Was meinen Sie denn eigentlich, wenn Sie ‚Gender‘ sagen?

Das Leben ist zu kompliziert.

Normalerweise gehört das Wort ‚Gender‘ zu denjenigen Worten, die meine Kolleginnen und Kollegen nur mit sehr spitzen Fingern anfassen. Oder wenn möglich überhaupt nicht. Wir haben zwar eine Gleichstellungsbeauftragte (die sich aber offenbar ausschließlich um die Gleichstellung von Frauen kümmert, ein Paradox, das außer einigen Kollegen und mir scheinbar noch niemandem aufgefallen ist), und wenn uns langweilig ist, kommt gelegentlich mal eine eher träge Debatte über die korrekte Schreibweise von Kolleg/innen / KollegInnen / Kolleg_innen zustande, aber das war’s dann auch. Ja, Gleichberechtigung, cool, und irgendwo gab’s doch auch diese LGBT-Vereinigung, machen die das nicht auch, aber können wir uns jetzt bitte über den Interimsreport für Projekt Y unterhalten, oder über die Xte Umorganisation von Abteilung Z?

Gelegentlich holt uns die Realität – beziehungsweise das Paralleluniversum, es ist vermutlich eine Frage des Blickwinkels – postmoderner Sozial- und Gesellschaftswissenschaft aber doch ein, und zwar nicht nur dann, wenn Papst Franziskus gegen die Gender-Theorie wettert (Oh, der Papst. Schau mal. Den gibt’s ja auch noch.).

Letzte Woche zum Beispiel, als ein eher dröges Meeting zu einer erstaunlich hitzigen Diskussion verschiedener Monitoring-Instrumente zur Ermittlung des Erfolgs der Umsetzung von VN-Resolution 1325 (Frauen, Frieden und Sicherheit) führte. Eigentlich kein Thema, das zu Streitgesprächen ermuntert. Nicht, weil es nicht wichtig wäre, sondern weil die wenigsten Leute leidenschaftlich genug an den Unterschieden zwischen VN, EU und nationalen Indikatoren interessiert sind, um darüber zu streiten. Und plötzlich lehnte sich meine Kollegin am Tisch nach vorne, fixierte den Streiter für die EU-Indikatoren mit einem kritischen Blick und fragte „Was meinen Sie denn eigentlich, wenn Sie ‚Gender‘ sagen?“

Und das, dachte ich mir, während ich auf seine Antwort wartete, ist doch eigentlich eine ziemlich gute Frage.

Was meinen wir, wenn wir ‚Gender‘ sagen? Was meint der Papst? Was meint die Gleichstellungsbeauftragte? Was meint die Leiterin des Studiengangs „Gender and Women’s Studies“? Was meinen die Autoren des AFD-Parteiprogramms?

Ich bin mir relativ sicher: nicht das Gleiche.

Manche Begriffe sind einfach zu erklären. Was ein Löffel ist, könnte ich zum Beispiel ohne größere Probleme in vier Sprachen darlegen. Wenn ich jemandem allerdings ‚Liebe‘, ‚Hoffnung‘ oder ‚Transzendenz‘ erklären sollte, käme ich ziemlich schnell ins Rudern. Auch vermeintlich einfache Definitionen haben ihre Haken und Ösen – „Asexualität ist die Abwesenheit sexueller Anziehung.“ Ja super, und was ist ’sexuelle Anziehung‘? Malen Sie mir doch mal ein Diagramm!

Genauso geht es mir (und offenbar vielen anderen auch) mit dem Begriff ‚Gender‘.

„Wir meinen damit Frauenrechte,“ erwiderte der befragte Europäer.

„Aha,“ sagte meine Kollegin, und es war genau die Art von ‚aha‘, die eigentlich heißt ‚genau das hatte ich befürchtet‘.

Vielleicht reden wir deswegen so oft aneinander vorbei, weil wir uns nicht darüber im klaren sind, dass unsere Gesprächspartner die Begriffe, die wir verwenden, möglicherweise anders definieren als wir selbst. Oder weil wir uns selbst nicht einmal sicher sind, wie wir sie definieren.

Ein Vorschlag zur Güte? Vielleicht sollten wir einfach ‚Frauenrechte‘ oder ‚Gleichberechtigung von Männer und Frauen‘ sagen, wenn wir ‚Frauenrechte‘ oder ‚Gleichberechtigung von Männern und Frauen‘ meinen. Klingt zwar nicht so gut wie ‚Gender‘ und hat vielleicht auch nicht den gleichen umfassenden Ansatz, dürfte aber etwas leichter zu definieren und zu verstehen sein.

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Ein Gedanke zu “Was meinen Sie denn eigentlich, wenn Sie ‚Gender‘ sagen?

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