Biologie für Anfänger – Nein, Asexualität ist nicht den Pflanzen vorbehalten

Ich lese immer wieder, eine der Standardreaktionen auf die Aussage „Ich bin asexuell“ wäre „Hm? Gibt’s das nicht nur bei Pflanzen?“.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich das bisher nicht bestätigen, was aber möglicherweise auch daran liegt, dass ich in meinem eigenen Umfeld viele Biologen und passionierte Gärtner habe, die meistens wissen, dass sich Pflanzen nicht grundsätzlich und ausschließlich asexuell vermehren (dazu später mehr).

Trotzdem, als Bio-Nerd fühle ich mich bemüßigt, an dieser Stelle für etwas Klarheit zu sorgen – und meinen coolen neuen vierbeinigen Freund, den Jungferngecko, vorzustellen.

Asexualität ≠ asexuelle Vermehrung

Unter Asexualität (bei Menschen) versteht man die Abwesenheit sexueller Anziehung oder den Mangel an Interesse an / Verlangen nach Sex.

Unter ungeschlechtlicher oder asexueller Vermehrung versteht man eine Form der Reproduktion von Lebewesen unter Erhöhung der Individuenzahl, bei der die Nachkommen ausschließlich die Gene eines Elternteils erhalten und zwar – wenn sich keine Mutationen ergeben – in identischer Kopie. Sprich, man fängt mit zwei Grünlilien oder fünf Blattläusen an und hat später fünfundzwanzig Grünlilien oder ein paar hundert Blattläuse (da gehen sie hin, die Rosen…).

Das ist ein fundamentaler Unterschied – Asexualität bei Menschen bezeichnet eine sexuelle Orientierung, die nicht zwingend Auswirkungen auf die Arterhaltung hat. Menschen jeglicher sexueller Orientierung können sich in der Regel geschlechtlich fortpflanzen, sofern sie physisch dazu in der Lage und fruchtbar sind und einen geeigneten Partner finden. Ob sie Lust darauf haben, ist eine andere Frage. Ungeschlechtliche Vermehrung ist bei Menschen dagegen (noch) keine Option.

Anders bei anderen Lebewesen:

Bakterien, einzellige Algen, oder Fußpilze, die unsereins im Schwimmbad befallen (bäh), pflanzen sich ungeschlechtlich fort.

Blattläuse, Wasserflöhe, sowie einige Arten von Insekten, Fadenwürmern und Reptilien, aber auch einige andere Tierarten haben gewissermaßen die Qual der Wahl – sie können sich (theoretisch) sowohl geschlechtlich, als auch ungeschlechtlich fortpflanzen. Das hat natürlich gewisse Vorteile (für die Blattlaus, Gärtner sehen das normalerweise anders…)

Zum Beispiel Jungferngeckos.

Jungferngeckos (Lepidodactylus lugubris) sind kleine, anpassungsfähige, für Menschen absolut harmlose Reptilien, die sich auch dank unserer Hilfe ein großes Verbreitungsgebiet erschlossen haben. Zugegeben, mit ihrer bräunlichen Färbung und geringen Körpergröße sind sie reichlich unscheinbar. Aus evolutionärer Sicht allerdings sind sie faszinierend – denn im Gegensatz zu den meisten anderen Tierarten verzichten Jungferngeckos auf sexuelle Fortpflanzung und vermehren sich ungeschlechtlich. Die Jungtiere sind damit Klone des Muttertiers (Parthenogenese, oder jungfräuliche Vermehrung, der Name ist also Programm). Offenbar fahren sie trotz geringer genetischer Vielfalt ganz gut damit.

Jungferngeckos sind nicht allein – die Möglichkeit ungeschlechtlicher Vermehrung wurde unter anderem auch bei weiteren Reptilien (z.B. Blumentopfschlange), mehreren Haiarten und Truthühnern (allerdings mit menschlicher „Nachhilfe“) nachgewiesen.

Ungeschlechtliche Vermehrung ist also nichts, was Pflanzen ganz allein für sich reserviert hätten.

Übrigens – grundsätzlich von asexueller Fortpflanzung bei Pflanzen zu sprechen, ist irreführend.

Zwar könnten sich die meisten Pflanzen asexuell durch Klonen (z.B. durch Ablegerbildung, besonders gut zu beobachten bei Erdbeeren und Grünlilien) vermehren, zumal mit menschlicher Hilfe, aber sie scheinen in vielen Fällen den Austausch von Genmaterial vorzuziehen. Hat ja auch viele Vorteile, insbesondere weil man als Pflanze in der Regel ortsgebunden ist und auf Umweltveränderungen daher nur durch Generationswechsel mit (genetischen) Anpassungen an die veränderten Bedingungen reagieren kann.

Es gibt Pflanzen, die „männliche“ und „weibliche“ Blüten am gleichen Exemplar bilden (einhäusige Pflanzen) – z.B. Hasel, Mais oder Feigen, und Pflanzen, die nach Geschlechtern trennen (zweihäusige Pflanzen) – z.B. Kiwi oder Ginko.  Bei einigen Kulturpflanzen wurden aus praktischen Überlegungen jedoch einhäusige Sorten aus den ursprünglich zweihäusigen Arten gezüchtet, z.B. bei der Weinrebe.

Selbstbefruchtung gilt im Übrigen nicht als asexuelle Fortpflanzung. Auch wenn man beispielsweise als Pflanze über männliche und weibliche Blüten nebeneinander verfügt, werden die Gene rekombiniert.

Was hat Asexualität also mit Pflanzen zu tun? Im Grunde genommen nicht viel…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s