Wo die Liebe hinfällt

Es gibt Tage, an denen mich Selbstmitleid überfällt. – Kennt ihr das? Alles ist doof, die Arbeit, die Kollegen, die Songs im Radio, und oh, natürlich ist auch noch das Wetter mies. War ja klar. Die Wage zeigt nicht das Gewicht an, das ich gerne hätte, ich habe abends nichts Cooles vor, und leider auch niemanden, der zuhause auf mich wartet wenn ich heimkomme.

Wenn ich mir das eine Weile eingeredet habe, bin ich dann erstmal schlecht gelaunt, und trinke zu viel Kaffee, esse Frustschokolade oder brüte vor mich hin (oder alles zusammen). Was natürlich alles nicht besser macht. Klar.  Was dagegen hilft, ist mit einer guten Freundin zu chatten, ein paar Kilometer auf dem Laufband oder noch besser draußen zu laufen, oder die Finger in die Erde eines Blumenbeetes zu vergraben.

Oder…

Jemand erinnert mich daran, dass im Leben manchmal ganz unerwartet schräge unglaubliche, großartige Dinge passieren.

Heute war ich schon auf dem Heimweg und gottfroh, einen ziemlich langweiligen Tag im Büro endlich mit einem ziemlich langweiligen Meeting abgeschlossen zu haben. Aus Gewohnheit schaute ich auf dem Weg nach draußen noch bei meinem Kollegen, der das Büro im Erdgeschoss am nächsten bei der Tür hat, vorbei. Seine Tür ist immer offen, und ich bin wie eine Katze – ich kann offenen Türen nicht widerstehend. Selbst wenn ich schlecht gelaunt bin.

Ich möchte sagen, zum Glück, denn heute hat es sich wirklich gelohnt. Eigentlich wollte ich nur kurz hallo sagen, aber wir kamen ins Plaudern und irgendwo zwischen „was machst du in deinem nächsten Urlaub“ und „wie geht’s deiner Familie“ erzählte er mir, dass er sich neu verliebt hat – in eine transsexuelle Thailänderin. Nachdem ich meine Kinnlade sehr nachdrücklich ermahnt hatte, dort zu bleiben, wo sie hingehört, konnte ich ein vorsichtiges Lächeln wagen (vorsichtig, weil Kinnlade). Da saß mein Kollege vor mir hinter seinem Schreibtisch, 54 Jahre alt, kariertes Hemd, ordentlich, zuverlässig, normal. Verheiratet, Kinder, ein Reihenhaus mit Garten.

Und dann das.

„Ich weiß, dass das nicht einfach wird,“ sagte er, und ja, da konnte ich ihm nur zustimmen. „Aber ich finde, da muss man offen mit umgehen. Auch wenn’s nicht allen gefällt.“

Am liebsten hätte ich ihm applaudiert. Lautstark. Stattdessen unterhielten wir uns die nächste halbe Stunde über das rechtliche Theater, das mit einer Geschlechtsumwandlung verbunden ist, Ehefähigkeitszeugnisse, Visabestimmungen und Vorurteile.

„Du wirst dir ziemlich viel Blödsinn anhören müssen,“ warnte ich. „Idioten gibt’s leider überall. Auch unter unseren Kollegen.“ Und ich erzählte ihm von den paarmal, die ich von Freunden oder Bekannten enttäuscht worden war, weil ich mit einer positiven oder zumindest neutralen Reaktion auf mein Coming out gerechnet hatte und stattdessen auf Unverständnis oder Ablehnung gestoßen war. – Als heterosexueller Mann mit Familie erklären zu müssen, dass der Scheidungsgrund eine um einiges jüngere transsexuelle Frau ist, ist sicherlich auch nicht einfacher, als sich als asexuell zu outen. Ich konnte sie förmlich tuscheln hören. Ein Ladyboy! – Jetzt ist er völlig durchgedreht. – Das hält doch nie. – Midlife Crisis. – Glaubst du, er ist eigentlich schwul? – Das ist doch gar keine richtige Frau. – Wo er den wohl kennengelernt hat? Bestimmt in irgendeinem Nachtclub in Bangkok.

„Ich hätte ja auch nie gedacht, dass mir das passiert,“ meinte mein Kollege. Und ich dachte: na, willkommen im Club. „Ich musste erstmal ziemlich viel dazulernen. Ich meine, ich habe mich selbst immer für ziemlich tolerant gehalten aber wenn man dann selber mit jemandem zusammen ist, der transsexuell ist, merkt man erst, mit was für Schwierigkeiten transsexuelle Menschen leben müssen.“ Er lachte ein wenig. „Und das in meinem Alter.“

„Aber weißt du,“ sagte ich, „das ist doch ziemlich cool, oder? Dass du so deinen Horizont erweitern kannst? Außerdem… worauf es ankommt, ist doch, dass du glücklich bist.“

Er stimmte mir zu.

Und ich dachte mir, Selbstmitleid verflogen, dass das doch irgendwie großartig ist. Und dass, wenn die Freundin meines Kollegen wider Erwarten die große Liebe in einem Mann, der sie genau so akzeptiert und liebt wie sie ist, gefunden hat, es auch irgendwo da draußen jemanden für mich geben wird… und für alle anderen, die suchen. Ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

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