Nein, Schatz, ich bin wirklich nicht schwul

„Do you think he’s gay? People always ask if he is, or say that he is, and you know, sometimes I suspect…“

Vor mir stand eine zierliche Blondine in einem gut geschnittenen Abendkleid. Um uns herum, ein Raum voller Partygäste. Ein Botschaftsball, alle in Abendgarderobe, 100 Dollar pro Eintrittskarte, der Erlös sollte als Spenden an eine gemeinnützige Organisation gehen. Alkohol floss in Strömen, wie meistens bei solchen Veranstaltungen war die Musik zu laut und man konnte sich nur schreiend verständigen. Deswegen waren die ersten beiden Gedanken, die mir in Reaktion auf die Frage durch den Kopf gingen auch „Hm, vielleicht habe ich mich verhört“ und „Oh, sie hat aber schon ziemlich viel intus, oder?“

Weder noch.

Besagte Blondine – nennen wir sie Mary [nicht ihr richtiger Name, und jeglicher Bezug zu Mary Morstan ist natürlich völlig zufällig…] – wollte wirklich gerne meine Meinung zur mutmaßlichen sexuellen Orientierung ihres Partners wissen.

„Eh“, sagte ich wenig eloquent, weil das Thema „Wie reagieren Sie, wenn die Lebensabschnittsgefährtin eines Freundes Sie bei einer offiziellen Veranstaltung fragt ob er Ihrer Meinung nach homosexuell sei?“ in den meisten Etiketteratgebern nicht behandelt wird. – „I don’t think so…? I mean, you’re his girlfriend… and I suppose if he were, the topic would have come up by now…?“

Mary schien das nicht zu überzeugen. „Yes, I know. I asked him and he said no. But I’m just not sure… do you think he looks gay?“

„No,“ sagte ich. Allmählich begann ich mich in meiner Haut ziemlich unwohl zu fühlen. Außerdem fand ich die Frage absurd.

„I’ve asked other people as well,“ vertraute mir Mary an, und ich dachte, großartig, so entstehen Gerüchte. „I mean, he does hang out with a lot of gay guys…“

„Yes, but so do I, and I can assure you, I’m not secretly a gay man.“ Langsam wurde mir das Ganze dann doch etwas zu absurd. Sie hatte ihn gefragt, er hatte verneint, und eigentlich hätte die Frage damit doch beantwortet sein müssen. Oder?

Sie lachte nervös. „But… what if he’s bisexual?“

Ich zuckte die Achseln. „What if? He’s dating you, right?“

„But what if at age fifty, he figures out that he’s actually more into men and leaves me?“

Ich behielt meine Einschätzung, dass die beiden sicherlich nicht so lange zusammen bleiben würden, vor allem nicht bei einer offensichtlich derart bröckeligen Vertrauensbasis ihrerseits, vorerst für mich. „It’s just as likely that at fifty, he figures out that he’s actually into younger women and leaves you for a twenty-year old. What’s the difference? It doesn’t matter if it’s another woman or a man, the end result is the same.“

„I suppose so. And for the record, we have a very healthy sex life.“

Ich wurde ein bisschen blass um die Nase, vermute ich. „Please tell me NOTHING about it,“ bat ich sie.

„Still… don’t you think he’s…?“

„No.“

„Mhm,“ sagte Mary, beließ es aber vorerst dabei, und ich ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht, um den Rest des Abends mit wesentlich weniger unsicheren Leuten im Garten zu verbringen.

Ich hatte den Vorfall schon fast verdrängt, als mein Freund – Marys definitiv bessere Hälfte – bei einer Tasse Kaffee ein paaar Wochen später beiläufig berichtete, er sei nicht mehr mit ihr zusammen. „Oh,“ sagte ich, wenig überrascht, und konnte mich nicht so recht zu einem ‚das tut mir leid‘ durchringen.

„Mir ist das einfach auf die Nerven gegangen, dass sie mir nicht vertraut,“ sagte er.

Verständlich, dachte ich, und erzählte ihm von unserem merkwürdigen Gespräch auf dem Ball.

„Das überrascht mich überhaupt nicht,“ sagte er, „mich hat sie das auch ständig gefragt. Und ich versteh’s nicht. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber sie hat es mir nicht geglaubt. Und jetzt läuft sie überall herum und erzählt, ich wäre schwul. Das ist echt scheiße.“

Ich nippte an meinem Cappuccino und dachte darüber nach, dass das Ganze einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Normalerweise bin ich diejenige – sind wir Asexuellen diejenigen – die wieder und wieder versichern müssen dass wir wirklich nicht auf andere Leute stehen. Ganz ehrlich. Nein! Wirklich nicht!

Aber offensichtlich sind wir da nicht die Einzigen. Irgendwie war das tröstlich zu hören, bei allem Mitgefühl für die Nöte meines Freundes [der im Übrigen voll und ganz verdient hat, auch unter das A von LGBTIA und verwandten Abkürzungen zu fallen, weil er ein großartiger Ally/Unterstützer ist, der sich völlig unabhängig von seiner eigenen Orientierung und persönlichen Situation für die Rechte anderer einsetzt. Er gehört zu den wenigen Leuten, die kommentarlos und ohne jegliche Rückfragen akzeptiert haben, dass ich asexuell bin. Großartig!]

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Chivalry is not dead

Neulich bin ich auf einem Langstreckenflug endlich dazu gekommen, mir zwei Filme anzusehen, die ich im Kino verpasst hatte, und die schon lange auf meiner (immer länger werdenden Bucket List standen): Mission Impossible – Rogue Nation und Kingsman: The Secret Service. Ersterer war unterhaltsam, aber wenn man als Filmemacher glaubwürdig bleiben möchte, sollte man nicht unbedingt an einer der bekanntesten touristischen Sehenswürdigkeiten von Rabat drehen, und dann im Film behaupten, es handele sich um Casablanca. Noch dazu ohne jede Not. Jeder, der schon einmal das Vergnügen mit beiden Städten hatte, wird mir wahrscheinlich beipflichten, dass Rabat mit weitem Abstand die attraktivere und angenehmere ist – und auch Bösewichte finden bekanntlich Gefallen an den schönen Dingen des Lebens (… ein Glas Pfefferminztee und ein Corne de Gazelle im Café Maure hoch über der Stadtmauer von Rabat, frischer Wind vom Meer, und im Garten dahinter blühende Oleanderbüsche… und ich schweife schon wieder ab…).

Kingsman dagegen ließ dagegen zumindest für mich keine derart gravierenden geographischen Mängel erkennen, war äußert unterhaltsam und ließ mein Fangirl-Herz höher schlagen – ich verstehe jetzt, warum einige meiner liebsten Fanfiction-Autoren und Autorinnen sich von diesem Film in Versuchung haben führen lassen. Es schadet wahrscheinlich nicht, dass ich schon immer einen Faible für Menschen gut sitzenden Anzügen hatte. Auch wer keine sexuelle Anziehung empfindet, kann schließlich einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik haben.
Und ganz ehrlich? Gutes Benehmen ist attraktiv. Auch wenn sich die Regeln der Etikette mit der Zeit (und der eigenen Situation) ändern mögen, und neue Technologien, Entwicklungen und Erkenntnisse entsprechende Anpassungen erfordern, Höflichkeit, Rücksichtnahme und Respekt kommen nicht aus der Mode. Insofern würde ich dem Satz „Manners maketh man“ (woman, person) doch zustimmen.

Es gibt dazu eine schöne Szene aus einem anderen Film, Dance! (Take the Lead), in der Antonio Banderas in seiner Rolle als Tanzlehrer Pierre Dulaine für jede Frau, die den Raum betritt, die Türe öffnet und damit einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das ist jetzt vielleicht schon ein wenig übertrieben, und heutzutage wäre es auch durchaus angemessen, bei Bedarf Personen jeglichen Geschlechts die Tür aufzuhalten (auch wenn mich einige meiner männlichen Kollegen deswegen manchmal noch etwas irritiert ansehen). Aber gutes Benehmen kommt gut an und ist die denkbar einfachste und kostengünstigste Methode, andere Menschen für sich einzunehmen. – Umgekehrt ist schlechtes Benehmen natürlich auch eine der einfachsten Methoden, andere gegen sich aufzubringen. Niemand sitzt gerne in der Bahn oder im Flugzeug neben jemandem der lautstark telefoniert, andere an seinem miserablem Musikgeschmack teilhaben lässt, seine stinkigen Käsefüße auf den Sitz oder den Tisch legt, oder sich maßlos ausbreitet, um nur einige der häufigeren Beispiele aus meiner eigenen leidvollen Reiseerfahrung zu nennen (bei den Käsefüßen, die sich von hinten über den Sitz an mich heranrobbten, war dann Schluss, und ich bat die Eigentümerin derselben nachdrücklich darum, alle ihre verstreuten Körperteile bitte für die verbleibende Dauer des Flugs bei sich zu behalten).

Aber Freud und Leid liegen oft nahe beieinander und gute Manieren haben im Übrigen auch nichts mit dem Alter oder der sozialen Schicht zu tun (das wäre dann die andere, weniger berücksichtigte Botschaft von Kingsman). Wenige Tage nach meinem Rückflug war ich unterwegs zu einem dienstlichen Termin. Vor mir lief eine Gruppe junger britischer Soldaten, alle so Anfang zwanzig, offensichtlich bester Laune und ziemlich laut. Sie alberten herum, zogen sich gegenseitig auf, einer fluchte scherzhaft – und stellte beim Abbiegen um eine Kurve und einem Blick über die Schulter fest, dass ich hinter ihm lief, nur um sich prompt zu entschuldigen. „I’m sorry Ma’am.“

Für einen Augenblick sah ich ihn absolut verdutzt an. Es ist mir in meinem Leben bisher nur einige wenige Male passiert, dass sich jemand ernsthaft für die Benutzung von Schimpfwörtern bei mir entschuldigt hat, einfach nur, weil ich sie gehört und daran Anstoß genommen haben könnte (in fast allen Fällen waren die Betreffenden Amerikaner, es gibt da vmtl. auch eine kulturelle Komponente).

„That’s quite alright, don’t worry“, fiel mir dann doch irgendwann ein zu sagen, mit einem immer noch etwas verdatterten Lächeln. Aber, Hand auf Herz? An den Vorfall werde ich mich noch eine Weile erinnern. Und sollte ich dem britischen Soldaten noch einmal über den Weg laufen (was recht unwahrscheinlich ist), hätte er auf jeden Fall einen Stein im Brett.

Übrigens, solltet ihr Lust auf Kingsman-Fanfiction bekommen haben – hier sind meine aktuellen Lieblinge (bitte Ratings und etwaige Warnungen der Autoren beachten, insbesondere, falls ihr nichts mit explizitem sexuellem Inhalt lesen möchtet):
Who He Is
Lagavulin and Guinness
The Forgotten Knight
with your fierce tears
The Silent Horizon
Falls sie euch gefallen, seid so nett und lasst es die Autoren wissen.

Oh, und noch was zu lachen – Honest Trailer für Kingsman und Mission Impossible.