Grüne Nelken und Gartenpartys

„He slipped a green carnation into his evening coat, fixed it in its place with a pin, and looked at himself in the glass…“ – Mit diesen Worten beginnt der Roman „The Green Carnation“ von Robert Hitchens. 1884 erschienen, und danach rasch wieder aus dem Verkehr gezogen (allerdings nicht schnell genug), löste das Buch doch einen mittleren Skandal aus, denn dass mit den Hauptpersonen Esmé Amarinth und Lord Reginald eigentlich Oscar Wilde und Bosie Douglas gemeint waren, konnte offenbar jeder Leser erkennen, der die beiden kannte. Grüne Nelken wurden damit unwiederbringlich zum Symbol für die Gefolgschaft Oscar Wildes, und für (männliche) Homosexualität im Allgemeinen. Heutzutage taugen sie als Erkennungszeichen nicht mehr ganz so gut wie, sagen wir, ein Regenbogen-Armband, aber der eine oder andere belesene Partygast wüsste eine grüne Nelke im Knopfloch eines Anderen wahrscheinlich schon noch zu deuten.

Erkennungszeichen sind von großer Bedeutung, für das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Die LGBT+-Community hat heute natürlich die Regenbogenfahne, und damit ein weithin anerkanntes und leicht zu erkennendes Symbol, das auch mit Stolz getragen wird (und, im Gegensatz zur Nelke im Knopfloch auch nicht welkt). Einzelne „Untergruppen“ haben jeweils ihre eigenen Symbole und Erkennungszeichen, die mit den Jahren auch variieren, und manchmal auch nicht Allgemein anerkannt sind, sondern nur innerhalb bestimmter Kreise.

Für Asexualität und Asexual Pride haben sich mittlerweile neben der Fahne in schwarz, grau, weiß und lila, ein meistens auf der Spitze stehendes Dreieck of in den gleichen Farben gehalten, und schwarze Ringe etabliert. Von den ganzen Kuchen-Anspielungen – ausgehend von „Cake is better than Sex“ (würde ich persönlich 1:1 so unterschreiben, vor allem, wenn es sich um Schokokuchen handelt – mjam) – ganz zu schweigen.

Allerdings – und das habe ich im Selbstversuch getestet – es ist möglich ein Dreivierteljahr mit einer schwarz-grau-weiß-lila Flagge auf der Kleidung herumzulaufen, ohne das irgendjemand darauf reagiert. Von einer einzigen Nachfrage einmal abgesehen (auf die hin ich erklärte, wofür die Fahne steht, und mein Gesprächspartner sagte „That is so cool, I’ve never met anyone who was asexual; come let me introduce to our resident pansexual, that should be interesting“), scheint sie niemand auch nur bemerkt zu haben.

Also vielleicht doch eher ein Erkennungszeichen für „Eingeweihte“… als solches hat sie zumindest den Vorteil, dass schwarz-grau-weiß-lila eine Farbkombination ist, die die wenigsten Leute zufällig verwenden, es dürfte also relativ selten vorkommen, dass jemand ganz unbedarft seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe bekennt, von deren Existenz er gar nichts weiß. Oder?

Sollte man meinen.

Am vergangenen Donnerstag war ich zu einem Pride Event bei amerikanischen Kollegen eingeladen, ein ausgesprochen netter Abend, auch wenn der Dresscode „pink“ lautete. Der wurde allerdings von den meisten Gästen recht leger ausgelegt, wahrscheinlich auch, weil kaum jemand, der die Pubertät hinter sich gelassen hat, größere Mengen pinker oder rosafarbener Kleidungsstücke zuhause im Schrank hängen hat. Von dem Kollegen, der einige Jahre in Hongkong verbracht hatte und – wie er uns berichtete – über eine große Auswahl von Garderobe für Garden Parties in reizenden Pastelltönen verfügt, einmal abgesehen. Die meisten von uns konnten nur mit pinken Schals, rosa Hemden, Rosen im Knopfloch oder pinken Socken aufwarten.

Ein Gast allerdings hatte sich richtig in Schale geworfen, und zwar in einem anthrazitgrauen Anzug, lilafarbenem Hemd und einer Krawatte in den Farben schwarz, grau, weiß und lila. Ins Auge fiel er uns allen, aber ich glaube, ich war die Einzige, deren Herz beim Anblick des Farbschemas einen Satz machte: „Die Farbkombination ist schauderhaft“, urteilte mein derzeitiger Chef (seinerseits dezent im blassrosa Poloshirt). – „Ich weiß nicht,“ erwiderte ich, „wenn er sie unabsichtlich ausgewählt hat, dann ja; dann wäre es ein bisschen zu viel. Aber wenn er sie absichtlich ausgesucht hat, finde ich das extrem cool.“ – „Hm,“ sagte mein Chef, offensichtlich nicht überzeugt, und wanderte in Richtung Bar davon.
Ich beschloss, den Herrn mit der interessanten Krawatte direkt darauf anzusprechen. Das allerdings stellte mich vor ein Problem, denn auf einer Party ist man selten allein, und wir waren beide umgeben von Freunden und Bekannten. Da ich ihn nicht unabsichtlich outen wollte, musste ich die Frage indirekt stellen. – Also nach einer Runde Smalltalk: „I’m curious – did you choose this outfit on purpose?“ Er sah mich etwas verdutzt an. „Yes, of course.“ – „It looks very nice,“ sagte ich sicherheitshalber schnell, „I’m just wondering about the colors – it’s unusual to see someone wear that particular combination.“ – „It was the closest thing I had to match the dresscode,“ sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Huh. Mir blieb nichts anderes übrig, als doch direkt zu fragen. „So – is it a statement?“ – „A statement?“ – „You know… those are the colors of the ace flag… asexual pride?“ Er und die Umstehenden sahen mich einen Moment lang verwundert an, dann lachte er ein wenig unsicher. „No, that’s a coincidence.“
Schade, dachte ich, und überließ das unwissende „Fashion Victim“ nach einer weiteren Runde Smalltalk seinem Schicksal.

Fazit: Auch auf Erkennungszeichen ist nicht immer Verlass. Wenn sich jetzt auch noch die Dame, die mir regelmäßig in Meetings gegenübersitzt, und nach deren schwarzen Ring ich mich noch nicht zu fragen getraut habe, als ein großer und unwissender Fan von Onyxschmuck entpuppt, wäre ich ehrlich gesagt ein bisschen frustriert…

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4 Gedanken zu “Grüne Nelken und Gartenpartys

  1. Ich bin manchmal überrascht, was es alles in unseren Farben zu kaufen gibt: Ringelshirts, Flanellhemden, Krawatten. Da nicht nur Aces die Zielgruppe sein können, freue ich mich, habe aber noch nie wen deshalb angequatscht. Auch schwarze Ringe sind kein sicheres Zeichen, wie eine Bekannte im Zug feststellen musste. Wahrscheinlich ist nur auf echte Flaggen und Buttons Verlass.

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