Nein, Schatz, ich bin wirklich nicht schwul

„Do you think he’s gay? People always ask if he is, or say that he is, and you know, sometimes I suspect…“

Vor mir stand eine zierliche Blondine in einem gut geschnittenen Abendkleid. Um uns herum, ein Raum voller Partygäste. Ein Botschaftsball, alle in Abendgarderobe, 100 Dollar pro Eintrittskarte, der Erlös sollte als Spenden an eine gemeinnützige Organisation gehen. Alkohol floss in Strömen, wie meistens bei solchen Veranstaltungen war die Musik zu laut und man konnte sich nur schreiend verständigen. Deswegen waren die ersten beiden Gedanken, die mir in Reaktion auf die Frage durch den Kopf gingen auch „Hm, vielleicht habe ich mich verhört“ und „Oh, sie hat aber schon ziemlich viel intus, oder?“

Weder noch.

Besagte Blondine – nennen wir sie Mary [nicht ihr richtiger Name, und jeglicher Bezug zu Mary Morstan ist natürlich völlig zufällig…] – wollte wirklich gerne meine Meinung zur mutmaßlichen sexuellen Orientierung ihres Partners wissen.

„Eh“, sagte ich wenig eloquent, weil das Thema „Wie reagieren Sie, wenn die Lebensabschnittsgefährtin eines Freundes Sie bei einer offiziellen Veranstaltung fragt ob er Ihrer Meinung nach homosexuell sei?“ in den meisten Etiketteratgebern nicht behandelt wird. – „I don’t think so…? I mean, you’re his girlfriend… and I suppose if he were, the topic would have come up by now…?“

Mary schien das nicht zu überzeugen. „Yes, I know. I asked him and he said no. But I’m just not sure… do you think he looks gay?“

„No,“ sagte ich. Allmählich begann ich mich in meiner Haut ziemlich unwohl zu fühlen. Außerdem fand ich die Frage absurd.

„I’ve asked other people as well,“ vertraute mir Mary an, und ich dachte, großartig, so entstehen Gerüchte. „I mean, he does hang out with a lot of gay guys…“

„Yes, but so do I, and I can assure you, I’m not secretly a gay man.“ Langsam wurde mir das Ganze dann doch etwas zu absurd. Sie hatte ihn gefragt, er hatte verneint, und eigentlich hätte die Frage damit doch beantwortet sein müssen. Oder?

Sie lachte nervös. „But… what if he’s bisexual?“

Ich zuckte die Achseln. „What if? He’s dating you, right?“

„But what if at age fifty, he figures out that he’s actually more into men and leaves me?“

Ich behielt meine Einschätzung, dass die beiden sicherlich nicht so lange zusammen bleiben würden, vor allem nicht bei einer offensichtlich derart bröckeligen Vertrauensbasis ihrerseits, vorerst für mich. „It’s just as likely that at fifty, he figures out that he’s actually into younger women and leaves you for a twenty-year old. What’s the difference? It doesn’t matter if it’s another woman or a man, the end result is the same.“

„I suppose so. And for the record, we have a very healthy sex life.“

Ich wurde ein bisschen blass um die Nase, vermute ich. „Please tell me NOTHING about it,“ bat ich sie.

„Still… don’t you think he’s…?“

„No.“

„Mhm,“ sagte Mary, beließ es aber vorerst dabei, und ich ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht, um den Rest des Abends mit wesentlich weniger unsicheren Leuten im Garten zu verbringen.

Ich hatte den Vorfall schon fast verdrängt, als mein Freund – Marys definitiv bessere Hälfte – bei einer Tasse Kaffee ein paaar Wochen später beiläufig berichtete, er sei nicht mehr mit ihr zusammen. „Oh,“ sagte ich, wenig überrascht, und konnte mich nicht so recht zu einem ‚das tut mir leid‘ durchringen.

„Mir ist das einfach auf die Nerven gegangen, dass sie mir nicht vertraut,“ sagte er.

Verständlich, dachte ich, und erzählte ihm von unserem merkwürdigen Gespräch auf dem Ball.

„Das überrascht mich überhaupt nicht,“ sagte er, „mich hat sie das auch ständig gefragt. Und ich versteh’s nicht. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber sie hat es mir nicht geglaubt. Und jetzt läuft sie überall herum und erzählt, ich wäre schwul. Das ist echt scheiße.“

Ich nippte an meinem Cappuccino und dachte darüber nach, dass das Ganze einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Normalerweise bin ich diejenige – sind wir Asexuellen diejenigen – die wieder und wieder versichern müssen dass wir wirklich nicht auf andere Leute stehen. Ganz ehrlich. Nein! Wirklich nicht!

Aber offensichtlich sind wir da nicht die Einzigen. Irgendwie war das tröstlich zu hören, bei allem Mitgefühl für die Nöte meines Freundes [der im Übrigen voll und ganz verdient hat, auch unter das A von LGBTIA und verwandten Abkürzungen zu fallen, weil er ein großartiger Ally/Unterstützer ist, der sich völlig unabhängig von seiner eigenen Orientierung und persönlichen Situation für die Rechte anderer einsetzt. Er gehört zu den wenigen Leuten, die kommentarlos und ohne jegliche Rückfragen akzeptiert haben, dass ich asexuell bin. Großartig!]

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Grüne Nelken und Gartenpartys

„He slipped a green carnation into his evening coat, fixed it in its place with a pin, and looked at himself in the glass…“ – Mit diesen Worten beginnt der Roman „The Green Carnation“ von Robert Hitchens. 1884 erschienen, und danach rasch wieder aus dem Verkehr gezogen (allerdings nicht schnell genug), löste das Buch doch einen mittleren Skandal aus, denn dass mit den Hauptpersonen Esmé Amarinth und Lord Reginald eigentlich Oscar Wilde und Bosie Douglas gemeint waren, konnte offenbar jeder Leser erkennen, der die beiden kannte. Grüne Nelken wurden damit unwiederbringlich zum Symbol für die Gefolgschaft Oscar Wildes, und für (männliche) Homosexualität im Allgemeinen. Heutzutage taugen sie als Erkennungszeichen nicht mehr ganz so gut wie, sagen wir, ein Regenbogen-Armband, aber der eine oder andere belesene Partygast wüsste eine grüne Nelke im Knopfloch eines Anderen wahrscheinlich schon noch zu deuten.

Erkennungszeichen sind von großer Bedeutung, für das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Die LGBT+-Community hat heute natürlich die Regenbogenfahne, und damit ein weithin anerkanntes und leicht zu erkennendes Symbol, das auch mit Stolz getragen wird (und, im Gegensatz zur Nelke im Knopfloch auch nicht welkt). Einzelne „Untergruppen“ haben jeweils ihre eigenen Symbole und Erkennungszeichen, die mit den Jahren auch variieren, und manchmal auch nicht Allgemein anerkannt sind, sondern nur innerhalb bestimmter Kreise.

Für Asexualität und Asexual Pride haben sich mittlerweile neben der Fahne in schwarz, grau, weiß und lila, ein meistens auf der Spitze stehendes Dreieck of in den gleichen Farben gehalten, und schwarze Ringe etabliert. Von den ganzen Kuchen-Anspielungen – ausgehend von „Cake is better than Sex“ (würde ich persönlich 1:1 so unterschreiben, vor allem, wenn es sich um Schokokuchen handelt – mjam) – ganz zu schweigen.

Allerdings – und das habe ich im Selbstversuch getestet – es ist möglich ein Dreivierteljahr mit einer schwarz-grau-weiß-lila Flagge auf der Kleidung herumzulaufen, ohne das irgendjemand darauf reagiert. Von einer einzigen Nachfrage einmal abgesehen (auf die hin ich erklärte, wofür die Fahne steht, und mein Gesprächspartner sagte „That is so cool, I’ve never met anyone who was asexual; come let me introduce to our resident pansexual, that should be interesting“), scheint sie niemand auch nur bemerkt zu haben.

Also vielleicht doch eher ein Erkennungszeichen für „Eingeweihte“… als solches hat sie zumindest den Vorteil, dass schwarz-grau-weiß-lila eine Farbkombination ist, die die wenigsten Leute zufällig verwenden, es dürfte also relativ selten vorkommen, dass jemand ganz unbedarft seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe bekennt, von deren Existenz er gar nichts weiß. Oder?

Sollte man meinen.

Am vergangenen Donnerstag war ich zu einem Pride Event bei amerikanischen Kollegen eingeladen, ein ausgesprochen netter Abend, auch wenn der Dresscode „pink“ lautete. Der wurde allerdings von den meisten Gästen recht leger ausgelegt, wahrscheinlich auch, weil kaum jemand, der die Pubertät hinter sich gelassen hat, größere Mengen pinker oder rosafarbener Kleidungsstücke zuhause im Schrank hängen hat. Von dem Kollegen, der einige Jahre in Hongkong verbracht hatte und – wie er uns berichtete – über eine große Auswahl von Garderobe für Garden Parties in reizenden Pastelltönen verfügt, einmal abgesehen. Die meisten von uns konnten nur mit pinken Schals, rosa Hemden, Rosen im Knopfloch oder pinken Socken aufwarten.

Ein Gast allerdings hatte sich richtig in Schale geworfen, und zwar in einem anthrazitgrauen Anzug, lilafarbenem Hemd und einer Krawatte in den Farben schwarz, grau, weiß und lila. Ins Auge fiel er uns allen, aber ich glaube, ich war die Einzige, deren Herz beim Anblick des Farbschemas einen Satz machte: „Die Farbkombination ist schauderhaft“, urteilte mein derzeitiger Chef (seinerseits dezent im blassrosa Poloshirt). – „Ich weiß nicht,“ erwiderte ich, „wenn er sie unabsichtlich ausgewählt hat, dann ja; dann wäre es ein bisschen zu viel. Aber wenn er sie absichtlich ausgesucht hat, finde ich das extrem cool.“ – „Hm,“ sagte mein Chef, offensichtlich nicht überzeugt, und wanderte in Richtung Bar davon.
Ich beschloss, den Herrn mit der interessanten Krawatte direkt darauf anzusprechen. Das allerdings stellte mich vor ein Problem, denn auf einer Party ist man selten allein, und wir waren beide umgeben von Freunden und Bekannten. Da ich ihn nicht unabsichtlich outen wollte, musste ich die Frage indirekt stellen. – Also nach einer Runde Smalltalk: „I’m curious – did you choose this outfit on purpose?“ Er sah mich etwas verdutzt an. „Yes, of course.“ – „It looks very nice,“ sagte ich sicherheitshalber schnell, „I’m just wondering about the colors – it’s unusual to see someone wear that particular combination.“ – „It was the closest thing I had to match the dresscode,“ sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Huh. Mir blieb nichts anderes übrig, als doch direkt zu fragen. „So – is it a statement?“ – „A statement?“ – „You know… those are the colors of the ace flag… asexual pride?“ Er und die Umstehenden sahen mich einen Moment lang verwundert an, dann lachte er ein wenig unsicher. „No, that’s a coincidence.“
Schade, dachte ich, und überließ das unwissende „Fashion Victim“ nach einer weiteren Runde Smalltalk seinem Schicksal.

Fazit: Auch auf Erkennungszeichen ist nicht immer Verlass. Wenn sich jetzt auch noch die Dame, die mir regelmäßig in Meetings gegenübersitzt, und nach deren schwarzen Ring ich mich noch nicht zu fragen getraut habe, als ein großer und unwissender Fan von Onyxschmuck entpuppt, wäre ich ehrlich gesagt ein bisschen frustriert…

Asexualität online – QAC

Manche Dinge sind online wesentlich präsenter als offline. Oder zumindest hat es den Anschein. Meiner Meinung nach ist das auch beim Thema Asexualität so.

Während die traditionelleren Medien, ganz zu schweigen von der Umwelt im Allgemeinen, erst allmählich zu realisieren beginnen, dass ja, dieses komische „Online-Phänomen“, das plötzlich regelmäßig in Youtube-Videos, Facebook-Posts, auf Tumblr, in Blogs und in Foren auftaucht, vielleicht tatsächlich etwas ist, mit dem man sich mal beschäftigen sollte, bloggt, postet, twittert, diskutiert und streitet die online-Community schon fleißig weiter.

Gelegentlich liest man, oder wird verbal der Vorwurf erhoben, Asexualität sei ein „Tumblrism“, eine Mode-Erscheinung, populär gemacht durch die schnelllebige, bunte und oft übertriebene Welt der sozialen Medien. Ganz ehrlich? Das ist Blödsinn. Asexualität gab es lange vor Tumblr (oder dem Internet im Ganzen). Die sozialen Medien haben dem Begriff, und dem, wofür er steht, lediglich zu längst verdienter Aufmerksamkeit verholfen, und das ist gut so. Nicht nur sorgen sie dafür, dass mehr Leute erfahren, dass Aexualität überhaupt existiert, sie helfen der asexuellen Community auch, sich zu vernetzen und auszutauschen, klären auf, stellen Wissen, Tipps und manchmal Hilfe zur Selbsthilfe bereit.

Gerade heute bin ich durch einen Beitrag auf Acebook zufällig auf Vespers Youtube-Kanal Queer as Cat (QAC) gestoßen. Vesper beschreibt sich selbst als „30 Jahre alt, non-binary, bi/panromantisch und asexuell.“ Die Videos sind in Englisch, aber es ist gut verständlich und viele haben Untertitel. Ich finde sie großartig. Sie sind technisch nicht besonders anspruchsvoll, Vesper gibt das selbst auch zu, es gibt keine coolen Effekte, keine Hintergrundmusik, etc. Dafür sind sie sehr ehrlich, sehr persönlich. Sie beschäftigen sich mit diversen Themen, Asexualität, Geschlechterrollen und – stereotypen, Coming Out, romantischen Orientierungen, Familie, etc.

Ganz besonders gut gefallen hat mir dieses Video, in dem es um Vorurteile, Diskriminierung und die Frage wie erkläre ich Asexualität geht.

Inzwischen gibt es eine ganze Menge Youtuber, die sich gelegentlich oder regelmäßig in ihren Videos mit dem Thema Asexualität auseinandersetzen. Nach und nach werde ich in diesem Blog sicher noch mehr davon vorstellen.

Sport und nackte Haut

Ich habe beim Sport gerne Gesellschaft. Im Grunde genommen habe ich überhaupt gerne Gesellschaft, und beim Sport motiviert es mich, wenn ich mich nicht ganz alleine irgendwo abstrample oder abschwitze. Leider scheine ich keine Begabung für die meisten klassischen Teamsportarten zu haben, insbesondere dann nicht, wenn Bälle involviert sind. (Was mich nicht davon abgehalten hat, diverse Ballsportarten auszuprobieren). Ich spiele semi-regelmäßig Netball, aber das war’s dann auch schon mit Teamsport. Trotzdem – auch beim Laufen und/oder im Gym bin ich nicht gern allein.

Sich Sportgeräte mit einer Gruppe Polizisten zu teilen, hat viele Vorteile (wahrscheinlich noch mehr, wenn man/frau auf sportliche Männer steht). Zum Beispiel blockieren sie keine Laufbänder, während sie im Schritttempo WhatsApp-Nachrichten checken. Außerdem brauche ich auch nicht neidisch zu sein, weil ich a) sowieso nie so sportlich sein werde wie diese Jungs, ganz egal, was ich tue und es b) auch gar nicht sein muss, weil mein Job es im Gegensatz zu ihrem nicht erfordert.
Und ich habe mich beim Sport selten so sicher gefühlt.

Allerdings – die Geschmäcker sind verschieden, so auch bei der Wahl der geeigneten „Ablenkung“ beim Sport. Ich persönlich höre gerne mit geräuschausblendenden Kopfhörern Musik, zu der andere Leute tanzen (House und Trance, nicht Wiener Walzer, um das hier klarzustellen, weil es offenbar auch Leute gibt, die Wagner und Schubert für geeignete Workout-Musik halten… wer’s mag…). Meine Mit-Sportler sind mir zwar teilweise in Sachen Musikgeschmack recht nahe, mögen dazu aber auch noch Videos – von schnellen Autos, starken Kerlen, coolen Stunts, Luxusyachten und, ja, leichtbekleideten Mädels.

Und weil sie alle wirklich nett und rücksichtsvoll sind, kommt regelmäßig die Frage: „Stört’s dich?“ (… wenn ich den Fernseher anmache / lauter mache / umschalte). Oder auch – allerdings meistens eher nur angedeutet: Stört dich der Inhalt? Von wegen leichtbekleidete Frauen und so. Irgendwie finde ich diese Frage ziemlich niedlich. Man(n) hat’s ja heute auch nicht leicht – siehst du dir Bikini Babes, die vor schnellen Autos posieren an, kommst du leicht in die Gefahr Anstoß bei Frauen zu erregen oder als unsensibler Macho, der nur mit gewissen Weichteilen denkt, rüberzukommen. Ich glaube, dass sich viele Frauen genauso gerne halbnackte Kerle ansehen (mit oder ohne Autos), ist manchen Männern nicht so richtig bewusst.

Mich stören die Damen im Video jedenfalls nicht. Zum einen sind sie alle ziemlich hübsch, und man soll mir nicht nachsagen, ich wüsste weibliche Schönheit nicht zu würdigen. Zum anderen haben sie sich offensichtlich aus freiem Willen dazu entschlossen, im Bikini durch Videos zu hopsen, und mir wirft ja schließlich auch niemand vor, dass ich in meiner Freizeit gerne in knappen Shorts und rückenfreien Sporttops durch die Landschaft renne.

Das ist allerdings ein weitverbreitetes Missverständnis über asexuelle Menschen. Um dieses klarzustellen – nein, wir haben kein grundsätzliches Problem mit nackter Haut. Oder wenn, dann hat es meiner Ansicht nach nicht sonderlich viel mit unserer sexuellen Orientierung zu tun. Vielen Menschen macht Nackheit oder Halbnackheit wenig oder gar nichts aus. Anderen ist sie sehr unangenehm. Beides ist legitim. Es ist genausowenig verwerflich, seine Mitmenschen nackt sehen zu wollen, wie sie nicht nackt sehen zu wollen, oder nur einige wenige nackt sehen zu wollen, finde ich.

Ich selbst bin gegenüber Nackheit und aufreizender Bade/Unterwäsche, egal bei welchem Geschlecht, relativ indifferent. Ich habe im Prinzip auch kein Problem damit, wenn andere Leute mich im Naturzustand sehen, solange sie ihre Gedanken dazu und insbesondere etwaiges sexuelles Interesse an meiner Person für sich behalten. Was nicht heißen soll, dass ich regelmäßig nackt oder im kessen Bikini unterwegs bin. Beides  ist nachweislich nicht nur unpraktisch, sondern auch unbequem. Aber wie gesagt, manche meiner Sportklamotten sind schon ziemlich knapp.

Was uns zu einer weiteren Frage bringt, die mir gelegntlich gestellt wird: warum ziehst du dich so (aufreizend) an, wenn du mit niemandem Sex haben willst? (Diese Frage ist verwandt mit anderen wie „Warum schminken sich asexuelle Frauen?“ und „Warum will ein asexueller Mann auch ein Sixpack?“)

Zunächst einmal: ich trage die meisten meiner Klamotten, weil ich mich darin wohlfühle (und einige, weil es von mir erwartet wird). Meine kappen Laufshorts sind bequem, Punkt, aus. Luftige Tops mit wenig Träger und viel Rückenfreiheit sind es auch. Man sieht den Sport-BH? Gut. Er war teurer als die meisten meiner Hosen, und was glaubt ihr, warum die da so ein hübsches Muster draufdrucken? – Ein Pastor hat mich nach dem Gottesdienst mal darauf hingewiesen, dass es irgendwie unfair wäre, dass ich T-shirts mit Sprüchen trage, die genau über meine Brüste gedruckt sind, da müsse man(n) ja hinschauen. Woraufhin ich nur sagen konnte, dass ich ja nun auch nichts daran ändern kann, dass sie da sind, wo sie sind (die Brüste, meine ich). Das leuchtete ihm irgendwie ein. Aufreizend sind die Sprüche im Übrigen in der Regel nicht, und selbst wenn… von den Kleidern auf die Person darunter zu schließen, geht allzu oft in die Hose.
Sexuelle Orientierung schlägt sich nicht zwangsläufig im Kleidungsstil nieder. Nicht alle schwulen Männer sind modebewusst, nicht alle lesbischen Frauen stehen auf Holzfällerhemden, und asexuelle Menschen müssen nicht grundsätzlich rumlaufen, als wären sie gerade aus einer Klosterschule geflohen.

Gibt Kleidung irgendjemandem das Recht, irgendjemand anderen anzumachen? Nein. (Es sei denn, auf dem T-shirt steht „Mach mich an“, und vielleicht noch nicht einmal dann).

„Aber wenn du keine Aufmerksamkeit willst, warum ziehst du dich dann so an?“ (schminkst du dich/spielt es eine Rolle, ob du fit bist oder nicht) – Weil’s mir gefällt. Man kann auch mal Dinge nur für sich selbst tun, ohne Augenmerk auf die Außenwirkung.

Außerdem… wer hat je behauptet, dass asexuelle Menschen nicht bewundert werden möchten?

Für ihren Modegeschmack.
Für ihre sportliche Figur.
Für die schicken High Heels.
Für den perfekten Lidstrich.
Für ihren ganz eigenen Stil.
Für …

Freundeskreise

Neulich war ich zu Besuch „zuhause“ (in Anführungszeichen deswegen, weil das Wort für Weltenbummler wie mich ein ziemlich dehnbarer Begriff ist). Mai in Süddeutschland: nass bis sonnig, Blumen, oh-so-grün, blauer Himmel mit Wattewolken. Viel Familie, zu diversen Anlässen und in unterschiedlichen Konstellationen.

Dabei fiel mir auf, dass ich nicht mehr gefragt wurde, ob ich mir nicht auch mal einen Partner oder eine Partnerin zulegen möchte. Das Thema „Enkelkinder“ kam zwar auf, aber glücklicherweise sind meine Mutter und ich in dieser Frage ziemlich einer Meinung – ich mag Kinder, und könnte mir durchaus vorstellen, ein bis drei großzuziehen. Wie eine meiner Cousinen dem Clan als prima Single-Mama inzwischen bewiesen hat, kann frau das auch ganz ohne männliche Unterstützung. Ich vermute, das tröstet meine Mutter über die Abwesenheit einer geeigneten Schwiegerperson hinweg. Wenn ich’s mir aussuchen kann, und darauf hoffe ich, wäre ich aber nicht gerne eine alleinerziehende Mutter – das ist nämlich verdammt anstrengend. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter gilt meine größte Hochachtung allen Eltern, die Kinder und Beruf allein unter einen Hut bringen müssen.

Aber eigentlich sollte das Thema Familie/Kinder nur die Überleitung und ich habe mich schon wieder verquasselt. Eigentlich wollte ich über Freunde schreiben, oder genauer gesagt, Freundeskreise. Bei meinem Familienbesuch fiel nämlich mal wieder der Satz „deine Freunde sind ja alle schwul“ (siehe hier), diesmal in der Variation „du hast ja schon wieder nur schwule Freunde“. Und eine meiner Cousinen meinte bewundernd „Wo lernst du die nur immer kennen? Ich kenne überhaupt keine schwulen Jungs oder lesbischen Mädels, nicht mal im Studentenwohnheim.“ (rein statistisch gesehen unwahrscheinlich, aber ich fand es doch sehr erfreulich, dass sie einen Freundeskreis bestehend aus Menschen diverser sexueller Orientierungen für erstrebenswert hält).

Bestreiten konnte ich die „Anschuldigung“ im Übrigen nicht – tatsächlich identifiziert sich die weit überwiegende Mehrheit meiner männlichen Freunde als homosexuell. Was mir dann doch irgendwie zu denken gab. Schließlich sucht man sich seine Freunde ja in der Regel selbst aus, und diese Auswahl ist irgendwie auch eine Aussage über persönliche Vorlieben, Neigungen und Gewohnheiten. Um das gleich mal vorweg zu nehmen – ich finde alle meine Freunde unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung großartig (anderenfalls wäre ich wohl nicht mit ihnen befreundet). Sie sind alle auf ihre eigene Art wunderbare Menschen. Andererseits – davon gibt es aber jede Menge, und ich bin nicht mit allen befreundet. Nach welchen Kriterien suche ich mir also meine Freunde aus?
Zum einen gemeinsame Interessen, klar. Schließlich muss man sich ja irgendwo kennen lernen und erstmal etwas finden, worüber man sich unterhalten kann. Aber es ist nicht nur das. Ich habe Freunde, die sich total für Fußball, Sticken oder Horrorfilme begeistern können, und ich finde alle drei eher langweilig. Umgekehrt können viele meiner Freunde weder mit Halbmarathons, noch mit Fanfiction oder Botanik etwas anfangen. Das tut unserer Freundschaft aber keinen Abbruch.

Aber spielt die sexuelle Orientierung eine Rolle? Wenn ich mein Freundschaftssystem näher betrachte, sehe ich eine Reihe konzentrischer Kreise. Beste Freunde, gute Freunde, eher lose Freundschaften. Die Qualität der Freundschaft hängt nicht davon ab, wie lange ich die Leute kenne oder wie oft ich sie sehe (viele meiner Freunde sehe ich nur ein oder zweimal im Jahr in Person, weil sie in ganz anderen Ecken der Welt wohnen als ich).
Unter meinen Freunden gibt es eine ganze Menge, die sich als heterosexuell identifizieren, ein paar die bi oder lesbisch sind, eine ganze Reihe, von denen ich es nicht genau weiß (und ich frage auch nicht nach, wenn sie es mir erzählen wollen, werden sie es früher oder später tun, vermute ich), oder die sich nicht festlegen möchten. Und wie bereits erwähnt viele homosexuelle Männer. Um genau zu sein sind mit einer knappen Hand voll Ausnahmen alle meine männlichen Freunde schwul. Und die die es nicht sind, sind fast alle verheiratet oder in einer festen Beziehung.

Okay, das könnte natürlich ein Zufall sein. Oder dadurch bedingt, dass man Freunde ja oft auch durch andere Freunde kennen lernt. Wenn man erst mal einige schwule Freunde hat, erhöht sich wohl auch die Wahrscheinlichkeit, durch sie weitere nette schwule Männer kennenzulernen, mit denen man befreundet sein möchte.

Andererseits – für eine asexuelle Frau sind homosexuelle Männer zahn- und krallenlose Tiger und damit eine sichere Wahl. Die Wahrscheinlichkeit, unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, geht gegen null. Gemeinsam Zeit verbringen, Sport treiben, rumalbern, Schwimmen gehen, lachen, weinen, verreisen, feiern – alles völlig ungefährlich. Umgekehrt wird auch ein Schuh draus – für die Jungs bin ich keine Konkurrenz.
Vielleicht habe ich deswegen so viele schwule Freunde, weil es mir leichter fällt, ihnen zu vertrauen und mit ihnen Freundschaften einzugehen. Bei heterosexuellen (und bi- und pansexuellen, aber davon kenne ich bisher wenige) Männern, ganz egal wie nett und verständnisvoll sie sind, besteht immer ein gewisses Restrisiko. – Was wenn er doch auf mich steht? Irks, hilfe! Besser gar nicht erst riskieren.
Während bei meinen schwulen Freunden die einzige Gefahr darin besteht, dass ich eines Tages zu Tode geknuddelt werde (und es gibt schlimmere Arten zu sterben).

Damit wäre die Antwort auf die Frage „warum hast du so viele schwule Freunde?“:

Weil sie großartig sind… und ungefährlich.

 

Edit: Während ich dabei war diesen Text Korrektur zu lesen, bekam ich über Acebook eine Nachricht, die sich genau auf dieses Thema (und meinen vorherigen Blogpost dazu) bezog. Offenbar bin ich nicht die Einzige, der es so geht. Cool!

Italienisch für Anfänger – Subtext? Welcher Subtext?

Freitagnachmittag, 20 Grad Celsius, Sonne, und in meinem Italienischbuch stehen Sätze wie „Dalla mia terrazza vedo il mare“ (Von meiner Terrasse aus sehe ich das Meer). Stimmt nicht ganz, aber man könnte sagen, ich arbeite daran. Es ist zwar erst April, aber ich erkläre den Sommer hiermit für eröffnet. Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer.

Projekt „Italienisch lernen“ klappt solange, bis ich mich an die CD mit den Texten mache. Eine virtuelle Sprachreise durch Italien. Klingt gut. Sie fängt in Verona an, auf Julias Balkon (ja, genau, die Julia), da war ich auch schon mal, und ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, dass ich so ungefähr alles andere in Verona spannender fand, aber scheinbar ist ein Aufenthalt dort nicht vollständig, wenn man diesen Balkon nicht gesehen hat. Wenn ihr mich fragt, ist Romeo und Julia weder das spannendste Stück, noch die schönste Liebesgeschichte aus Shakespeares Feder, aber gut.

In meinem Übungstext begegnen sich auf Julias Balkon Elena und Amedeo, tauschen Namen aus und stellen fest, dass sie aus Venedig kommt und er aus der Nähe von Neapel – und im nächsten Satz bemerkt sie vielsagend, es gäbe täglich zwei Züge von Venedig nach Neapel. Okay, nicht das erste, was mir einfallen würde, aber… Vielleicht fährt sie wirklich gerne Zug. „Elena…“ sagt daraufhin Amedeo, „es gibt auch einen Flug am Tag.“ Um, ja. Smalltalk. Nicht jedermanns Sache. – „Sì, Amedeo,“ haucht wiederum sie, und ich frage mich, ob sie vielleicht Aktien an der Fluggesellschaft hält, eigentlich für das Verkehrsministerium arbeitet, oder warum diese Bemerkung solche Begeisterung auslöst. Aber der nächste Satz aus seinem Munde ist „Elena, du bist sehr schön.“ – Moment mal. Eben waren wir noch bei Zügen. Und Flugzeugen. Ich habe das Gefühl, einen Teil des Gesprächs verpasst zu haben. Erfreulicherweise werde ich mit dem nächsten Satz darüber aufgeklärt, dass „die Geschichte von Romeo und Julia eine ist, die sich jeden Tag wiederholen kann“.

Na dann.

Okay, nein. Was genau ist mir hier entgangen?

Verwirrt beschließe ich, dass der Text wahrscheinlich deswegen so merkwürdig unvollständig ist, weil es ein Buch für Anfänger ist, und die Entwickler das Vokabular möglichst einfach halten wollten. Irgendwie sinnvoll. Na gut. Weiter zum nächsten Text.

Wir sind immer noch in Verona, diesmal aber auf dem Blumenmarkt. Offenbar möchte ein älteres Ehepaar Blumen für seinen Sohn kaufen. Ziemlich progressiv, find ich super. Schenkt dem Jungen Blumen, und beweist, dass es überhaupt nicht stimmt, dass sich nur Frauen über Blumen freuen. Weg mit den ganzen alltäglichen Geschlechterstereotypen! Ha! Das sind bestimmt total coole Eltern, die ihren Sohn voll und ganz unterstützen würden, wenn er sich als asexuell outen, Luciano von nebenan heiraten und ein geschlechtsneutrales Modelabel gründen würde.

Allerdings scheinen sie sich mit Blumen nicht so wirklich auszukennen. Und die Auswahl ist auch ein bisschen komisch. Es gibt Nelken, Veilchen, Rosen (aber nur rote) und Tulpen – aber nicht irgendwelche Tulpen, sondern tulipani dell’amore. Ich verstehe ein bisschen was von Blumen, deswegen finde ich diese Auswahl doch recht interessant. Blumen sind nämlich nie einfach nur hübsch anzusehen. Es gibt kaum etwas, das so oft als Symbol ge- und missbraucht wird wie Blumen. Auch wenn heutzutage abgesehen von Floristen, Kunsthistorikern und Literaturwissenschaftlern die meisten Leute Analphabeten in der Sprache der Blumen sind  und über „rote Rosen stehen für die Liebe“ nicht hinaus kommen – was ich schmerzlich feststellen musste, als ich einmal einer reizenden Kolumbianerin ein Bouquet aus Lisianthus und weißen und rosa Rosen schickte, und sie dachte, ich wollte ihr zum Geburtstag gratulieren. Und dabei kann man das heutzutage alles nachlesen. Sogar bei Wikipedia. Fachwissen nicht erforderlich.

Zurück zu meinem Italienischtext. Woran denke ich bei Nelken? An grüne Nelken und Oskar Wilde. Und Veilchen? Lange Zeit ein Symbol für weibliche Homosexualität. Rote Rosen? Siehe oben. Und Tulpen? Hängt von der Farbe ab, aber mit großen Gefühlen haben sie eigentlich immer zu tun. Da hätte es den Zusatz „dell’amore“ gar nicht gebraucht. „Das sagen die Holländer,“ weiß die Floristin in meinem Italienischbuch zu berichten. Na, die müssen es ja wissen. Holland = Tulpen. Wo wir schon bei den Klischees sind…

Mama und Papa können sich denn auch nicht so recht zwischen den roten Rosen und den Liebestulpen entscheiden, ist ja auch schwer, bei gleicher Bedeutung (ich persönlich würde ja die Rosen nehmen, die halten sich in der Vase länger…). Just in dem Moment stößt jedoch ein unbekannter Dritter hinzu, der sich freundlich vorstellt und Papa eine Zigarette anbietet, sie ihm anzündet und mit träumerischer Stimme zu bedenken gibt, alle Blumen hätten etwas Besonderes. Ooookay. Liebes Italienischbuch, willst du mir vielleicht irgendwas sagen?! Ich weiß ja nicht, aber die Szne könnte auch am Anfang eines Groschenromans stehen. Wohlgemerkt eines Groschenromans, in dem Papa feststellt, dass das mit seiner Ehe zwar ganz nett war und so, er aber eigentlich doch eher auf Männer steht, und – sieh da! – den Mann seines Lebens auf dem Blumenmarkt kennenlernt, als er (mit seiner Frau…) einen Blumenstrauß für seinen Sohn kauft. – Aber nein, denn die Szene endet damit, dass die Eltern beschließen, die Rosen und die Tulpen zu nehmen und Papa seine Hoffnung äußert, Sohnemann Franco möge doch einen netten Holländer kennenlernen (zugegeben, es könnte auch eine Holländerin gemeint sein). Mama findet das super.

Jaaaaa… leicht verwirrt blättere ich in meinem Italienischbuch. Komisch, die Texte, die in meinen Büchern im Sprachunterricht in der Schule standen, waren nie so zweideutig. Irgendwas kommt mir hier Spanisch vor, und ich frage mich, ob das wirklich so gemeint ist.

Das man Texte ganz unterschiedlich auslegen kann, ist eine Erkenntnis, die den meisten von uns früher oder später im Sprachunterricht in der Schule kommt (alternativ auch im Religionsunterricht), häufig begleitet von der möglicherweise wichtigeren Erkenntnis, dass es meistens eine „richtige“ Auslegung gibt, die „besser“ ist als die eigene – die des Lehrers. Meine Theorie, dass es sich bei Margaret Steenfatts Kurzgeschichte „Im Spiegel“ um den erfolgreichen Ausbruch eines Jungen aus seinem von gesellschaftlichen Konventionen eingeengten Leben und seinem erfolgreichen Start in ein neues, befreites Leben handelt, war leider ebenso unpopulär wie die Interpretation einer Mitschülerin, Jesus habe in einer glücklichen polyamoren Beziehung mit seinen Jüngern gelebt, bis ihm das konservative Establishment diesen schönen, lebensbejahenden Lebensentwurf brutal zunichtemachte.

Was hat Textanalyse mit dem wahren Leben zu tun? Viel. In der Welt, in der wir heute leben, sind wir permanent darauf angewiesen, Texte, Bilder und Situationen zu interpretieren und zu analysieren. Es geht irgendwann so automatisch, dass wir gar nicht mehr darauf achten. Bei der Interpretation und Analyse helfen uns Erfahrungen, die wir bereits gemacht haben, Muster und Schemata, Analogien, gelernte und internalisierte Regeln. „Wenn A, dann B.“ Ohne diese Hilfsmittel wäre das Leben entsetzlich anstrengend.

„Wenn seine Eltern Franco einen Blumenstrauß schenken, heißt das, dass sie ihn gern haben und an ihn denken.“ – „Wenn jemand jemandem rote Rosen schenkt, heißt das, dass er ihn oder sie lieb hat.“ Und so weiter.

Weil wir aber zum Glück nicht alle gleich sind, verwenden wir auch nicht alle die gleichen Analyse-Hilfsmittel. Welche wir verwenden, hängt von persönlichen Erfahrungen, von Erziehung, von Werten, von der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind und einer Vielzahl anderer Faktoren ab. Letztlich auch von unseren eigenen Interessen.

Für asexuelle Menschen sind sexuelle Anspielungen deswegen manchmal verwirrend. Wenn man etwas noch nie am eigenen Leib erfahren hat, kann es schwer sein, sich das vorzustellen, das kennen wir alle. Und wer asexuell ist, spürt keine sexuelle Anziehung. Deswegen sind Texte wie die Geschichte von Amedeo und Elena manchmal verwirrend, vor allem, wenn sie so kurz gehalten sind. Anziehung auf den ersten Blick? Schwer verständlich.
Allerdings – ich wage zu behaupten, die meisten von uns leben in einem Umfeld, in dem Sex etwas Alltägliches und Allgegenwärtiges ist. Und genau wie man eine Sprache oder bestimmte Verhaltensmuster lernen kann, kann man lernen, bestimmte Situationen oder Anspielungen zu deuten. Das kann aber auch nach hinten losgehen. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass der unbekannte Dritte in meinem Italienischbuch eigentlich nicht mit Francos Papa flirten sollte. Ups, Fehlinterpretation. Passiert mir ziemlich oft, vor allem, weil ich eine ziemlich lebhafte Fantasie habe, und mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht habe.

Mir ist nie so richtig bewusst geworden, dass ich bestimmte Dinge nicht, erst spät oder anders als andere verstehe, bis ich herausgefunden habe, dass ich asexuell bin. Zum Beispiel Prostitution oder Pornos. Dass man mit seinem Freund oder seiner Freundin ins Bett gehen möchte, leuchtete mir ja irgendwie noch ein. Wunsch nach Nähe, Besitzansprüche deklarieren, große Liebe, und so weiter. Aber dafür zu bezahlen, mit jemand wildfremden zu schlafen oder anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie Sex haben (oder möglicherweise auch nur so tun als ob)? Was für merkwürdige Beschäftigungen…
Rational verstehe ich beides – Menschen haben sexuelle Bedürfnisse, die sie vielleicht nicht anders, oder zumindest nicht zeitnah anders befriedigen können, daher Prostitution. Und anderen beim Sex zuzuschauen, finden viele offenbar erregend. Okay. Alles reine Biologie.

– Aber emotional? Großes inneres Kopfschütteln.

*Das verwendete Italienischbuch ist das Begleitbuch zu digital publishing, „Intensivkurs Italiano“; Copyright: digital publishing AG 2004

 

Vom Können und vom Wollen

Eine Frage, die asexuellen Menschen erstaunlich häufig gestellt wird (interessanterweise offenbar unabhängig davon, ob sie sich selbst als asexuell bezeichnen, oder nicht) ist: Kannst du Sex haben? Meistens kommt sie nicht ganz so direkt daher, sondern umgeben von mehr oder weniger schmückendem Beiwerk –

– „Hast du es denn schon mal ausprobiert?“ (Geht dich überhaupt nichts an.) –

– „Wie, du stehst nicht auf Sex? Ist ja krass. Und du bist dir sicher, dass du gesund bist… ich meine, ist mit deinen Hormonen alles okay?“ (Danke der Nachfrage, ja.) –

– „Also wie, du hast noch nie mit jemandem geschlafen? Und du willst das auch nicht? Aber du könntest…?“ (Klar, genau wie ich auch morgen mit einer Obama-Maske ins Büro gehen oder spontan aus dem dritten Stock springen könnte. Aber möchte ich das…?) –

Aber auf das Wesentliche reduziert, bleibt es dann wohl doch bei: Kannst du?

Und um das gleich mal klarzustellen: Natürlich können asexuelle Menschen Sex haben. Ebenso wie Menschen über sechzig, Menschen die unter vorübergehenden oder chronischen Krankheiten leiden, Menschen die mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben, Menschen die sich selbst für rundum gesund und normal halten, Menschen mit roten, schwarzen oder grünen Haaren… ihr seht was ich meine.

Soweit ich es bisher feststellen konnte unterscheiden sich asexuelle Menschen physisch in keinster Weise von nicht-asexuellen Menschen, oder jedenfalls nur insofern, wie wir uns eben alle ein bisschen voneinander unterscheiden. Es ist meines Wissens bisher noch niemandem gelungen, glaubhaft festzustellen, dass Asexualität auf eine irgendwie geartete physische Ursache zurückzuführen ist, sei es auf eine hormonelle Störung, genetische Anomalie, Fehlbildung irgendwelcher Körperteile, Vitaminmangel, sonst was.

Diesmal gibt’s ein Beispiel für Computerfans: Die Hardware ist da und voll funktionsfähig, aber die Software wurde nicht mitgeliefert.

Die Software, das ist in diesem Fall das Begehren, das Wollen.

Erfreulicherweise gewinnt ja seit ein paar Jahrzehnten weltweit die Überzeugung Freunde, dass Sex nur dann gut und richtig ist, wenn sich alle Beteiligten darin einig sind, dass sie (miteinander) Sex haben wollen. Das war beileibe nicht immer so, und ist auch längst nicht überall so. Frauen wurden und werden beispielsweise in vielen Gesellschaften nicht gefragt, ob sie Sex haben wollen, geschweige denn, mit wem. Sollten sie aber doch zu erkennen geben, dass sie gerne Sex hätten (und dann möglicherweise auch noch mit der falschen Person), drohen ihnen Repressalien von Beschimpfungen bis hin zum Tod durch Steinigung. Nicht schön. Vielen Männern geht es auch nicht viel besser, ganz besonders dann nicht, wenn sie gerne Sex mit anderen Männern hätten – männliche Homosexualität ist in über siebzig Ländern strafbar, und in vielen anderen zwar nicht strafbar, aber sozial inakzeptabel.

Aber – wir, die wir das hier schreiben und lesen, leben in der schönen neuen Welt (naja, wir arbeiten daran…), in der sich die Frage stellt, ob man eigentlich Sex haben möchte. Und genau die beantworten viele Leute mit nein. Zum Beispiel, weil sie grade keine Lust haben. Oder weil es nichts im Angebot gibt, das ihnen gefällt. Ein Raum voll mit attraktiven Single-Männern? Reizt die meisten lesbischen Frauen eher weniger…
Oder vielleicht auch, weil sie warten wollen, bis sie jemanden fürs Leben (oder zumindest für die Ehe) gefunden haben. Oder aus religiöser Überzeugung. Längst nicht alle katholischen Priester, Mönche und Nonnen sind asexuell, aber sie sollten alle zölibatär leben (dass es nicht alle tun, wissen wir).

Okay. Wenn es also durchaus vorstellbar ist, dass jemand, der nicht asexuell ist, aus welchem Grund auch immer gerade, auf bestimmte Zeit oder dauerhaft keinen Sex haben möchte, dann sollte es doch genauso nachvollziehbar sein, dass jemand, der asexuell ist, auch keine Lust hat.

Eine Gegenfrage, die ich besonders gerne stelle ist: Würdest du mit jemandem schlafen, zu dem du dich überhaupt nicht hingezogen fühlst? Mit einer Frau, auf die du gar nicht stehst? Mit einem Mann, wenn du ein heterosexueller Mann bist? Nein? Na siehst du.

Übrigens: Es gibt asexuelle Menschen die Sex haben. Einmal, zweimal, gelegentlich, regelmäßig, mit anderen, alleine, mit Männern, mit Frauen… es gibt, auch bei Abwesenheit sexueller Anziehung durchaus Gründe, Sex zu haben. Den Wunsch nach Intimität, zum Beispiel, oder danach, einem geliebten Menschen, der vielleicht nicht asexuell ist, etwas zu schenken. Neugier. Spaß an der Sache an sich, auch ohne sexuelle Anziehung. Um ein Kind zu empfangen oder zu zeugen.

Gründe gibt es genug.

Und worauf es letzten Endes ankommt, ist nicht die Frage „kannst du?“ sondern die Frage „willst du?“