Kängurus, Mormonen und die Ehe für Alle

Neulich war ich in Australien.

(Ich wollte schon immer mal einen Blogpost so anfangen.)

Okay, Spaß bei Seite, ich bin tatsächlich gerade aus einem dreiwöchigen Australienurlaub zurückgekommen und versuche mich jetzt wieder hier zurechtzufinden, in einer völlig anderen Zeit- und Klimazone, zurück aus dem australischen Frühling in den Herbst, die Autos, Fußgänger und Rolltreppen bewegen sich plötzlich wieder auf der „richtigen“ Seite, und ich muss mein mühsam erarbeitetes ordentliches BBC-Englisch wieder einfangen. Der Kaffee ist auch wieder schlechter (und das ist fast das Schlimmste), aber immerhin versteht die Person auf der anderen Seite der Theke wieder, dass ich Espresso und heißes Wasser meine, wenn ich einen Americano bestelle (für das gleiche Ergebnis muss man in Australien einen Long Black bestellen, und bis ich das nach ungefähr einer Woche herausgefunden hatte, bekam ich meistens Cappuccino).

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Andererseits… wenn der Cappuccino so aussieht, und dann noch mit dieser Aussicht, gibt es keinen Grund zu klagen…

Australien also. 17 Stunden reine Flugzeit, und auf dem Hinweg brauchte ich ganze zwei Tage. Es ist ein bisschen deprimierend, wenn man auf seinen Reiseplan schaut und feststellt, dass man am 25. August losfliegt, und am 27. August ankommt. Und der 26.? Der ging irgendwo zwischen Dubai und Sydney verloren, fürchte ich.

In Sydney traf ich meine Freundin, mit der ich in den nächsten zwei Wochen eine Strecke von über 9.000 Kilometern zurücklegen würde, etwa 4.000 davon im Auto (nach ungefähr 800 fühlte es sich dann auch nicht mehr komisch an, auf der linken Seite zu fahren). Neben dem klassischen Touristenprogramm (Hafenrundfahrt, Kängurus fotografieren, Wale beobachten, verzückt den Sonnenauf- und untergang am Uluru betrachten) hatten wir das Glück, auch ein paar ungewöhnliche Dinge erleben zu dürfen. Abgesehen von einem außergewöhnlich glücklich platzierten Regenbogen über dem Uluru zu Sonnenaufgang, waren das unter anderem eine zufällige Begegnung mit einem Mitreisenden auf dem Flug von Alice Springs nach Cairns, der uns in etwa einer Stunde mit ausgezeichneten Tipps für die gesamte weitere Reise von Cairns nach Sydney versorgte und die Tage, die wir bei einer reizenden Mormonenfamilie in der Nähe von Melbourne verbringen durften, die es sich nicht nehmen ließ, uns die gesamte Umgebung, inklusive der Great Ocean Road bis Port Fairy, zu zeigen.

Meine Erfahrungen mit Mormonen hatten sich bis dato auf einige nette Begegnungen in den USA, und halb-erinnerte Erzählungen meines Vaters, der irgendwann vor gefühlten hundert Jahren mal in Salt Lake City vorbeikam, beschränkt. In Australien hatte ich sie eigentlich nicht erwartet, wobei es im Nachhinein naheliegend ist, dass eine Glaubensgemeinschaft, die rege missioniert, irgendwann auch am anderen Ende der Welt ankommen würde.

Ich muss als Hintergrund sagen, dass ich in einer überwiegend christlichen, aber nicht religiösen Familie aufgewachsen bin. Die meisten meiner Verwandten sind evangelisch und keine regelmäßigen Kirchengänger. Meine Eltern sind der Meinung, dass Religion Privatsache ist, und etwas, über das man eigenständig entscheiden sollte, deswegen wurde ich auch als Kind nicht getauft. Ich war in einem katholischen Kindergarten und einer katholischen Grundschule, hatte evangelischen Religionsunterricht bis zum Gymnasium, habe in einem Kirchenchor gesungen und ein Jahr lang mit einer Familie gelebt, die einer Pfingstgemeinde angehört. Ich war in katholischen, evangelischen und anglikanischen Gottesdiensten, fühlte mich am wohlsten immer bei den Quäkern* (weil dort bei der Andacht nicht so viel geredet wird), in buddhistischen Meditationsgruppen, und seit einem Jahr bin ich Mitglied einer ökumenischen Zweckgemeinschaft, der alle möglichen christlichen Konfessionen angehören. Es führen vielleicht nicht alle Wege nach Rom, aber offensichtlich viele zu Gott.

Trotzdem war ich nervös, als mich unsere Gastgeber einluden, sie zum Gottesdienst zu begleiten… nervös und neugierig. Wir mussten beide ehrlich zugeben, dass wir so gut wie nichts über Lehre und Bräuche der Mormonen wussten. Google, dein Freund und Helfer, aber vieles von dem, was wir da lasen, erschien uns aus westeuropäischer, quasi-säkularer Sicht doch etwas fremd. Mehrehe? Stellvertretertaufe von Verstorbenen? Offenbar herrschte auch keine Einigkeit darüber, ob die Mormonen als Christen zu betrachten seien, oder nicht.
Andererseits – unsere Gastgeber machten nicht den Eindruck, als seien sie überzeugte Fürstreiter der Vielehe**, als hätten hielten sie uns für Heiden, oder als äßen sie kleine Kinder zum Frühstück.

Da sich die Kirche gerade im Umbau befand, fand der Gottesdienst in einem Gemeindezentrum statt. Das Ganze war eine recht lebendige Angelegenheit, unter anderem wegen der vielen Kinder. Dass ständig jemand durch den Raum lief, häufig hinter einem entwischten Kleinkind her, ein stetiges Stühlerücken herrschte und viele der Kinder malten, lasen oder spielten, störte offenbar niemanden. Viele Gemeindemitglieder verwendeten statt Gesangbüchern lieber eine App auf ihrem Smartphone oder Tablet, und obwohl der Gottesdienst eine klare Struktur aufwies, schien sie nicht in Stein gemeißelt zu sein. Die Gemeindemitglieder sprachen einander mit „Bruder“ und „Schwester“ an. Wir wurden freundlich aufgenommen, obwohl wir entgegen der offenbar vorherrschenden Kleiderordnung beide in Jeans und Pullover kamen, und ohne Weiteres eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. Anschließend folgten wir den anderen unverheirateten jungen Leuten in ihre Sonntagsschulklasse und nahmen an einer Versammlung der Frauenhilfsvereinigung statt. Insgesamt erschienen mir die klaren Geschlechtertrennungen und die Tatsache, dass Männer im Großen und Ganzen offenbar eine aktivere Rolle in der Gemeinde einnahmen, etwas antiquiert-patriarchalisch… bis mir einfiel, dass die meisten Leute in meinem Heimatort einer Religionsgemeinschaft angehören, die Frauen keine religiösen Ämter zugesteht, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität ablehnt, und ihre Angehörigen tauft, bevor sie sprechen und laufen können. Tja. Man sollte sich wohl öfter bei der eigenen Nase fassen, bevor man sich ein Urteil über anderer Leute Bräuche bildet…

Alles in Allem war unsere Zeit mit den Mormonen eine schöne, positive Erfahrung, wenn auch in Teilen etwas ungewohnt. Unsere eigene Erfahrung als alleinstehende, beruflich erfolgreiche und ehrgeizige junge Frauen kollidierte mit dem mormonischen Ideal der Frau als Mutter. Viele Dinge wurden uns erst im Nachhinein bewusst – zum Beispiel, warum niemand in der Familie Kaffee oder Alkohol trank. Was wir als persönliche Präferenz aufgefasst hatten, war die Einhaltung eines religiösen Gebots.

Völlig baff war ich auch, als am Vatertag vier der sechs Kinder nebst Partnern und Enkelkindern eintrafen, die zweitälteste Tochter das Haus betrat, und sich herausstellte, dass sie ihre Partnerin mitgebracht hatte. In der eher konservativen Atmosphäre des Haushalts war die kommentarlose Akzeptanz einer lesbischen Tochter und Schwester ziemlich unerwartet, und ich fragte mich plötzlich – wieder die eigene Nase! – ob alle Mitglieder meiner weit verstreuten Familie, die sich selbst als so tolerant und liberal betrachtet, derart nonchalant damit umgehen würden.

An diese Begegnung am Vatertag erinnerte ich mich später während der Reise, als ich den Diskussionen über einen bevorstehenden Volkentscheid über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in den Nachrichten folgte. Die Diskussion kam mir aus allzu Deutschland vertraut vor. Das Interessante an der australischen Debatte war nur, dass nicht hauptsächlich darüber gestritten wurde, ob die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden sollte oder nicht (darüber natürlich auch), sondern darüber, ob es einen Volksentscheid dazu geben, oder die Regierung einfach ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Man stelle sich das im Bundestag vor – die GroKo will einen Volksentscheid, und die parlamentarische Opposition (der die AfD zum Glück noch nicht angehört) verlangt, dass man doch stattdessen lieber gleich das Grundgesetz ändern sollte.

Ha. You wish.

Hochrechnungen zufolge wäre das Ergebnis im Übrigen wahrscheinlich das Gleiche – angeblich befürwortet eine Mehrheit der Australier die Ehe für Alle.
Sollte sich Australien dafür entscheiden – egal auf welchem Wege – würde es zu einer wachsenden Zahl von Ländern wie Großbritannien, Kanada, Brasilien, Argentinien, Spanien, Belgien oder Neuseeland (und natürlich nicht zu vergessen, Island, Südafrika und Kolumbien) hinzustoßen, in denen die Überzeugung vorherrscht, dass Gleichberechtigung auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt.

Und Deutschland…?

Vielleicht sollte ich einfach eine Grönländerin mit Zweitwohnsitz in Uruguay heiraten. In Luxemburg.*** Oder umgekehrt.


*Die Religiöse Gemeinschaft der Freunde, im Volksmund die Quäker, sind eine kleine christliche Glaubensgemeinschaft die im 17. Jhd in England entstanden ist. Es gibt unterschiedliche Strömungen, aber sie sind sich darin einig, dass sie das Priesteramt für überflüssig halten, was verständlicherweise insbesondere in ihren Anfangsjahren zu gewissen Spannungen mit der etablierten Kirche führte. In Deutschland gibt es so wenige Quäker, dass ich es als Glückstreffer werte, überhaupt einige kennengelernt zu haben.

** Wie sich herausstellte, waren unsere Gastgeber Angehörige der größten mormonischen Gemeinde, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die Polygamie seit 1890 nicht mehr ausübt.

*** In Luxemburg und Uruguay sind gleichgeschlechtliche Ehen seit 2015 legal  und in Grönland seit April 2016. Wenn wir uns nicht beeilen, überholen uns in dieser Hinsicht irgendwann noch die Polen oder die Malteser, und das wäre wirklich peinlich. (Malta, das bis 2011 noch keine Scheidung kannte, erkennt immerhin schon Lebenspartnerschaften an.)

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