange Zeit ein Symbol für weibliche Homosexualität. Rote Rosen? Siehe oben. Und Tulpen? Hängt von der Farbe ab, aber mit großen Gefühlen haben sie eigentlich immer zu tun. Da hätte es den Zusatz „dell’amore“ gar nicht gebraucht. „Das sagen die Holländer,“ weiß die Floristin in meinem Italienischbuch zu berichten. Na, die müssen es ja wissen. Holland = Tulpen. Wo wir schon bei den Klischees sind…

Mama und Papa können sich denn auch nicht so recht zwischen den roten Rosen und den Liebestulpen entscheiden, ist ja auch schwer, bei gleicher Bedeutung (ich persönlich würde ja die Rosen nehmen, die halten sich in der Vase länger…). Just in dem Moment stößt jedoch ein unbekannter Dritter hinzu, der sich freundlich vorstellt und Papa eine Zigarette anbietet, sie ihm anzündet und mit träumerischer Stimme zu bedenken gibt, alle Blumen hätten etwas Besonderes. Ooookay. Liebes Italienischbuch, willst du mir vielleicht irgendwas sagen?! Ich weiß ja nicht, aber die Szne könnte auch am Anfang eines Groschenromans stehen. Wohlgemerkt eines Groschenromans, in dem Papa feststellt, dass das mit seiner Ehe zwar ganz nett war und so, er aber eigentlich doch eher auf Männer steht, und – sieh da! – den Mann seines Lebens auf dem Blumenmarkt kennenlernt, als er (mit seiner Frau…) einen Blumenstrauß für seinen Sohn kauft. – Aber nein, denn die Szene endet damit, dass die Eltern beschließen, die Rosen und die Tulpen zu nehmen und Papa seine Hoffnung äußert, Sohnemann Franco möge doch einen netten Holländer kennenlernen (zugegeben, es könnte auch eine Holländerin gemeint sein). Mama findet das super.

Jaaaaa… leicht verwirrt blättere ich in meinem Italienischbuch. Komisch, die Texte, die in meinen Büchern im Sprachunterricht in der Schule standen, waren nie so zweideutig. Irgendwas kommt mir hier Spanisch vor, und ich frage mich, ob das wirklich so gemeint ist.

Das man Texte ganz unterschiedlich auslegen kann, ist eine Erkenntnis, die den meisten von uns früher oder später im Sprachunterricht in der Schule kommt (alternativ auch im Religionsunterricht), häufig begleitet von der möglicherweise wichtigeren Erkenntnis, dass es meistens eine „richtige“ Auslegung gibt, die „besser“ ist als die eigene – die des Lehrers. Meine Theorie, dass es sich bei Margaret Steenfatts Kurzgeschichte „Im Spiegel“ um den erfolgreichen Ausbruch eines Jungen aus seinem von gesellschaftlichen Konventionen eingeengten Leben und seinem erfolgreichen Start in ein neues, befreites Leben handelt, war leider ebenso unpopulär wie die Interpretation einer Mitschülerin, Jesus habe in einer glücklichen polyamoren Beziehung mit seinen Jüngern gelebt, bis ihm das konservative Establishment diesen schönen, lebensbejahenden Lebensentwurf brutal zunichtemachte.

Was hat Textanalyse mit dem wahren Leben zu tun? Viel. In der Welt, in der wir heute leben, sind wir permanent darauf angewiesen, Texte, Bilder und Situationen zu interpretieren und zu analysieren. Es geht irgendwann so automatisch, dass wir gar nicht mehr darauf achten. Bei der Interpretation und Analyse helfen uns Erfahrungen, die wir bereits gemacht haben, Muster und Schemata, Analogien, gelernte und internalisierte Regeln. „Wenn A, dann B.“ Ohne diese Hilfsmittel wäre das Leben entsetzlich anstrengend.

„Wenn seine Eltern Franco einen Blumenstrauß schenken, heißt das, dass sie ihn gern haben und an ihn denken.“ – „Wenn jemand jemandem rote Rosen schenkt, heißt das, dass er ihn oder sie lieb hat.“ Und so weiter.

Weil wir aber zum Glück nicht alle gleich sind, verwenden wir auch nicht alle die gleichen Analyse-Hilfsmittel. Welche wir verwenden, hängt von persönlichen Erfahrungen, von Erziehung, von Werten, von der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind und einer Vielzahl anderer Faktoren ab. Letztlich auch von unseren eigenen Interessen.

Für asexuelle Menschen sind sexuelle Anspielungen deswegen manchmal verwirrend. Wenn man etwas noch nie am eigenen Leib erfahren hat, kann es schwer sein, sich das vorzustellen, das kennen wir alle. Und wer asexuell ist, spürt keine sexuelle Anziehung. Deswegen sind Texte wie die Geschichte von Amedeo und Elena manchmal verwirrend, vor allem, wenn sie so kurz gehalten sind. Anziehung auf den ersten Blick? Schwer verständlich.
Allerdings – ich wage zu behaupten, die meisten von uns leben in einem Umfeld, in dem Sex etwas Alltägliches und Allgegenwärtiges ist. Und genau wie man eine Sprache oder bestimmte Verhaltensmuster lernen kann, kann man lernen, bestimmte Situationen oder Anspielungen zu deuten. Das kann aber auch nach hinten losgehen. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass der unbekannte Dritte in meinem Italienischbuch eigentlich nicht mit Francos Papa flirten sollte. Ups, Fehlinterpretation. Passiert mir ziemlich oft, vor allem, weil ich eine ziemlich lebhafte Fantasie habe, und mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht habe.

Mir ist nie so richtig bewusst geworden, dass ich bestimmte Dinge nicht, erst spät oder anders als andere verstehe, bis ich herausgefunden habe, dass ich asexuell bin. Zum Beispiel Prostitution oder Pornos. Dass man mit seinem Freund oder seiner Freundin ins Bett gehen möchte, leuchtete mir ja irgendwie noch ein. Wunsch nach Nähe, Besitzansprüche deklarieren, große Liebe, und so weiter. Aber dafür zu bezahlen, mit jemand wildfremden zu schlafen oder anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie Sex haben (oder möglicherweise auch nur so tun als ob)? Was für merkwürdige Beschäftigungen…
Rational verstehe ich beides – Menschen haben sexuelle Bedürfnisse, die sie vielleicht nicht anders, oder zumindest nicht zeitnah anders befriedigen können, daher Prostitution. Und anderen beim Sex zuzuschauen, finden viele offenbar erregend. Okay. Alles reine Biologie.

– Aber emotional? Großes inneres Kopfschütteln.

*Das verwendete Italienischbuch ist das Begleitbuch zu digital publishing, „Intensivkurs Italiano“; Copyright: digital publishing AG 2004

 

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2 Gedanken zu “Italienisch für Anfänger – Subtext? Welcher Subtext?

  1. In meinem Italienisch-Lernmaterial ging es damals, soweit ich mich erinnere, größtenteils ums Essen. Ich war 15/16, es war ein Kurs für Erwachsene und falls es da sexuelle Anspielungen gab, habe ich das entweder nicht mitbekommen oder inzwischen vergessen.
    Mit Anfang 20 habe ich einen Rumänischkurs besucht, da gab es im Buch einen Dialog, in dem ein Junge ein Mädel besuchte und die Mutter nicht wollte, dass er bei ihr im Zimmer schlief. Das fand ich eher witzig.
    Für Polnisch gibt es so eine Videoreihe „Verliebt durch Stettin“, ich habe nicht so viele Folgen davon gesehen, aber ein Bekannter von mir ja und er meinte, die Polin und der Deutsche raspeln so viel Süßholz, dass es ihm auf die Nerven geht.

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