Sport und nackte Haut

Ich habe beim Sport gerne Gesellschaft. Im Grunde genommen habe ich überhaupt gerne Gesellschaft, und beim Sport motiviert es mich, wenn ich mich nicht ganz alleine irgendwo abstrample oder abschwitze. Leider scheine ich keine Begabung für die meisten klassischen Teamsportarten zu haben, insbesondere dann nicht, wenn Bälle involviert sind. (Was mich nicht davon abgehalten hat, diverse Ballsportarten auszuprobieren). Ich spiele semi-regelmäßig Netball, aber das war’s dann auch schon mit Teamsport. Trotzdem – auch beim Laufen und/oder im Gym bin ich nicht gern allein.

Sich Sportgeräte mit einer Gruppe Polizisten zu teilen, hat viele Vorteile (wahrscheinlich noch mehr, wenn man/frau auf sportliche Männer steht). Zum Beispiel blockieren sie keine Laufbänder, während sie im Schritttempo WhatsApp-Nachrichten checken. Außerdem brauche ich auch nicht neidisch zu sein, weil ich a) sowieso nie so sportlich sein werde wie diese Jungs, ganz egal, was ich tue und es b) auch gar nicht sein muss, weil mein Job es im Gegensatz zu ihrem nicht erfordert.
Und ich habe mich beim Sport selten so sicher gefühlt.

Allerdings – die Geschmäcker sind verschieden, so auch bei der Wahl der geeigneten „Ablenkung“ beim Sport. Ich persönlich höre gerne mit geräuschausblendenden Kopfhörern Musik, zu der andere Leute tanzen (House und Trance, nicht Wiener Walzer, um das hier klarzustellen, weil es offenbar auch Leute gibt, die Wagner und Schubert für geeignete Workout-Musik halten… wer’s mag…). Meine Mit-Sportler sind mir zwar teilweise in Sachen Musikgeschmack recht nahe, mögen dazu aber auch noch Videos – von schnellen Autos, starken Kerlen, coolen Stunts, Luxusyachten und, ja, leichtbekleideten Mädels.

Und weil sie alle wirklich nett und rücksichtsvoll sind, kommt regelmäßig die Frage: „Stört’s dich?“ (… wenn ich den Fernseher anmache / lauter mache / umschalte). Oder auch – allerdings meistens eher nur angedeutet: Stört dich der Inhalt? Von wegen leichtbekleidete Frauen und so. Irgendwie finde ich diese Frage ziemlich niedlich. Man(n) hat’s ja heute auch nicht leicht – siehst du dir Bikini Babes, die vor schnellen Autos posieren an, kommst du leicht in die Gefahr Anstoß bei Frauen zu erregen oder als unsensibler Macho, der nur mit gewissen Weichteilen denkt, rüberzukommen. Ich glaube, dass sich viele Frauen genauso gerne halbnackte Kerle ansehen (mit oder ohne Autos), ist manchen Männern nicht so richtig bewusst.

Mich stören die Damen im Video jedenfalls nicht. Zum einen sind sie alle ziemlich hübsch, und man soll mir nicht nachsagen, ich wüsste weibliche Schönheit nicht zu würdigen. Zum anderen haben sie sich offensichtlich aus freiem Willen dazu entschlossen, im Bikini durch Videos zu hopsen, und mir wirft ja schließlich auch niemand vor, dass ich in meiner Freizeit gerne in knappen Shorts und rückenfreien Sporttops durch die Landschaft renne.

Das ist allerdings ein weitverbreitetes Missverständnis über asexuelle Menschen. Um dieses klarzustellen – nein, wir haben kein grundsätzliches Problem mit nackter Haut. Oder wenn, dann hat es meiner Ansicht nach nicht sonderlich viel mit unserer sexuellen Orientierung zu tun. Vielen Menschen macht Nackheit oder Halbnackheit wenig oder gar nichts aus. Anderen ist sie sehr unangenehm. Beides ist legitim. Es ist genausowenig verwerflich, seine Mitmenschen nackt sehen zu wollen, wie sie nicht nackt sehen zu wollen, oder nur einige wenige nackt sehen zu wollen, finde ich.

Ich selbst bin gegenüber Nackheit und aufreizender Bade/Unterwäsche, egal bei welchem Geschlecht, relativ indifferent. Ich habe im Prinzip auch kein Problem damit, wenn andere Leute mich im Naturzustand sehen, solange sie ihre Gedanken dazu und insbesondere etwaiges sexuelles Interesse an meiner Person für sich behalten. Was nicht heißen soll, dass ich regelmäßig nackt oder im kessen Bikini unterwegs bin. Beides  ist nachweislich nicht nur unpraktisch, sondern auch unbequem. Aber wie gesagt, manche meiner Sportklamotten sind schon ziemlich knapp.

Was uns zu einer weiteren Frage bringt, die mir gelegntlich gestellt wird: warum ziehst du dich so (aufreizend) an, wenn du mit niemandem Sex haben willst? (Diese Frage ist verwandt mit anderen wie „Warum schminken sich asexuelle Frauen?“ und „Warum will ein asexueller Mann auch ein Sixpack?“)

Zunächst einmal: ich trage die meisten meiner Klamotten, weil ich mich darin wohlfühle (und einige, weil es von mir erwartet wird). Meine kappen Laufshorts sind bequem, Punkt, aus. Luftige Tops mit wenig Träger und viel Rückenfreiheit sind es auch. Man sieht den Sport-BH? Gut. Er war teurer als die meisten meiner Hosen, und was glaubt ihr, warum die da so ein hübsches Muster draufdrucken? – Ein Pastor hat mich nach dem Gottesdienst mal darauf hingewiesen, dass es irgendwie unfair wäre, dass ich T-shirts mit Sprüchen trage, die genau über meine Brüste gedruckt sind, da müsse man(n) ja hinschauen. Woraufhin ich nur sagen konnte, dass ich ja nun auch nichts daran ändern kann, dass sie da sind, wo sie sind (die Brüste, meine ich). Das leuchtete ihm irgendwie ein. Aufreizend sind die Sprüche im Übrigen in der Regel nicht, und selbst wenn… von den Kleidern auf die Person darunter zu schließen, geht allzu oft in die Hose.
Sexuelle Orientierung schlägt sich nicht zwangsläufig im Kleidungsstil nieder. Nicht alle schwulen Männer sind modebewusst, nicht alle lesbischen Frauen stehen auf Holzfällerhemden, und asexuelle Menschen müssen nicht grundsätzlich rumlaufen, als wären sie gerade aus einer Klosterschule geflohen.

Gibt Kleidung irgendjemandem das Recht, irgendjemand anderen anzumachen? Nein. (Es sei denn, auf dem T-shirt steht „Mach mich an“, und vielleicht noch nicht einmal dann).

„Aber wenn du keine Aufmerksamkeit willst, warum ziehst du dich dann so an?“ (schminkst du dich/spielt es eine Rolle, ob du fit bist oder nicht) – Weil’s mir gefällt. Man kann auch mal Dinge nur für sich selbst tun, ohne Augenmerk auf die Außenwirkung.

Außerdem… wer hat je behauptet, dass asexuelle Menschen nicht bewundert werden möchten?

Für ihren Modegeschmack.
Für ihre sportliche Figur.
Für die schicken High Heels.
Für den perfekten Lidstrich.
Für ihren ganz eigenen Stil.
Für …

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Keine Kondome für die AfD

In diesem Beitrag geht es unter anderem um Sex in der Werbung. Werbeanzeigen mit sexuellen Darstellungen sind verlinkt. Wenn ihr –  egal aus welchem Grund – lieber Sex-freie Artikel lesen möchtet, überspringt ihr diesen Post vielleicht besser.

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Die AfD und Donald Trump haben viel gemeinsam, sowohl hinsichtlich ihres Auftretens, als auch hinsichtlich ihrer Standpunkte zu bestimmten Themen. Außerdem sorgen sie regelmäßig für außerordentlich (wenn auch ungewollt) komische Schlagzeilen. Ich warte nur darauf, eines schönen Sommermorgens aufzuwachen, den Laptop aufzuklappen und von der Schlagzeile „Trump-Geständnis: Ich bin in Wahrheit ein Comedian“ oder „AfD entpuppt sich als Politsatire-Projekt“ begrüßt zu werden.

Als ich gerade ziellos in der Landschaft herumsurfte – es ist Samstag, ich muss nicht arbeiten, und draußen ist es brüllend heiß – stolperte ich bei Spiegel Online (oder vielmehr bei bento) über die Schlagzeile AfD-Nachwuchs klagt gegen „staatlich verordnete Sex-Plakate“.

Erste Reaktion: Oookay, jetzt sind die also auch noch gegen Sex? Das ist ja was…

Dieses Missverständnis klärte sich aber rasch auf – offenbar hat die AfD (oder deren Nachwuchs… wie muss ich mir den eigentlich vorstellen, „niedliche“ Mini-Rassisten in maßgeschneiderten Trachtenklamotten? Nachwuchs impliziert ja irgendwie etwas Putziges, Kleines, das noch größer und böser wird) nur dann was gegen Sex, wenn er nicht in ihr traditionelles Familienbild der „Familie aus Vater, Mutter und Kindern als Keimzelle der Gesellschaft“ (Zitat aus dem Leitantrag Grundsatzprogramm der AfD, S. 27) passt. Also z.B. Sex zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts. –  Iiiih! Weichet, ihr Zerstörer des christlichen Abendlands. –

Laut bento hat der Landesvorsitzende der Jungen Alternative Niedersachsen nach eigenen Angaben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angezeigt. Deren Job ist es, die Bevölkerung über potentielle Gesundheitsrisiken aufzuklären und Prävention zu betreiben. Eigentlich löblich, sollte man meinen. Die AfD-Jugend stört sich jetzt aber offenbar daran, wie diese Aufklärung erfolgt. Die BZgA hat unlängst nämlich den öffentlichen Raum mit Plakaten gepflastert, die Comic-Figuren beim Sex zeigen und zur Benutzung von Kondomen aufrufen.

Zugegeben, mir sind diese Plakate auch aufgefallen. Sie sollen offensichtlich auffallen. Wirklich provozierend sind sie in einer Welt, in der Sex omnipräsent ist, nicht, aber sie erregen Aufmerksamkeit. Einige fand ich ganz witzig, die expliziteren lösten ein vages Unbehagen aus – nennt mich prüde, aber ich bin kein allzu großer Fan von explizit sexuellen Darstellungen im öffentlichen Raum. Andererseits – Meinungs- und Kunstfreiheit ist einer der Grundpfeiler der Demokratie, und mir bleibt es ja wie allen anderen freigestellt, wegzusehen, wenn es mir so ein Plakat nicht gefällt. Außerdem ist die Plakatkampagne in diesem Fall für einen wirklich guten Zweck.

Die Junge Alternative sieht das scheinbar anders. Ob sie den Zweck gut findet oder nicht, bleibt unklar, aber einfach nur wegzusehen scheint ihr jedenfalls nicht zu genügen. Stein des Anstoßes ist allerdings offenbar nicht die Darstellung sexueller Inhalte im öffentlichen Raum, sondern die Tatsache, dass nicht ausschließlich heterosexuelle Paare beim Sex gezeigt werden. (Skandal!)

Ich frage mich, ob sich die AfD auch an diesem Plakat stören würde? (Übrigens, ein interessanter Artikel zum Thema Sex und Sexismus in der Werbung ist hier zu finden.)  Traurigerweise, wahrscheinlich nicht. Oder zumindest nicht so öffentlich.

Gender-Forschung ist für die AfD ein rotes Tuch –  „Die Gender‐Forschung erfüllt nicht den Anspruch, der an seriöse Forschung gestellt werden muss. Ihre Methoden genügen nicht den Kriterien der Wissenschaft, da ihre Zielsetzung primär politisch motiviert ist.“ (Zitat aus dem Leitantrag Grundsatzprogramm der AfD, S. 37) Um, ja… wenn ich ehrlich bin, befürchte ich ja, zumindest ersteres könnte man über eine ganze Reihe von Geisteswissenschaften sagen, und trotzdem zweifelt niemand ernsthaft an deren Existenzberechtigung. Zugegeben, manche Gender-Auswüchse sind mir persönlich auch suspekt… aber das geht mir auch bei manchen Ergüssen aus dem Bereich der Philosophie, Germanistik oder Theologie nicht anders, um nur drei Beispiele zu nennen. Und warum sollte Gender-Forschung politisch motivierter sein als beispielsweise die universitäre Beschäftigung mit „Good Governance“? Auch Forscher, Lehrende und Studenten dürfen politische Meinungen vertreten.

Hinter der Plakatkampagne aber, befürchtet offenbar die Junge Alternative, stehen böswillige Gender-Ideologen, die anderen ihre gesellschaftsschädigende Meinung aufzwingen wollen. Buh! Wenn ihr mich fragt, unterstellen die der BZgA da ja etwas zu viel Ehrgeiz, aber Verschwörungstheorien verkaufen sich halt gut.
Laut auf Facebook veröffentlichter Pressemitteilung versuchen die bösen „Gender-Ideologen“ unter dem Deckmantel einer Aufklärungskampagne nämlich „ihren Traum von einer frühsexualisierten, multisexuellen „Gesellschaft der Vielfalt“ zu verwirklichen“. Ganz schön clever.

Hm… Moment mal. „Gesellschaft der Vielfalt“? Klingt gut. „multisexuell“? Nehm ich auch, jedenfalls wenn „multi“ auch ein Plätzchen für asexuell/aromantisch bietet. Wo kann ich das liken?

 

PS: Ich wäre vermutlich kein gutes AfD-Mitglied. Das Einzige, was mich wirklich an der Kampagne stört, ist die einseitige Fokussierung auf Kondome als Verhütungsmittel. Schließlich sind die ja in erster Linie für Menschen mit Penissen und deren Sexualpartner nützlich. Das Thema Verhütung und Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten ist aber auch für andere Leute durchaus interessant, zum Beispiel für Frauen, die gerne mit Frauen Sex haben…

Freundeskreise

Neulich war ich zu Besuch „zuhause“ (in Anführungszeichen deswegen, weil das Wort für Weltenbummler wie mich ein ziemlich dehnbarer Begriff ist). Mai in Süddeutschland: nass bis sonnig, Blumen, oh-so-grün, blauer Himmel mit Wattewolken. Viel Familie, zu diversen Anlässen und in unterschiedlichen Konstellationen.

Dabei fiel mir auf, dass ich nicht mehr gefragt wurde, ob ich mir nicht auch mal einen Partner oder eine Partnerin zulegen möchte. Das Thema „Enkelkinder“ kam zwar auf, aber glücklicherweise sind meine Mutter und ich in dieser Frage ziemlich einer Meinung – ich mag Kinder, und könnte mir durchaus vorstellen, ein bis drei großzuziehen. Wie eine meiner Cousinen dem Clan als prima Single-Mama inzwischen bewiesen hat, kann frau das auch ganz ohne männliche Unterstützung. Ich vermute, das tröstet meine Mutter über die Abwesenheit einer geeigneten Schwiegerperson hinweg. Wenn ich’s mir aussuchen kann, und darauf hoffe ich, wäre ich aber nicht gerne eine alleinerziehende Mutter – das ist nämlich verdammt anstrengend. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter gilt meine größte Hochachtung allen Eltern, die Kinder und Beruf allein unter einen Hut bringen müssen.

Aber eigentlich sollte das Thema Familie/Kinder nur die Überleitung und ich habe mich schon wieder verquasselt. Eigentlich wollte ich über Freunde schreiben, oder genauer gesagt, Freundeskreise. Bei meinem Familienbesuch fiel nämlich mal wieder der Satz „deine Freunde sind ja alle schwul“ (siehe hier), diesmal in der Variation „du hast ja schon wieder nur schwule Freunde“. Und eine meiner Cousinen meinte bewundernd „Wo lernst du die nur immer kennen? Ich kenne überhaupt keine schwulen Jungs oder lesbischen Mädels, nicht mal im Studentenwohnheim.“ (rein statistisch gesehen unwahrscheinlich, aber ich fand es doch sehr erfreulich, dass sie einen Freundeskreis bestehend aus Menschen diverser sexueller Orientierungen für erstrebenswert hält).

Bestreiten konnte ich die „Anschuldigung“ im Übrigen nicht – tatsächlich identifiziert sich die weit überwiegende Mehrheit meiner männlichen Freunde als homosexuell. Was mir dann doch irgendwie zu denken gab. Schließlich sucht man sich seine Freunde ja in der Regel selbst aus, und diese Auswahl ist irgendwie auch eine Aussage über persönliche Vorlieben, Neigungen und Gewohnheiten. Um das gleich mal vorweg zu nehmen – ich finde alle meine Freunde unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung großartig (anderenfalls wäre ich wohl nicht mit ihnen befreundet). Sie sind alle auf ihre eigene Art wunderbare Menschen. Andererseits – davon gibt es aber jede Menge, und ich bin nicht mit allen befreundet. Nach welchen Kriterien suche ich mir also meine Freunde aus?
Zum einen gemeinsame Interessen, klar. Schließlich muss man sich ja irgendwo kennen lernen und erstmal etwas finden, worüber man sich unterhalten kann. Aber es ist nicht nur das. Ich habe Freunde, die sich total für Fußball, Sticken oder Horrorfilme begeistern können, und ich finde alle drei eher langweilig. Umgekehrt können viele meiner Freunde weder mit Halbmarathons, noch mit Fanfiction oder Botanik etwas anfangen. Das tut unserer Freundschaft aber keinen Abbruch.

Aber spielt die sexuelle Orientierung eine Rolle? Wenn ich mein Freundschaftssystem näher betrachte, sehe ich eine Reihe konzentrischer Kreise. Beste Freunde, gute Freunde, eher lose Freundschaften. Die Qualität der Freundschaft hängt nicht davon ab, wie lange ich die Leute kenne oder wie oft ich sie sehe (viele meiner Freunde sehe ich nur ein oder zweimal im Jahr in Person, weil sie in ganz anderen Ecken der Welt wohnen als ich).
Unter meinen Freunden gibt es eine ganze Menge, die sich als heterosexuell identifizieren, ein paar die bi oder lesbisch sind, eine ganze Reihe, von denen ich es nicht genau weiß (und ich frage auch nicht nach, wenn sie es mir erzählen wollen, werden sie es früher oder später tun, vermute ich), oder die sich nicht festlegen möchten. Und wie bereits erwähnt viele homosexuelle Männer. Um genau zu sein sind mit einer knappen Hand voll Ausnahmen alle meine männlichen Freunde schwul. Und die die es nicht sind, sind fast alle verheiratet oder in einer festen Beziehung.

Okay, das könnte natürlich ein Zufall sein. Oder dadurch bedingt, dass man Freunde ja oft auch durch andere Freunde kennen lernt. Wenn man erst mal einige schwule Freunde hat, erhöht sich wohl auch die Wahrscheinlichkeit, durch sie weitere nette schwule Männer kennenzulernen, mit denen man befreundet sein möchte.

Andererseits – für eine asexuelle Frau sind homosexuelle Männer zahn- und krallenlose Tiger und damit eine sichere Wahl. Die Wahrscheinlichkeit, unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, geht gegen null. Gemeinsam Zeit verbringen, Sport treiben, rumalbern, Schwimmen gehen, lachen, weinen, verreisen, feiern – alles völlig ungefährlich. Umgekehrt wird auch ein Schuh draus – für die Jungs bin ich keine Konkurrenz.
Vielleicht habe ich deswegen so viele schwule Freunde, weil es mir leichter fällt, ihnen zu vertrauen und mit ihnen Freundschaften einzugehen. Bei heterosexuellen (und bi- und pansexuellen, aber davon kenne ich bisher wenige) Männern, ganz egal wie nett und verständnisvoll sie sind, besteht immer ein gewisses Restrisiko. – Was wenn er doch auf mich steht? Irks, hilfe! Besser gar nicht erst riskieren.
Während bei meinen schwulen Freunden die einzige Gefahr darin besteht, dass ich eines Tages zu Tode geknuddelt werde (und es gibt schlimmere Arten zu sterben).

Damit wäre die Antwort auf die Frage „warum hast du so viele schwule Freunde?“:

Weil sie großartig sind… und ungefährlich.

 

Edit: Während ich dabei war diesen Text Korrektur zu lesen, bekam ich über Acebook eine Nachricht, die sich genau auf dieses Thema (und meinen vorherigen Blogpost dazu) bezog. Offenbar bin ich nicht die Einzige, der es so geht. Cool!

Wo die Liebe hinfällt

Es gibt Tage, an denen mich Selbstmitleid überfällt. – Kennt ihr das? Alles ist doof, die Arbeit, die Kollegen, die Songs im Radio, und oh, natürlich ist auch noch das Wetter mies. War ja klar. Die Wage zeigt nicht das Gewicht an, das ich gerne hätte, ich habe abends nichts Cooles vor, und leider auch niemanden, der zuhause auf mich wartet wenn ich heimkomme.

Wenn ich mir das eine Weile eingeredet habe, bin ich dann erstmal schlecht gelaunt, und trinke zu viel Kaffee, esse Frustschokolade oder brüte vor mich hin (oder alles zusammen). Was natürlich alles nicht besser macht. Klar.  Was dagegen hilft, ist mit einer guten Freundin zu chatten, ein paar Kilometer auf dem Laufband oder noch besser draußen zu laufen, oder die Finger in die Erde eines Blumenbeetes zu vergraben.

Oder…

Jemand erinnert mich daran, dass im Leben manchmal ganz unerwartet schräge unglaubliche, großartige Dinge passieren.

Heute war ich schon auf dem Heimweg und gottfroh, einen ziemlich langweiligen Tag im Büro endlich mit einem ziemlich langweiligen Meeting abgeschlossen zu haben. Aus Gewohnheit schaute ich auf dem Weg nach draußen noch bei meinem Kollegen, der das Büro im Erdgeschoss am nächsten bei der Tür hat, vorbei. Seine Tür ist immer offen, und ich bin wie eine Katze – ich kann offenen Türen nicht widerstehend. Selbst wenn ich schlecht gelaunt bin.

Ich möchte sagen, zum Glück, denn heute hat es sich wirklich gelohnt. Eigentlich wollte ich nur kurz hallo sagen, aber wir kamen ins Plaudern und irgendwo zwischen „was machst du in deinem nächsten Urlaub“ und „wie geht’s deiner Familie“ erzählte er mir, dass er sich neu verliebt hat – in eine transsexuelle Thailänderin. Nachdem ich meine Kinnlade sehr nachdrücklich ermahnt hatte, dort zu bleiben, wo sie hingehört, konnte ich ein vorsichtiges Lächeln wagen (vorsichtig, weil Kinnlade). Da saß mein Kollege vor mir hinter seinem Schreibtisch, 54 Jahre alt, kariertes Hemd, ordentlich, zuverlässig, normal. Verheiratet, Kinder, ein Reihenhaus mit Garten.

Und dann das.

„Ich weiß, dass das nicht einfach wird,“ sagte er, und ja, da konnte ich ihm nur zustimmen. „Aber ich finde, da muss man offen mit umgehen. Auch wenn’s nicht allen gefällt.“

Am liebsten hätte ich ihm applaudiert. Lautstark. Stattdessen unterhielten wir uns die nächste halbe Stunde über das rechtliche Theater, das mit einer Geschlechtsumwandlung verbunden ist, Ehefähigkeitszeugnisse, Visabestimmungen und Vorurteile.

„Du wirst dir ziemlich viel Blödsinn anhören müssen,“ warnte ich. „Idioten gibt’s leider überall. Auch unter unseren Kollegen.“ Und ich erzählte ihm von den paarmal, die ich von Freunden oder Bekannten enttäuscht worden war, weil ich mit einer positiven oder zumindest neutralen Reaktion auf mein Coming out gerechnet hatte und stattdessen auf Unverständnis oder Ablehnung gestoßen war. – Als heterosexueller Mann mit Familie erklären zu müssen, dass der Scheidungsgrund eine um einiges jüngere transsexuelle Frau ist, ist sicherlich auch nicht einfacher, als sich als asexuell zu outen. Ich konnte sie förmlich tuscheln hören. Ein Ladyboy! – Jetzt ist er völlig durchgedreht. – Das hält doch nie. – Midlife Crisis. – Glaubst du, er ist eigentlich schwul? – Das ist doch gar keine richtige Frau. – Wo er den wohl kennengelernt hat? Bestimmt in irgendeinem Nachtclub in Bangkok.

„Ich hätte ja auch nie gedacht, dass mir das passiert,“ meinte mein Kollege. Und ich dachte: na, willkommen im Club. „Ich musste erstmal ziemlich viel dazulernen. Ich meine, ich habe mich selbst immer für ziemlich tolerant gehalten aber wenn man dann selber mit jemandem zusammen ist, der transsexuell ist, merkt man erst, mit was für Schwierigkeiten transsexuelle Menschen leben müssen.“ Er lachte ein wenig. „Und das in meinem Alter.“

„Aber weißt du,“ sagte ich, „das ist doch ziemlich cool, oder? Dass du so deinen Horizont erweitern kannst? Außerdem… worauf es ankommt, ist doch, dass du glücklich bist.“

Er stimmte mir zu.

Und ich dachte mir, Selbstmitleid verflogen, dass das doch irgendwie großartig ist. Und dass, wenn die Freundin meines Kollegen wider Erwarten die große Liebe in einem Mann, der sie genau so akzeptiert und liebt wie sie ist, gefunden hat, es auch irgendwo da draußen jemanden für mich geben wird… und für alle anderen, die suchen. Ein ziemlich tröstlicher Gedanke.