Asexualität online – Beiträge auf narrative.ly

Kirstin Kelly berichtet in „No Sex, With Strings Attached“ davon, wie schwierig es sein kann, als asexuelle Person in einer Beziehung mit einem nicht-asexuellen Partner das richtige Maß zu finden. Sehr persönlich, und vielleicht etwas für diejenigen die sich fragen „eine Bezeihung zwischen einer asexuellen und einer nicht-asexuellen Person, geht das?“

Der Comic „How I Learned to Love Being Aromantic“ von Kotaline Jones ist nicht nur knuffig, sondern beschreibt auch, wie es sich anfühlt, asexuell zu sein und keine romantische Anziehung zu fühlen, und wie schwierig es sein kann, sich selbst so zu aktzeptieren, wie man ist.

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Biologie für Anfänger – Nein, Asexualität ist nicht den Pflanzen vorbehalten

Ich lese immer wieder, eine der Standardreaktionen auf die Aussage „Ich bin asexuell“ wäre „Hm? Gibt’s das nicht nur bei Pflanzen?“.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich das bisher nicht bestätigen, was aber möglicherweise auch daran liegt, dass ich in meinem eigenen Umfeld viele Biologen und passionierte Gärtner habe, die meistens wissen, dass sich Pflanzen nicht grundsätzlich und ausschließlich asexuell vermehren (dazu später mehr).

Trotzdem, als Bio-Nerd fühle ich mich bemüßigt, an dieser Stelle für etwas Klarheit zu sorgen – und meinen coolen neuen vierbeinigen Freund, den Jungferngecko, vorzustellen.

Asexualität ≠ asexuelle Vermehrung

Unter Asexualität (bei Menschen) versteht man die Abwesenheit sexueller Anziehung oder den Mangel an Interesse an / Verlangen nach Sex.

Unter ungeschlechtlicher oder asexueller Vermehrung versteht man eine Form der Reproduktion von Lebewesen unter Erhöhung der Individuenzahl, bei der die Nachkommen ausschließlich die Gene eines Elternteils erhalten und zwar – wenn sich keine Mutationen ergeben – in identischer Kopie. Sprich, man fängt mit zwei Grünlilien oder fünf Blattläusen an und hat später fünfundzwanzig Grünlilien oder ein paar hundert Blattläuse (da gehen sie hin, die Rosen…).

Das ist ein fundamentaler Unterschied – Asexualität bei Menschen bezeichnet eine sexuelle Orientierung, die nicht zwingend Auswirkungen auf die Arterhaltung hat. Menschen jeglicher sexueller Orientierung können sich in der Regel geschlechtlich fortpflanzen, sofern sie physisch dazu in der Lage und fruchtbar sind und einen geeigneten Partner finden. Ob sie Lust darauf haben, ist eine andere Frage. Ungeschlechtliche Vermehrung ist bei Menschen dagegen (noch) keine Option.

Anders bei anderen Lebewesen:

Bakterien, einzellige Algen, oder Fußpilze, die unsereins im Schwimmbad befallen (bäh), pflanzen sich ungeschlechtlich fort.

Blattläuse, Wasserflöhe, sowie einige Arten von Insekten, Fadenwürmern und Reptilien, aber auch einige andere Tierarten haben gewissermaßen die Qual der Wahl – sie können sich (theoretisch) sowohl geschlechtlich, als auch ungeschlechtlich fortpflanzen. Das hat natürlich gewisse Vorteile (für die Blattlaus, Gärtner sehen das normalerweise anders…)

Zum Beispiel Jungferngeckos.

Jungferngeckos (Lepidodactylus lugubris) sind kleine, anpassungsfähige, für Menschen absolut harmlose Reptilien, die sich auch dank unserer Hilfe ein großes Verbreitungsgebiet erschlossen haben. Zugegeben, mit ihrer bräunlichen Färbung und geringen Körpergröße sind sie reichlich unscheinbar. Aus evolutionärer Sicht allerdings sind sie faszinierend – denn im Gegensatz zu den meisten anderen Tierarten verzichten Jungferngeckos auf sexuelle Fortpflanzung und vermehren sich ungeschlechtlich. Die Jungtiere sind damit Klone des Muttertiers (Parthenogenese, oder jungfräuliche Vermehrung, der Name ist also Programm). Offenbar fahren sie trotz geringer genetischer Vielfalt ganz gut damit.

Jungferngeckos sind nicht allein – die Möglichkeit ungeschlechtlicher Vermehrung wurde unter anderem auch bei weiteren Reptilien (z.B. Blumentopfschlange), mehreren Haiarten und Truthühnern (allerdings mit menschlicher „Nachhilfe“) nachgewiesen.

Ungeschlechtliche Vermehrung ist also nichts, was Pflanzen ganz allein für sich reserviert hätten.

Übrigens – grundsätzlich von asexueller Fortpflanzung bei Pflanzen zu sprechen, ist irreführend.

Zwar könnten sich die meisten Pflanzen asexuell durch Klonen (z.B. durch Ablegerbildung, besonders gut zu beobachten bei Erdbeeren und Grünlilien) vermehren, zumal mit menschlicher Hilfe, aber sie scheinen in vielen Fällen den Austausch von Genmaterial vorzuziehen. Hat ja auch viele Vorteile, insbesondere weil man als Pflanze in der Regel ortsgebunden ist und auf Umweltveränderungen daher nur durch Generationswechsel mit (genetischen) Anpassungen an die veränderten Bedingungen reagieren kann.

Es gibt Pflanzen, die „männliche“ und „weibliche“ Blüten am gleichen Exemplar bilden (einhäusige Pflanzen) – z.B. Hasel, Mais oder Feigen, und Pflanzen, die nach Geschlechtern trennen (zweihäusige Pflanzen) – z.B. Kiwi oder Ginko.  Bei einigen Kulturpflanzen wurden aus praktischen Überlegungen jedoch einhäusige Sorten aus den ursprünglich zweihäusigen Arten gezüchtet, z.B. bei der Weinrebe.

Selbstbefruchtung gilt im Übrigen nicht als asexuelle Fortpflanzung. Auch wenn man beispielsweise als Pflanze über männliche und weibliche Blüten nebeneinander verfügt, werden die Gene rekombiniert.

Was hat Asexualität also mit Pflanzen zu tun? Im Grunde genommen nicht viel…

Buchstabensalat

Es gibt eine wunderbare Episode von Boston Legal, in der Alan Shore unter „Word-Salad“ leidet und vorübergehend nur noch unzusammenhängenden Blödsinn von sich gibt, was natürlich äußerst unangenehm für ihn, aber recht unterhaltsam für seine Umwelt und die Zuschauer ist. Alan erholt sich natürlich wieder, auch dank verständnisvoller Unterstützung seiner Freunde.

Mit „Word-Salad“ musste ich mich zum Glück bisher noch nicht herumschlagen, dafür aber neulich mit einem ordentlichen Buchstabensalat.

„LGBT,“ fragte mein Chef und sah mich etwas ratlos an, „oder LGBTI? Oder LGBTIQ?“

„Likeminded,“ schlug ich vor. „Das schließt alle ein, die das Gefühl haben, dass das Thema sie was angeht, unabhängig von Buchstaben.“

Er rümpfte die Nase. „Likeminded klingt nach Whiskey-Club und übereinstimmenden politischen Ansichten. Das verstehen die Leute vielleicht falsch. Vielleicht einfach nur LGBT?“

„Offiziell verwenden wir jetzt LGBTI, glaube ich,“ sagte ich.

„Hm. Vielleicht sollten wir das Q auch dazunehmen. Nur damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt.“

„Wenn wir das Q dazunehmen, dann will ich auch ein A. Und ein P.“

„Wofür steht das A?“ fragte eine Kollegin, die gerade ihren Kopf zur Tür hereinsteckte.

„Asexuell,“ sagte eine andere Kollegin, und ich überlegte kurz, ihr einen Kuchen zu backen.

„Und Ally,“ ergänzte ich.

„Vielleicht LGBTI and queer?“ schlug mein Chef vor. „Queer schließt ja eigentlich alle mit ein.“

Was mich dazu brachte, mich zu fragen, ob ich mich von ‚queer‘ miteingeschlossen fühle, eine Frage, die ich bislang noch nicht abschließend beantworten konnte. (Das Ergebnis meiner Überlegungen war, dass es mir eigentlich egal ist.)

Auslöser der ganzen Diskussion, die irgendwann in den besagten Buchstabensalat abglitt, war, dass wir uns dazu entschlossen hatten, eine Abendveranstaltung für die LGBTI(Q,A,P, beliebige weitere Buchstaben)-Community zu organisieren. Die australischen und US-amerikanischen Kollegen hatten es vorgemacht, und da wollten wir nicht zurückfallen. Außerdem, hey, gebt mir einen guten dienstlichen Grund, meine Freunde einzuladen, einen netten Abend mit ihnen zu verbringen, und es irgendwie als Arbeit zu deklarieren, und ich sage bestimmt nicht nein…

Als einzige Vertreter der besagten Community, oder jedenfalls als einzige, die in der Arbeit out sind (naja, spätestens nach Versand der Einladung waren wir es jedenfalls universell), fiel es natürlich meinem Chef und mir zu, die Party zu organisieren. Essen, Trinken und Location waren kein Problem, aber bei der Einladung hakte es dann. Schließlich wollten wir niemandem auf die Zehen treten, niemanden dazu zwingen, sich zu outen, und trotzdem möglichst viele Leute erreichen. Also musste die Einladung möglichst neutral formuliert sein, aber gleichzeitig eindeutig genug, um Missverständnisse zu vermeiden.

Letzteres allerdings misslang, was uns auffiel, als der schwedische Partner einer Kollegin beiläufig erwähnte, mehrere seiner Arbeitskollegen hätten vor, die Einladung anzunehmen. Das Thema sei in aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten in Schweden ja ein sehr wichtiges, und man freue sich schon darauf, es mit uns zu diskutieren. „Ähm,“ konnten wir da nur sagen, „vielleicht habt ihr  da was missverstanden? Es ist mehr so eine Art – uh – Networking-Event?“ Wir versicherten den schwedischen Kollegen aber, dass sie natürlich trotzdem willkommen seien – unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung.

Dann kam noch dazu, dass das Event ein informelles sein sollte. Aber wir hatten die Einladung natürlich buchstäblich an Gott und die Welt geschickt, und vielleicht hätte ich daher nicht allzu erstaunt sein sollen, als mich ein finnischer Freund bei einem Meeting ansprach. „Meine Botschafterin kommt übrigens zu eurer Party.“ Ich konnte mir knapp einen leicht hysterischen Quietsch-Laut verkneifen. „Uh – was?!“ Er strahlte mich weiter an. „Ja, cool, oder?“

„Die finnische Botschafterin kommt,“ sagte ich zu meinem Chef, etwas außer Atem.

„Oh.“

„Ja.“

„Hm. Die Franzosen haben auch geschrieben, dass ihr Botschafter kommt. Der Kollege war etwas durch den Wind…“ Er drehte seinen Bildschirm so, dass ich die Mail lesen konnte. Übersetzt aus dem Französischen, und dem reservierten Diplomatensprech lautete sie in etwa: ‚Oh Gott, mein Chef hat sich grade vor mir geoutet!‘

„Glaubst du, ich muss eine Rede halten?“

Solange ich sie nicht halten muss, dachte ich.

Letzten Endes kam dann übrigens weder die finnische Botschafterin, noch der französische Botschafter (beide leider verhindert). Dafür aber der stellvertretende französische Botschafter. Und der stellvertretende australische Botschafter. Beide amüsierten sich offensichtlich prächtig, und letzterer lud mich dazu ein, mich umgehend bei ihm zu melden, sollte ich mal in Canberra vorbeikommen. Na dann…

Die australischen und britischen Kollegen nahmen es auf sich, die gesammelten Weißbier-Vorräte zu vernichten, allen schmeckte das Essen, und die Briten konnten später am Abend sogar salonfähige Brexit-Witze machen, die nicht völlig verzweifelt klangen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich in Gesellschaft der übrigen Europäer wohlfühlten. Diverse UN-Organisationen mit unaussprechlichen Abkürzungen verbrüderten und -schwesterten sich über deutschem Wein, den sogar die Franzosen akzeptabel fanden (vielleicht waren sie aber auch einfach nur zu höflich, um sich zu beschweren), und alles blieb angemessen gesittet, sprich, wir mussten unserem eigenen Botschafter nicht nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub erklären, warum seine Residenz in Schutt und Asche lag.

 

Was meinen Sie denn eigentlich, wenn Sie ‚Gender‘ sagen?

Das Leben ist zu kompliziert.

Normalerweise gehört das Wort ‚Gender‘ zu denjenigen Worten, die meine Kolleginnen und Kollegen nur mit sehr spitzen Fingern anfassen. Oder wenn möglich überhaupt nicht. Wir haben zwar eine Gleichstellungsbeauftragte (die sich aber offenbar ausschließlich um die Gleichstellung von Frauen kümmert, ein Paradox, das außer einigen Kollegen und mir scheinbar noch niemandem aufgefallen ist), und wenn uns langweilig ist, kommt gelegentlich mal eine eher träge Debatte über die korrekte Schreibweise von Kolleg/innen / KollegInnen / Kolleg_innen zustande, aber das war’s dann auch. Ja, Gleichberechtigung, cool, und irgendwo gab’s doch auch diese LGBT-Vereinigung, machen die das nicht auch, aber können wir uns jetzt bitte über den Interimsreport für Projekt Y unterhalten, oder über die Xte Umorganisation von Abteilung Z?

Gelegentlich holt uns die Realität – beziehungsweise das Paralleluniversum, es ist vermutlich eine Frage des Blickwinkels – postmoderner Sozial- und Gesellschaftswissenschaft aber doch ein, und zwar nicht nur dann, wenn Papst Franziskus gegen die Gender-Theorie wettert (Oh, der Papst. Schau mal. Den gibt’s ja auch noch.).

Letzte Woche zum Beispiel, als ein eher dröges Meeting zu einer erstaunlich hitzigen Diskussion verschiedener Monitoring-Instrumente zur Ermittlung des Erfolgs der Umsetzung von VN-Resolution 1325 (Frauen, Frieden und Sicherheit) führte. Eigentlich kein Thema, das zu Streitgesprächen ermuntert. Nicht, weil es nicht wichtig wäre, sondern weil die wenigsten Leute leidenschaftlich genug an den Unterschieden zwischen VN, EU und nationalen Indikatoren interessiert sind, um darüber zu streiten. Und plötzlich lehnte sich meine Kollegin am Tisch nach vorne, fixierte den Streiter für die EU-Indikatoren mit einem kritischen Blick und fragte „Was meinen Sie denn eigentlich, wenn Sie ‚Gender‘ sagen?“

Und das, dachte ich mir, während ich auf seine Antwort wartete, ist doch eigentlich eine ziemlich gute Frage.

Was meinen wir, wenn wir ‚Gender‘ sagen? Was meint der Papst? Was meint die Gleichstellungsbeauftragte? Was meint die Leiterin des Studiengangs „Gender and Women’s Studies“? Was meinen die Autoren des AFD-Parteiprogramms?

Ich bin mir relativ sicher: nicht das Gleiche.

Manche Begriffe sind einfach zu erklären. Was ein Löffel ist, könnte ich zum Beispiel ohne größere Probleme in vier Sprachen darlegen. Wenn ich jemandem allerdings ‚Liebe‘, ‚Hoffnung‘ oder ‚Transzendenz‘ erklären sollte, käme ich ziemlich schnell ins Rudern. Auch vermeintlich einfache Definitionen haben ihre Haken und Ösen – „Asexualität ist die Abwesenheit sexueller Anziehung.“ Ja super, und was ist ’sexuelle Anziehung‘? Malen Sie mir doch mal ein Diagramm!

Genauso geht es mir (und offenbar vielen anderen auch) mit dem Begriff ‚Gender‘.

„Wir meinen damit Frauenrechte,“ erwiderte der befragte Europäer.

„Aha,“ sagte meine Kollegin, und es war genau die Art von ‚aha‘, die eigentlich heißt ‚genau das hatte ich befürchtet‘.

Vielleicht reden wir deswegen so oft aneinander vorbei, weil wir uns nicht darüber im klaren sind, dass unsere Gesprächspartner die Begriffe, die wir verwenden, möglicherweise anders definieren als wir selbst. Oder weil wir uns selbst nicht einmal sicher sind, wie wir sie definieren.

Ein Vorschlag zur Güte? Vielleicht sollten wir einfach ‚Frauenrechte‘ oder ‚Gleichberechtigung von Männer und Frauen‘ sagen, wenn wir ‚Frauenrechte‘ oder ‚Gleichberechtigung von Männern und Frauen‘ meinen. Klingt zwar nicht so gut wie ‚Gender‘ und hat vielleicht auch nicht den gleichen umfassenden Ansatz, dürfte aber etwas leichter zu definieren und zu verstehen sein.

Nein, Schatz, ich bin wirklich nicht schwul

„Do you think he’s gay? People always ask if he is, or say that he is, and you know, sometimes I suspect…“

Vor mir stand eine zierliche Blondine in einem gut geschnittenen Abendkleid. Um uns herum, ein Raum voller Partygäste. Ein Botschaftsball, alle in Abendgarderobe, 100 Dollar pro Eintrittskarte, der Erlös sollte als Spenden an eine gemeinnützige Organisation gehen. Alkohol floss in Strömen, wie meistens bei solchen Veranstaltungen war die Musik zu laut und man konnte sich nur schreiend verständigen. Deswegen waren die ersten beiden Gedanken, die mir in Reaktion auf die Frage durch den Kopf gingen auch „Hm, vielleicht habe ich mich verhört“ und „Oh, sie hat aber schon ziemlich viel intus, oder?“

Weder noch.

Besagte Blondine – nennen wir sie Mary [nicht ihr richtiger Name, und jeglicher Bezug zu Mary Morstan ist natürlich völlig zufällig…] – wollte wirklich gerne meine Meinung zur mutmaßlichen sexuellen Orientierung ihres Partners wissen.

„Eh“, sagte ich wenig eloquent, weil das Thema „Wie reagieren Sie, wenn die Lebensabschnittsgefährtin eines Freundes Sie bei einer offiziellen Veranstaltung fragt ob er Ihrer Meinung nach homosexuell sei?“ in den meisten Etiketteratgebern nicht behandelt wird. – „I don’t think so…? I mean, you’re his girlfriend… and I suppose if he were, the topic would have come up by now…?“

Mary schien das nicht zu überzeugen. „Yes, I know. I asked him and he said no. But I’m just not sure… do you think he looks gay?“

„No,“ sagte ich. Allmählich begann ich mich in meiner Haut ziemlich unwohl zu fühlen. Außerdem fand ich die Frage absurd.

„I’ve asked other people as well,“ vertraute mir Mary an, und ich dachte, großartig, so entstehen Gerüchte. „I mean, he does hang out with a lot of gay guys…“

„Yes, but so do I, and I can assure you, I’m not secretly a gay man.“ Langsam wurde mir das Ganze dann doch etwas zu absurd. Sie hatte ihn gefragt, er hatte verneint, und eigentlich hätte die Frage damit doch beantwortet sein müssen. Oder?

Sie lachte nervös. „But… what if he’s bisexual?“

Ich zuckte die Achseln. „What if? He’s dating you, right?“

„But what if at age fifty, he figures out that he’s actually more into men and leaves me?“

Ich behielt meine Einschätzung, dass die beiden sicherlich nicht so lange zusammen bleiben würden, vor allem nicht bei einer offensichtlich derart bröckeligen Vertrauensbasis ihrerseits, vorerst für mich. „It’s just as likely that at fifty, he figures out that he’s actually into younger women and leaves you for a twenty-year old. What’s the difference? It doesn’t matter if it’s another woman or a man, the end result is the same.“

„I suppose so. And for the record, we have a very healthy sex life.“

Ich wurde ein bisschen blass um die Nase, vermute ich. „Please tell me NOTHING about it,“ bat ich sie.

„Still… don’t you think he’s…?“

„No.“

„Mhm,“ sagte Mary, beließ es aber vorerst dabei, und ich ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht, um den Rest des Abends mit wesentlich weniger unsicheren Leuten im Garten zu verbringen.

Ich hatte den Vorfall schon fast verdrängt, als mein Freund – Marys definitiv bessere Hälfte – bei einer Tasse Kaffee ein paaar Wochen später beiläufig berichtete, er sei nicht mehr mit ihr zusammen. „Oh,“ sagte ich, wenig überrascht, und konnte mich nicht so recht zu einem ‚das tut mir leid‘ durchringen.

„Mir ist das einfach auf die Nerven gegangen, dass sie mir nicht vertraut,“ sagte er.

Verständlich, dachte ich, und erzählte ihm von unserem merkwürdigen Gespräch auf dem Ball.

„Das überrascht mich überhaupt nicht,“ sagte er, „mich hat sie das auch ständig gefragt. Und ich versteh’s nicht. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber sie hat es mir nicht geglaubt. Und jetzt läuft sie überall herum und erzählt, ich wäre schwul. Das ist echt scheiße.“

Ich nippte an meinem Cappuccino und dachte darüber nach, dass das Ganze einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Normalerweise bin ich diejenige – sind wir Asexuellen diejenigen – die wieder und wieder versichern müssen dass wir wirklich nicht auf andere Leute stehen. Ganz ehrlich. Nein! Wirklich nicht!

Aber offensichtlich sind wir da nicht die Einzigen. Irgendwie war das tröstlich zu hören, bei allem Mitgefühl für die Nöte meines Freundes [der im Übrigen voll und ganz verdient hat, auch unter das A von LGBTIA und verwandten Abkürzungen zu fallen, weil er ein großartiger Ally/Unterstützer ist, der sich völlig unabhängig von seiner eigenen Orientierung und persönlichen Situation für die Rechte anderer einsetzt. Er gehört zu den wenigen Leuten, die kommentarlos und ohne jegliche Rückfragen akzeptiert haben, dass ich asexuell bin. Großartig!]

Chivalry is not dead

Neulich bin ich auf einem Langstreckenflug endlich dazu gekommen, mir zwei Filme anzusehen, die ich im Kino verpasst hatte, und die schon lange auf meiner (immer länger werdenden Bucket List standen): Mission Impossible – Rogue Nation und Kingsman: The Secret Service. Ersterer war unterhaltsam, aber wenn man als Filmemacher glaubwürdig bleiben möchte, sollte man nicht unbedingt an einer der bekanntesten touristischen Sehenswürdigkeiten von Rabat drehen, und dann im Film behaupten, es handele sich um Casablanca. Noch dazu ohne jede Not. Jeder, der schon einmal das Vergnügen mit beiden Städten hatte, wird mir wahrscheinlich beipflichten, dass Rabat mit weitem Abstand die attraktivere und angenehmere ist – und auch Bösewichte finden bekanntlich Gefallen an den schönen Dingen des Lebens (… ein Glas Pfefferminztee und ein Corne de Gazelle im Café Maure hoch über der Stadtmauer von Rabat, frischer Wind vom Meer, und im Garten dahinter blühende Oleanderbüsche… und ich schweife schon wieder ab…).

Kingsman dagegen ließ dagegen zumindest für mich keine derart gravierenden geographischen Mängel erkennen, war äußert unterhaltsam und ließ mein Fangirl-Herz höher schlagen – ich verstehe jetzt, warum einige meiner liebsten Fanfiction-Autoren und Autorinnen sich von diesem Film in Versuchung haben führen lassen. Es schadet wahrscheinlich nicht, dass ich schon immer einen Faible für Menschen gut sitzenden Anzügen hatte. Auch wer keine sexuelle Anziehung empfindet, kann schließlich einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik haben.
Und ganz ehrlich? Gutes Benehmen ist attraktiv. Auch wenn sich die Regeln der Etikette mit der Zeit (und der eigenen Situation) ändern mögen, und neue Technologien, Entwicklungen und Erkenntnisse entsprechende Anpassungen erfordern, Höflichkeit, Rücksichtnahme und Respekt kommen nicht aus der Mode. Insofern würde ich dem Satz „Manners maketh man“ (woman, person) doch zustimmen.

Es gibt dazu eine schöne Szene aus einem anderen Film, Dance! (Take the Lead), in der Antonio Banderas in seiner Rolle als Tanzlehrer Pierre Dulaine für jede Frau, die den Raum betritt, die Türe öffnet und damit einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das ist jetzt vielleicht schon ein wenig übertrieben, und heutzutage wäre es auch durchaus angemessen, bei Bedarf Personen jeglichen Geschlechts die Tür aufzuhalten (auch wenn mich einige meiner männlichen Kollegen deswegen manchmal noch etwas irritiert ansehen). Aber gutes Benehmen kommt gut an und ist die denkbar einfachste und kostengünstigste Methode, andere Menschen für sich einzunehmen. – Umgekehrt ist schlechtes Benehmen natürlich auch eine der einfachsten Methoden, andere gegen sich aufzubringen. Niemand sitzt gerne in der Bahn oder im Flugzeug neben jemandem der lautstark telefoniert, andere an seinem miserablem Musikgeschmack teilhaben lässt, seine stinkigen Käsefüße auf den Sitz oder den Tisch legt, oder sich maßlos ausbreitet, um nur einige der häufigeren Beispiele aus meiner eigenen leidvollen Reiseerfahrung zu nennen (bei den Käsefüßen, die sich von hinten über den Sitz an mich heranrobbten, war dann Schluss, und ich bat die Eigentümerin derselben nachdrücklich darum, alle ihre verstreuten Körperteile bitte für die verbleibende Dauer des Flugs bei sich zu behalten).

Aber Freud und Leid liegen oft nahe beieinander und gute Manieren haben im Übrigen auch nichts mit dem Alter oder der sozialen Schicht zu tun (das wäre dann die andere, weniger berücksichtigte Botschaft von Kingsman). Wenige Tage nach meinem Rückflug war ich unterwegs zu einem dienstlichen Termin. Vor mir lief eine Gruppe junger britischer Soldaten, alle so Anfang zwanzig, offensichtlich bester Laune und ziemlich laut. Sie alberten herum, zogen sich gegenseitig auf, einer fluchte scherzhaft – und stellte beim Abbiegen um eine Kurve und einem Blick über die Schulter fest, dass ich hinter ihm lief, nur um sich prompt zu entschuldigen. „I’m sorry Ma’am.“

Für einen Augenblick sah ich ihn absolut verdutzt an. Es ist mir in meinem Leben bisher nur einige wenige Male passiert, dass sich jemand ernsthaft für die Benutzung von Schimpfwörtern bei mir entschuldigt hat, einfach nur, weil ich sie gehört und daran Anstoß genommen haben könnte (in fast allen Fällen waren die Betreffenden Amerikaner, es gibt da vmtl. auch eine kulturelle Komponente).

„That’s quite alright, don’t worry“, fiel mir dann doch irgendwann ein zu sagen, mit einem immer noch etwas verdatterten Lächeln. Aber, Hand auf Herz? An den Vorfall werde ich mich noch eine Weile erinnern. Und sollte ich dem britischen Soldaten noch einmal über den Weg laufen (was recht unwahrscheinlich ist), hätte er auf jeden Fall einen Stein im Brett.

Übrigens, solltet ihr Lust auf Kingsman-Fanfiction bekommen haben – hier sind meine aktuellen Lieblinge (bitte Ratings und etwaige Warnungen der Autoren beachten, insbesondere, falls ihr nichts mit explizitem sexuellem Inhalt lesen möchtet):
Who He Is
Lagavulin and Guinness
The Forgotten Knight
with your fierce tears
The Silent Horizon
Falls sie euch gefallen, seid so nett und lasst es die Autoren wissen.

Oh, und noch was zu lachen – Honest Trailer für Kingsman und Mission Impossible.

 

Grüne Nelken und Gartenpartys

„He slipped a green carnation into his evening coat, fixed it in its place with a pin, and looked at himself in the glass…“ – Mit diesen Worten beginnt der Roman „The Green Carnation“ von Robert Hitchens. 1884 erschienen, und danach rasch wieder aus dem Verkehr gezogen (allerdings nicht schnell genug), löste das Buch doch einen mittleren Skandal aus, denn dass mit den Hauptpersonen Esmé Amarinth und Lord Reginald eigentlich Oscar Wilde und Bosie Douglas gemeint waren, konnte offenbar jeder Leser erkennen, der die beiden kannte. Grüne Nelken wurden damit unwiederbringlich zum Symbol für die Gefolgschaft Oscar Wildes, und für (männliche) Homosexualität im Allgemeinen. Heutzutage taugen sie als Erkennungszeichen nicht mehr ganz so gut wie, sagen wir, ein Regenbogen-Armband, aber der eine oder andere belesene Partygast wüsste eine grüne Nelke im Knopfloch eines Anderen wahrscheinlich schon noch zu deuten.

Erkennungszeichen sind von großer Bedeutung, für das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Die LGBT+-Community hat heute natürlich die Regenbogenfahne, und damit ein weithin anerkanntes und leicht zu erkennendes Symbol, das auch mit Stolz getragen wird (und, im Gegensatz zur Nelke im Knopfloch auch nicht welkt). Einzelne „Untergruppen“ haben jeweils ihre eigenen Symbole und Erkennungszeichen, die mit den Jahren auch variieren, und manchmal auch nicht Allgemein anerkannt sind, sondern nur innerhalb bestimmter Kreise.

Für Asexualität und Asexual Pride haben sich mittlerweile neben der Fahne in schwarz, grau, weiß und lila, ein meistens auf der Spitze stehendes Dreieck of in den gleichen Farben gehalten, und schwarze Ringe etabliert. Von den ganzen Kuchen-Anspielungen – ausgehend von „Cake is better than Sex“ (würde ich persönlich 1:1 so unterschreiben, vor allem, wenn es sich um Schokokuchen handelt – mjam) – ganz zu schweigen.

Allerdings – und das habe ich im Selbstversuch getestet – es ist möglich ein Dreivierteljahr mit einer schwarz-grau-weiß-lila Flagge auf der Kleidung herumzulaufen, ohne das irgendjemand darauf reagiert. Von einer einzigen Nachfrage einmal abgesehen (auf die hin ich erklärte, wofür die Fahne steht, und mein Gesprächspartner sagte „That is so cool, I’ve never met anyone who was asexual; come let me introduce to our resident pansexual, that should be interesting“), scheint sie niemand auch nur bemerkt zu haben.

Also vielleicht doch eher ein Erkennungszeichen für „Eingeweihte“… als solches hat sie zumindest den Vorteil, dass schwarz-grau-weiß-lila eine Farbkombination ist, die die wenigsten Leute zufällig verwenden, es dürfte also relativ selten vorkommen, dass jemand ganz unbedarft seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe bekennt, von deren Existenz er gar nichts weiß. Oder?

Sollte man meinen.

Am vergangenen Donnerstag war ich zu einem Pride Event bei amerikanischen Kollegen eingeladen, ein ausgesprochen netter Abend, auch wenn der Dresscode „pink“ lautete. Der wurde allerdings von den meisten Gästen recht leger ausgelegt, wahrscheinlich auch, weil kaum jemand, der die Pubertät hinter sich gelassen hat, größere Mengen pinker oder rosafarbener Kleidungsstücke zuhause im Schrank hängen hat. Von dem Kollegen, der einige Jahre in Hongkong verbracht hatte und – wie er uns berichtete – über eine große Auswahl von Garderobe für Garden Parties in reizenden Pastelltönen verfügt, einmal abgesehen. Die meisten von uns konnten nur mit pinken Schals, rosa Hemden, Rosen im Knopfloch oder pinken Socken aufwarten.

Ein Gast allerdings hatte sich richtig in Schale geworfen, und zwar in einem anthrazitgrauen Anzug, lilafarbenem Hemd und einer Krawatte in den Farben schwarz, grau, weiß und lila. Ins Auge fiel er uns allen, aber ich glaube, ich war die Einzige, deren Herz beim Anblick des Farbschemas einen Satz machte: „Die Farbkombination ist schauderhaft“, urteilte mein derzeitiger Chef (seinerseits dezent im blassrosa Poloshirt). – „Ich weiß nicht,“ erwiderte ich, „wenn er sie unabsichtlich ausgewählt hat, dann ja; dann wäre es ein bisschen zu viel. Aber wenn er sie absichtlich ausgesucht hat, finde ich das extrem cool.“ – „Hm,“ sagte mein Chef, offensichtlich nicht überzeugt, und wanderte in Richtung Bar davon.
Ich beschloss, den Herrn mit der interessanten Krawatte direkt darauf anzusprechen. Das allerdings stellte mich vor ein Problem, denn auf einer Party ist man selten allein, und wir waren beide umgeben von Freunden und Bekannten. Da ich ihn nicht unabsichtlich outen wollte, musste ich die Frage indirekt stellen. – Also nach einer Runde Smalltalk: „I’m curious – did you choose this outfit on purpose?“ Er sah mich etwas verdutzt an. „Yes, of course.“ – „It looks very nice,“ sagte ich sicherheitshalber schnell, „I’m just wondering about the colors – it’s unusual to see someone wear that particular combination.“ – „It was the closest thing I had to match the dresscode,“ sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Huh. Mir blieb nichts anderes übrig, als doch direkt zu fragen. „So – is it a statement?“ – „A statement?“ – „You know… those are the colors of the ace flag… asexual pride?“ Er und die Umstehenden sahen mich einen Moment lang verwundert an, dann lachte er ein wenig unsicher. „No, that’s a coincidence.“
Schade, dachte ich, und überließ das unwissende „Fashion Victim“ nach einer weiteren Runde Smalltalk seinem Schicksal.

Fazit: Auch auf Erkennungszeichen ist nicht immer Verlass. Wenn sich jetzt auch noch die Dame, die mir regelmäßig in Meetings gegenübersitzt, und nach deren schwarzen Ring ich mich noch nicht zu fragen getraut habe, als ein großer und unwissender Fan von Onyxschmuck entpuppt, wäre ich ehrlich gesagt ein bisschen frustriert…