Kängurus, Mormonen und die Ehe für Alle

Neulich war ich in Australien.

(Ich wollte schon immer mal einen Blogpost so anfangen.)

Okay, Spaß bei Seite, ich bin tatsächlich gerade aus einem dreiwöchigen Australienurlaub zurückgekommen und versuche mich jetzt wieder hier zurechtzufinden, in einer völlig anderen Zeit- und Klimazone, zurück aus dem australischen Frühling in den Herbst, die Autos, Fußgänger und Rolltreppen bewegen sich plötzlich wieder auf der „richtigen“ Seite, und ich muss mein mühsam erarbeitetes ordentliches BBC-Englisch wieder einfangen. Der Kaffee ist auch wieder schlechter (und das ist fast das Schlimmste), aber immerhin versteht die Person auf der anderen Seite der Theke wieder, dass ich Espresso und heißes Wasser meine, wenn ich einen Americano bestelle (für das gleiche Ergebnis muss man in Australien einen Long Black bestellen, und bis ich das nach ungefähr einer Woche herausgefunden hatte, bekam ich meistens Cappuccino).

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Andererseits… wenn der Cappuccino so aussieht, und dann noch mit dieser Aussicht, gibt es keinen Grund zu klagen…

Australien also. 17 Stunden reine Flugzeit, und auf dem Hinweg brauchte ich ganze zwei Tage. Es ist ein bisschen deprimierend, wenn man auf seinen Reiseplan schaut und feststellt, dass man am 25. August losfliegt, und am 27. August ankommt. Und der 26.? Der ging irgendwo zwischen Dubai und Sydney verloren, fürchte ich.

In Sydney traf ich meine Freundin, mit der ich in den nächsten zwei Wochen eine Strecke von über 9.000 Kilometern zurücklegen würde, etwa 4.000 davon im Auto (nach ungefähr 800 fühlte es sich dann auch nicht mehr komisch an, auf der linken Seite zu fahren). Neben dem klassischen Touristenprogramm (Hafenrundfahrt, Kängurus fotografieren, Wale beobachten, verzückt den Sonnenauf- und untergang am Uluru betrachten) hatten wir das Glück, auch ein paar ungewöhnliche Dinge erleben zu dürfen. Abgesehen von einem außergewöhnlich glücklich platzierten Regenbogen über dem Uluru zu Sonnenaufgang, waren das unter anderem eine zufällige Begegnung mit einem Mitreisenden auf dem Flug von Alice Springs nach Cairns, der uns in etwa einer Stunde mit ausgezeichneten Tipps für die gesamte weitere Reise von Cairns nach Sydney versorgte und die Tage, die wir bei einer reizenden Mormonenfamilie in der Nähe von Melbourne verbringen durften, die es sich nicht nehmen ließ, uns die gesamte Umgebung, inklusive der Great Ocean Road bis Port Fairy, zu zeigen.

Meine Erfahrungen mit Mormonen hatten sich bis dato auf einige nette Begegnungen in den USA, und halb-erinnerte Erzählungen meines Vaters, der irgendwann vor gefühlten hundert Jahren mal in Salt Lake City vorbeikam, beschränkt. In Australien hatte ich sie eigentlich nicht erwartet, wobei es im Nachhinein naheliegend ist, dass eine Glaubensgemeinschaft, die rege missioniert, irgendwann auch am anderen Ende der Welt ankommen würde.

Ich muss als Hintergrund sagen, dass ich in einer überwiegend christlichen, aber nicht religiösen Familie aufgewachsen bin. Die meisten meiner Verwandten sind evangelisch und keine regelmäßigen Kirchengänger. Meine Eltern sind der Meinung, dass Religion Privatsache ist, und etwas, über das man eigenständig entscheiden sollte, deswegen wurde ich auch als Kind nicht getauft. Ich war in einem katholischen Kindergarten und einer katholischen Grundschule, hatte evangelischen Religionsunterricht bis zum Gymnasium, habe in einem Kirchenchor gesungen und ein Jahr lang mit einer Familie gelebt, die einer Pfingstgemeinde angehört. Ich war in katholischen, evangelischen und anglikanischen Gottesdiensten, fühlte mich am wohlsten immer bei den Quäkern* (weil dort bei der Andacht nicht so viel geredet wird), in buddhistischen Meditationsgruppen, und seit einem Jahr bin ich Mitglied einer ökumenischen Zweckgemeinschaft, der alle möglichen christlichen Konfessionen angehören. Es führen vielleicht nicht alle Wege nach Rom, aber offensichtlich viele zu Gott.

Trotzdem war ich nervös, als mich unsere Gastgeber einluden, sie zum Gottesdienst zu begleiten… nervös und neugierig. Wir mussten beide ehrlich zugeben, dass wir so gut wie nichts über Lehre und Bräuche der Mormonen wussten. Google, dein Freund und Helfer, aber vieles von dem, was wir da lasen, erschien uns aus westeuropäischer, quasi-säkularer Sicht doch etwas fremd. Mehrehe? Stellvertretertaufe von Verstorbenen? Offenbar herrschte auch keine Einigkeit darüber, ob die Mormonen als Christen zu betrachten seien, oder nicht.
Andererseits – unsere Gastgeber machten nicht den Eindruck, als seien sie überzeugte Fürstreiter der Vielehe**, als hätten hielten sie uns für Heiden, oder als äßen sie kleine Kinder zum Frühstück.

Da sich die Kirche gerade im Umbau befand, fand der Gottesdienst in einem Gemeindezentrum statt. Das Ganze war eine recht lebendige Angelegenheit, unter anderem wegen der vielen Kinder. Dass ständig jemand durch den Raum lief, häufig hinter einem entwischten Kleinkind her, ein stetiges Stühlerücken herrschte und viele der Kinder malten, lasen oder spielten, störte offenbar niemanden. Viele Gemeindemitglieder verwendeten statt Gesangbüchern lieber eine App auf ihrem Smartphone oder Tablet, und obwohl der Gottesdienst eine klare Struktur aufwies, schien sie nicht in Stein gemeißelt zu sein. Die Gemeindemitglieder sprachen einander mit „Bruder“ und „Schwester“ an. Wir wurden freundlich aufgenommen, obwohl wir entgegen der offenbar vorherrschenden Kleiderordnung beide in Jeans und Pullover kamen, und ohne Weiteres eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. Anschließend folgten wir den anderen unverheirateten jungen Leuten in ihre Sonntagsschulklasse und nahmen an einer Versammlung der Frauenhilfsvereinigung statt. Insgesamt erschienen mir die klaren Geschlechtertrennungen und die Tatsache, dass Männer im Großen und Ganzen offenbar eine aktivere Rolle in der Gemeinde einnahmen, etwas antiquiert-patriarchalisch… bis mir einfiel, dass die meisten Leute in meinem Heimatort einer Religionsgemeinschaft angehören, die Frauen keine religiösen Ämter zugesteht, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität ablehnt, und ihre Angehörigen tauft, bevor sie sprechen und laufen können. Tja. Man sollte sich wohl öfter bei der eigenen Nase fassen, bevor man sich ein Urteil über anderer Leute Bräuche bildet…

Alles in Allem war unsere Zeit mit den Mormonen eine schöne, positive Erfahrung, wenn auch in Teilen etwas ungewohnt. Unsere eigene Erfahrung als alleinstehende, beruflich erfolgreiche und ehrgeizige junge Frauen kollidierte mit dem mormonischen Ideal der Frau als Mutter. Viele Dinge wurden uns erst im Nachhinein bewusst – zum Beispiel, warum niemand in der Familie Kaffee oder Alkohol trank. Was wir als persönliche Präferenz aufgefasst hatten, war die Einhaltung eines religiösen Gebots.

Völlig baff war ich auch, als am Vatertag vier der sechs Kinder nebst Partnern und Enkelkindern eintrafen, die zweitälteste Tochter das Haus betrat, und sich herausstellte, dass sie ihre Partnerin mitgebracht hatte. In der eher konservativen Atmosphäre des Haushalts war die kommentarlose Akzeptanz einer lesbischen Tochter und Schwester ziemlich unerwartet, und ich fragte mich plötzlich – wieder die eigene Nase! – ob alle Mitglieder meiner weit verstreuten Familie, die sich selbst als so tolerant und liberal betrachtet, derart nonchalant damit umgehen würden.

An diese Begegnung am Vatertag erinnerte ich mich später während der Reise, als ich den Diskussionen über einen bevorstehenden Volkentscheid über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in den Nachrichten folgte. Die Diskussion kam mir aus allzu Deutschland vertraut vor. Das Interessante an der australischen Debatte war nur, dass nicht hauptsächlich darüber gestritten wurde, ob die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden sollte oder nicht (darüber natürlich auch), sondern darüber, ob es einen Volksentscheid dazu geben, oder die Regierung einfach ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Man stelle sich das im Bundestag vor – die GroKo will einen Volksentscheid, und die parlamentarische Opposition (der die AfD zum Glück noch nicht angehört) verlangt, dass man doch stattdessen lieber gleich das Grundgesetz ändern sollte.

Ha. You wish.

Hochrechnungen zufolge wäre das Ergebnis im Übrigen wahrscheinlich das Gleiche – angeblich befürwortet eine Mehrheit der Australier die Ehe für Alle.
Sollte sich Australien dafür entscheiden – egal auf welchem Wege – würde es zu einer wachsenden Zahl von Ländern wie Großbritannien, Kanada, Brasilien, Argentinien, Spanien, Belgien oder Neuseeland (und natürlich nicht zu vergessen, Island, Südafrika und Kolumbien) hinzustoßen, in denen die Überzeugung vorherrscht, dass Gleichberechtigung auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt.

Und Deutschland…?

Vielleicht sollte ich einfach eine Grönländerin mit Zweitwohnsitz in Uruguay heiraten. In Luxemburg.*** Oder umgekehrt.


*Die Religiöse Gemeinschaft der Freunde, im Volksmund die Quäker, sind eine kleine christliche Glaubensgemeinschaft die im 17. Jhd in England entstanden ist. Es gibt unterschiedliche Strömungen, aber sie sind sich darin einig, dass sie das Priesteramt für überflüssig halten, was verständlicherweise insbesondere in ihren Anfangsjahren zu gewissen Spannungen mit der etablierten Kirche führte. In Deutschland gibt es so wenige Quäker, dass ich es als Glückstreffer werte, überhaupt einige kennengelernt zu haben.

** Wie sich herausstellte, waren unsere Gastgeber Angehörige der größten mormonischen Gemeinde, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die Polygamie seit 1890 nicht mehr ausübt.

*** In Luxemburg und Uruguay sind gleichgeschlechtliche Ehen seit 2015 legal  und in Grönland seit April 2016. Wenn wir uns nicht beeilen, überholen uns in dieser Hinsicht irgendwann noch die Polen oder die Malteser, und das wäre wirklich peinlich. (Malta, das bis 2011 noch keine Scheidung kannte, erkennt immerhin schon Lebenspartnerschaften an.)

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Nein, Schatz, ich bin wirklich nicht schwul

„Do you think he’s gay? People always ask if he is, or say that he is, and you know, sometimes I suspect…“

Vor mir stand eine zierliche Blondine in einem gut geschnittenen Abendkleid. Um uns herum, ein Raum voller Partygäste. Ein Botschaftsball, alle in Abendgarderobe, 100 Dollar pro Eintrittskarte, der Erlös sollte als Spenden an eine gemeinnützige Organisation gehen. Alkohol floss in Strömen, wie meistens bei solchen Veranstaltungen war die Musik zu laut und man konnte sich nur schreiend verständigen. Deswegen waren die ersten beiden Gedanken, die mir in Reaktion auf die Frage durch den Kopf gingen auch „Hm, vielleicht habe ich mich verhört“ und „Oh, sie hat aber schon ziemlich viel intus, oder?“

Weder noch.

Besagte Blondine – nennen wir sie Mary [nicht ihr richtiger Name, und jeglicher Bezug zu Mary Morstan ist natürlich völlig zufällig…] – wollte wirklich gerne meine Meinung zur mutmaßlichen sexuellen Orientierung ihres Partners wissen.

„Eh“, sagte ich wenig eloquent, weil das Thema „Wie reagieren Sie, wenn die Lebensabschnittsgefährtin eines Freundes Sie bei einer offiziellen Veranstaltung fragt ob er Ihrer Meinung nach homosexuell sei?“ in den meisten Etiketteratgebern nicht behandelt wird. – „I don’t think so…? I mean, you’re his girlfriend… and I suppose if he were, the topic would have come up by now…?“

Mary schien das nicht zu überzeugen. „Yes, I know. I asked him and he said no. But I’m just not sure… do you think he looks gay?“

„No,“ sagte ich. Allmählich begann ich mich in meiner Haut ziemlich unwohl zu fühlen. Außerdem fand ich die Frage absurd.

„I’ve asked other people as well,“ vertraute mir Mary an, und ich dachte, großartig, so entstehen Gerüchte. „I mean, he does hang out with a lot of gay guys…“

„Yes, but so do I, and I can assure you, I’m not secretly a gay man.“ Langsam wurde mir das Ganze dann doch etwas zu absurd. Sie hatte ihn gefragt, er hatte verneint, und eigentlich hätte die Frage damit doch beantwortet sein müssen. Oder?

Sie lachte nervös. „But… what if he’s bisexual?“

Ich zuckte die Achseln. „What if? He’s dating you, right?“

„But what if at age fifty, he figures out that he’s actually more into men and leaves me?“

Ich behielt meine Einschätzung, dass die beiden sicherlich nicht so lange zusammen bleiben würden, vor allem nicht bei einer offensichtlich derart bröckeligen Vertrauensbasis ihrerseits, vorerst für mich. „It’s just as likely that at fifty, he figures out that he’s actually into younger women and leaves you for a twenty-year old. What’s the difference? It doesn’t matter if it’s another woman or a man, the end result is the same.“

„I suppose so. And for the record, we have a very healthy sex life.“

Ich wurde ein bisschen blass um die Nase, vermute ich. „Please tell me NOTHING about it,“ bat ich sie.

„Still… don’t you think he’s…?“

„No.“

„Mhm,“ sagte Mary, beließ es aber vorerst dabei, und ich ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht, um den Rest des Abends mit wesentlich weniger unsicheren Leuten im Garten zu verbringen.

Ich hatte den Vorfall schon fast verdrängt, als mein Freund – Marys definitiv bessere Hälfte – bei einer Tasse Kaffee ein paaar Wochen später beiläufig berichtete, er sei nicht mehr mit ihr zusammen. „Oh,“ sagte ich, wenig überrascht, und konnte mich nicht so recht zu einem ‚das tut mir leid‘ durchringen.

„Mir ist das einfach auf die Nerven gegangen, dass sie mir nicht vertraut,“ sagte er.

Verständlich, dachte ich, und erzählte ihm von unserem merkwürdigen Gespräch auf dem Ball.

„Das überrascht mich überhaupt nicht,“ sagte er, „mich hat sie das auch ständig gefragt. Und ich versteh’s nicht. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber sie hat es mir nicht geglaubt. Und jetzt läuft sie überall herum und erzählt, ich wäre schwul. Das ist echt scheiße.“

Ich nippte an meinem Cappuccino und dachte darüber nach, dass das Ganze einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Normalerweise bin ich diejenige – sind wir Asexuellen diejenigen – die wieder und wieder versichern müssen dass wir wirklich nicht auf andere Leute stehen. Ganz ehrlich. Nein! Wirklich nicht!

Aber offensichtlich sind wir da nicht die Einzigen. Irgendwie war das tröstlich zu hören, bei allem Mitgefühl für die Nöte meines Freundes [der im Übrigen voll und ganz verdient hat, auch unter das A von LGBTIA und verwandten Abkürzungen zu fallen, weil er ein großartiger Ally/Unterstützer ist, der sich völlig unabhängig von seiner eigenen Orientierung und persönlichen Situation für die Rechte anderer einsetzt. Er gehört zu den wenigen Leuten, die kommentarlos und ohne jegliche Rückfragen akzeptiert haben, dass ich asexuell bin. Großartig!]

Chivalry is not dead

Neulich bin ich auf einem Langstreckenflug endlich dazu gekommen, mir zwei Filme anzusehen, die ich im Kino verpasst hatte, und die schon lange auf meiner (immer länger werdenden Bucket List standen): Mission Impossible – Rogue Nation und Kingsman: The Secret Service. Ersterer war unterhaltsam, aber wenn man als Filmemacher glaubwürdig bleiben möchte, sollte man nicht unbedingt an einer der bekanntesten touristischen Sehenswürdigkeiten von Rabat drehen, und dann im Film behaupten, es handele sich um Casablanca. Noch dazu ohne jede Not. Jeder, der schon einmal das Vergnügen mit beiden Städten hatte, wird mir wahrscheinlich beipflichten, dass Rabat mit weitem Abstand die attraktivere und angenehmere ist – und auch Bösewichte finden bekanntlich Gefallen an den schönen Dingen des Lebens (… ein Glas Pfefferminztee und ein Corne de Gazelle im Café Maure hoch über der Stadtmauer von Rabat, frischer Wind vom Meer, und im Garten dahinter blühende Oleanderbüsche… und ich schweife schon wieder ab…).

Kingsman dagegen ließ dagegen zumindest für mich keine derart gravierenden geographischen Mängel erkennen, war äußert unterhaltsam und ließ mein Fangirl-Herz höher schlagen – ich verstehe jetzt, warum einige meiner liebsten Fanfiction-Autoren und Autorinnen sich von diesem Film in Versuchung haben führen lassen. Es schadet wahrscheinlich nicht, dass ich schon immer einen Faible für Menschen gut sitzenden Anzügen hatte. Auch wer keine sexuelle Anziehung empfindet, kann schließlich einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik haben.
Und ganz ehrlich? Gutes Benehmen ist attraktiv. Auch wenn sich die Regeln der Etikette mit der Zeit (und der eigenen Situation) ändern mögen, und neue Technologien, Entwicklungen und Erkenntnisse entsprechende Anpassungen erfordern, Höflichkeit, Rücksichtnahme und Respekt kommen nicht aus der Mode. Insofern würde ich dem Satz „Manners maketh man“ (woman, person) doch zustimmen.

Es gibt dazu eine schöne Szene aus einem anderen Film, Dance! (Take the Lead), in der Antonio Banderas in seiner Rolle als Tanzlehrer Pierre Dulaine für jede Frau, die den Raum betritt, die Türe öffnet und damit einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das ist jetzt vielleicht schon ein wenig übertrieben, und heutzutage wäre es auch durchaus angemessen, bei Bedarf Personen jeglichen Geschlechts die Tür aufzuhalten (auch wenn mich einige meiner männlichen Kollegen deswegen manchmal noch etwas irritiert ansehen). Aber gutes Benehmen kommt gut an und ist die denkbar einfachste und kostengünstigste Methode, andere Menschen für sich einzunehmen. – Umgekehrt ist schlechtes Benehmen natürlich auch eine der einfachsten Methoden, andere gegen sich aufzubringen. Niemand sitzt gerne in der Bahn oder im Flugzeug neben jemandem der lautstark telefoniert, andere an seinem miserablem Musikgeschmack teilhaben lässt, seine stinkigen Käsefüße auf den Sitz oder den Tisch legt, oder sich maßlos ausbreitet, um nur einige der häufigeren Beispiele aus meiner eigenen leidvollen Reiseerfahrung zu nennen (bei den Käsefüßen, die sich von hinten über den Sitz an mich heranrobbten, war dann Schluss, und ich bat die Eigentümerin derselben nachdrücklich darum, alle ihre verstreuten Körperteile bitte für die verbleibende Dauer des Flugs bei sich zu behalten).

Aber Freud und Leid liegen oft nahe beieinander und gute Manieren haben im Übrigen auch nichts mit dem Alter oder der sozialen Schicht zu tun (das wäre dann die andere, weniger berücksichtigte Botschaft von Kingsman). Wenige Tage nach meinem Rückflug war ich unterwegs zu einem dienstlichen Termin. Vor mir lief eine Gruppe junger britischer Soldaten, alle so Anfang zwanzig, offensichtlich bester Laune und ziemlich laut. Sie alberten herum, zogen sich gegenseitig auf, einer fluchte scherzhaft – und stellte beim Abbiegen um eine Kurve und einem Blick über die Schulter fest, dass ich hinter ihm lief, nur um sich prompt zu entschuldigen. „I’m sorry Ma’am.“

Für einen Augenblick sah ich ihn absolut verdutzt an. Es ist mir in meinem Leben bisher nur einige wenige Male passiert, dass sich jemand ernsthaft für die Benutzung von Schimpfwörtern bei mir entschuldigt hat, einfach nur, weil ich sie gehört und daran Anstoß genommen haben könnte (in fast allen Fällen waren die Betreffenden Amerikaner, es gibt da vmtl. auch eine kulturelle Komponente).

„That’s quite alright, don’t worry“, fiel mir dann doch irgendwann ein zu sagen, mit einem immer noch etwas verdatterten Lächeln. Aber, Hand auf Herz? An den Vorfall werde ich mich noch eine Weile erinnern. Und sollte ich dem britischen Soldaten noch einmal über den Weg laufen (was recht unwahrscheinlich ist), hätte er auf jeden Fall einen Stein im Brett.

Übrigens, solltet ihr Lust auf Kingsman-Fanfiction bekommen haben – hier sind meine aktuellen Lieblinge (bitte Ratings und etwaige Warnungen der Autoren beachten, insbesondere, falls ihr nichts mit explizitem sexuellem Inhalt lesen möchtet):
Who He Is
Lagavulin and Guinness
The Forgotten Knight
with your fierce tears
The Silent Horizon
Falls sie euch gefallen, seid so nett und lasst es die Autoren wissen.

Oh, und noch was zu lachen – Honest Trailer für Kingsman und Mission Impossible.

 

Sport und nackte Haut

Ich habe beim Sport gerne Gesellschaft. Im Grunde genommen habe ich überhaupt gerne Gesellschaft, und beim Sport motiviert es mich, wenn ich mich nicht ganz alleine irgendwo abstrample oder abschwitze. Leider scheine ich keine Begabung für die meisten klassischen Teamsportarten zu haben, insbesondere dann nicht, wenn Bälle involviert sind. (Was mich nicht davon abgehalten hat, diverse Ballsportarten auszuprobieren). Ich spiele semi-regelmäßig Netball, aber das war’s dann auch schon mit Teamsport. Trotzdem – auch beim Laufen und/oder im Gym bin ich nicht gern allein.

Sich Sportgeräte mit einer Gruppe Polizisten zu teilen, hat viele Vorteile (wahrscheinlich noch mehr, wenn man/frau auf sportliche Männer steht). Zum Beispiel blockieren sie keine Laufbänder, während sie im Schritttempo WhatsApp-Nachrichten checken. Außerdem brauche ich auch nicht neidisch zu sein, weil ich a) sowieso nie so sportlich sein werde wie diese Jungs, ganz egal, was ich tue und es b) auch gar nicht sein muss, weil mein Job es im Gegensatz zu ihrem nicht erfordert.
Und ich habe mich beim Sport selten so sicher gefühlt.

Allerdings – die Geschmäcker sind verschieden, so auch bei der Wahl der geeigneten „Ablenkung“ beim Sport. Ich persönlich höre gerne mit geräuschausblendenden Kopfhörern Musik, zu der andere Leute tanzen (House und Trance, nicht Wiener Walzer, um das hier klarzustellen, weil es offenbar auch Leute gibt, die Wagner und Schubert für geeignete Workout-Musik halten… wer’s mag…). Meine Mit-Sportler sind mir zwar teilweise in Sachen Musikgeschmack recht nahe, mögen dazu aber auch noch Videos – von schnellen Autos, starken Kerlen, coolen Stunts, Luxusyachten und, ja, leichtbekleideten Mädels.

Und weil sie alle wirklich nett und rücksichtsvoll sind, kommt regelmäßig die Frage: „Stört’s dich?“ (… wenn ich den Fernseher anmache / lauter mache / umschalte). Oder auch – allerdings meistens eher nur angedeutet: Stört dich der Inhalt? Von wegen leichtbekleidete Frauen und so. Irgendwie finde ich diese Frage ziemlich niedlich. Man(n) hat’s ja heute auch nicht leicht – siehst du dir Bikini Babes, die vor schnellen Autos posieren an, kommst du leicht in die Gefahr Anstoß bei Frauen zu erregen oder als unsensibler Macho, der nur mit gewissen Weichteilen denkt, rüberzukommen. Ich glaube, dass sich viele Frauen genauso gerne halbnackte Kerle ansehen (mit oder ohne Autos), ist manchen Männern nicht so richtig bewusst.

Mich stören die Damen im Video jedenfalls nicht. Zum einen sind sie alle ziemlich hübsch, und man soll mir nicht nachsagen, ich wüsste weibliche Schönheit nicht zu würdigen. Zum anderen haben sie sich offensichtlich aus freiem Willen dazu entschlossen, im Bikini durch Videos zu hopsen, und mir wirft ja schließlich auch niemand vor, dass ich in meiner Freizeit gerne in knappen Shorts und rückenfreien Sporttops durch die Landschaft renne.

Das ist allerdings ein weitverbreitetes Missverständnis über asexuelle Menschen. Um dieses klarzustellen – nein, wir haben kein grundsätzliches Problem mit nackter Haut. Oder wenn, dann hat es meiner Ansicht nach nicht sonderlich viel mit unserer sexuellen Orientierung zu tun. Vielen Menschen macht Nackheit oder Halbnackheit wenig oder gar nichts aus. Anderen ist sie sehr unangenehm. Beides ist legitim. Es ist genausowenig verwerflich, seine Mitmenschen nackt sehen zu wollen, wie sie nicht nackt sehen zu wollen, oder nur einige wenige nackt sehen zu wollen, finde ich.

Ich selbst bin gegenüber Nackheit und aufreizender Bade/Unterwäsche, egal bei welchem Geschlecht, relativ indifferent. Ich habe im Prinzip auch kein Problem damit, wenn andere Leute mich im Naturzustand sehen, solange sie ihre Gedanken dazu und insbesondere etwaiges sexuelles Interesse an meiner Person für sich behalten. Was nicht heißen soll, dass ich regelmäßig nackt oder im kessen Bikini unterwegs bin. Beides  ist nachweislich nicht nur unpraktisch, sondern auch unbequem. Aber wie gesagt, manche meiner Sportklamotten sind schon ziemlich knapp.

Was uns zu einer weiteren Frage bringt, die mir gelegntlich gestellt wird: warum ziehst du dich so (aufreizend) an, wenn du mit niemandem Sex haben willst? (Diese Frage ist verwandt mit anderen wie „Warum schminken sich asexuelle Frauen?“ und „Warum will ein asexueller Mann auch ein Sixpack?“)

Zunächst einmal: ich trage die meisten meiner Klamotten, weil ich mich darin wohlfühle (und einige, weil es von mir erwartet wird). Meine kappen Laufshorts sind bequem, Punkt, aus. Luftige Tops mit wenig Träger und viel Rückenfreiheit sind es auch. Man sieht den Sport-BH? Gut. Er war teurer als die meisten meiner Hosen, und was glaubt ihr, warum die da so ein hübsches Muster draufdrucken? – Ein Pastor hat mich nach dem Gottesdienst mal darauf hingewiesen, dass es irgendwie unfair wäre, dass ich T-shirts mit Sprüchen trage, die genau über meine Brüste gedruckt sind, da müsse man(n) ja hinschauen. Woraufhin ich nur sagen konnte, dass ich ja nun auch nichts daran ändern kann, dass sie da sind, wo sie sind (die Brüste, meine ich). Das leuchtete ihm irgendwie ein. Aufreizend sind die Sprüche im Übrigen in der Regel nicht, und selbst wenn… von den Kleidern auf die Person darunter zu schließen, geht allzu oft in die Hose.
Sexuelle Orientierung schlägt sich nicht zwangsläufig im Kleidungsstil nieder. Nicht alle schwulen Männer sind modebewusst, nicht alle lesbischen Frauen stehen auf Holzfällerhemden, und asexuelle Menschen müssen nicht grundsätzlich rumlaufen, als wären sie gerade aus einer Klosterschule geflohen.

Gibt Kleidung irgendjemandem das Recht, irgendjemand anderen anzumachen? Nein. (Es sei denn, auf dem T-shirt steht „Mach mich an“, und vielleicht noch nicht einmal dann).

„Aber wenn du keine Aufmerksamkeit willst, warum ziehst du dich dann so an?“ (schminkst du dich/spielt es eine Rolle, ob du fit bist oder nicht) – Weil’s mir gefällt. Man kann auch mal Dinge nur für sich selbst tun, ohne Augenmerk auf die Außenwirkung.

Außerdem… wer hat je behauptet, dass asexuelle Menschen nicht bewundert werden möchten?

Für ihren Modegeschmack.
Für ihre sportliche Figur.
Für die schicken High Heels.
Für den perfekten Lidstrich.
Für ihren ganz eigenen Stil.
Für …

Italienisch für Anfänger – Subtext? Welcher Subtext?

Freitagnachmittag, 20 Grad Celsius, Sonne, und in meinem Italienischbuch stehen Sätze wie „Dalla mia terrazza vedo il mare“ (Von meiner Terrasse aus sehe ich das Meer). Stimmt nicht ganz, aber man könnte sagen, ich arbeite daran. Es ist zwar erst April, aber ich erkläre den Sommer hiermit für eröffnet. Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer.

Projekt „Italienisch lernen“ klappt solange, bis ich mich an die CD mit den Texten mache. Eine virtuelle Sprachreise durch Italien. Klingt gut. Sie fängt in Verona an, auf Julias Balkon (ja, genau, die Julia), da war ich auch schon mal, und ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, dass ich so ungefähr alles andere in Verona spannender fand, aber scheinbar ist ein Aufenthalt dort nicht vollständig, wenn man diesen Balkon nicht gesehen hat. Wenn ihr mich fragt, ist Romeo und Julia weder das spannendste Stück, noch die schönste Liebesgeschichte aus Shakespeares Feder, aber gut.

In meinem Übungstext begegnen sich auf Julias Balkon Elena und Amedeo, tauschen Namen aus und stellen fest, dass sie aus Venedig kommt und er aus der Nähe von Neapel – und im nächsten Satz bemerkt sie vielsagend, es gäbe täglich zwei Züge von Venedig nach Neapel. Okay, nicht das erste, was mir einfallen würde, aber… Vielleicht fährt sie wirklich gerne Zug. „Elena…“ sagt daraufhin Amedeo, „es gibt auch einen Flug am Tag.“ Um, ja. Smalltalk. Nicht jedermanns Sache. – „Sì, Amedeo,“ haucht wiederum sie, und ich frage mich, ob sie vielleicht Aktien an der Fluggesellschaft hält, eigentlich für das Verkehrsministerium arbeitet, oder warum diese Bemerkung solche Begeisterung auslöst. Aber der nächste Satz aus seinem Munde ist „Elena, du bist sehr schön.“ – Moment mal. Eben waren wir noch bei Zügen. Und Flugzeugen. Ich habe das Gefühl, einen Teil des Gesprächs verpasst zu haben. Erfreulicherweise werde ich mit dem nächsten Satz darüber aufgeklärt, dass „die Geschichte von Romeo und Julia eine ist, die sich jeden Tag wiederholen kann“.

Na dann.

Okay, nein. Was genau ist mir hier entgangen?

Verwirrt beschließe ich, dass der Text wahrscheinlich deswegen so merkwürdig unvollständig ist, weil es ein Buch für Anfänger ist, und die Entwickler das Vokabular möglichst einfach halten wollten. Irgendwie sinnvoll. Na gut. Weiter zum nächsten Text.

Wir sind immer noch in Verona, diesmal aber auf dem Blumenmarkt. Offenbar möchte ein älteres Ehepaar Blumen für seinen Sohn kaufen. Ziemlich progressiv, find ich super. Schenkt dem Jungen Blumen, und beweist, dass es überhaupt nicht stimmt, dass sich nur Frauen über Blumen freuen. Weg mit den ganzen alltäglichen Geschlechterstereotypen! Ha! Das sind bestimmt total coole Eltern, die ihren Sohn voll und ganz unterstützen würden, wenn er sich als asexuell outen, Luciano von nebenan heiraten und ein geschlechtsneutrales Modelabel gründen würde.

Allerdings scheinen sie sich mit Blumen nicht so wirklich auszukennen. Und die Auswahl ist auch ein bisschen komisch. Es gibt Nelken, Veilchen, Rosen (aber nur rote) und Tulpen – aber nicht irgendwelche Tulpen, sondern tulipani dell’amore. Ich verstehe ein bisschen was von Blumen, deswegen finde ich diese Auswahl doch recht interessant. Blumen sind nämlich nie einfach nur hübsch anzusehen. Es gibt kaum etwas, das so oft als Symbol ge- und missbraucht wird wie Blumen. Auch wenn heutzutage abgesehen von Floristen, Kunsthistorikern und Literaturwissenschaftlern die meisten Leute Analphabeten in der Sprache der Blumen sind  und über „rote Rosen stehen für die Liebe“ nicht hinaus kommen – was ich schmerzlich feststellen musste, als ich einmal einer reizenden Kolumbianerin ein Bouquet aus Lisianthus und weißen und rosa Rosen schickte, und sie dachte, ich wollte ihr zum Geburtstag gratulieren. Und dabei kann man das heutzutage alles nachlesen. Sogar bei Wikipedia. Fachwissen nicht erforderlich.

Zurück zu meinem Italienischtext. Woran denke ich bei Nelken? An grüne Nelken und Oskar Wilde. Und Veilchen? Lange Zeit ein Symbol für weibliche Homosexualität. Rote Rosen? Siehe oben. Und Tulpen? Hängt von der Farbe ab, aber mit großen Gefühlen haben sie eigentlich immer zu tun. Da hätte es den Zusatz „dell’amore“ gar nicht gebraucht. „Das sagen die Holländer,“ weiß die Floristin in meinem Italienischbuch zu berichten. Na, die müssen es ja wissen. Holland = Tulpen. Wo wir schon bei den Klischees sind…

Mama und Papa können sich denn auch nicht so recht zwischen den roten Rosen und den Liebestulpen entscheiden, ist ja auch schwer, bei gleicher Bedeutung (ich persönlich würde ja die Rosen nehmen, die halten sich in der Vase länger…). Just in dem Moment stößt jedoch ein unbekannter Dritter hinzu, der sich freundlich vorstellt und Papa eine Zigarette anbietet, sie ihm anzündet und mit träumerischer Stimme zu bedenken gibt, alle Blumen hätten etwas Besonderes. Ooookay. Liebes Italienischbuch, willst du mir vielleicht irgendwas sagen?! Ich weiß ja nicht, aber die Szne könnte auch am Anfang eines Groschenromans stehen. Wohlgemerkt eines Groschenromans, in dem Papa feststellt, dass das mit seiner Ehe zwar ganz nett war und so, er aber eigentlich doch eher auf Männer steht, und – sieh da! – den Mann seines Lebens auf dem Blumenmarkt kennenlernt, als er (mit seiner Frau…) einen Blumenstrauß für seinen Sohn kauft. – Aber nein, denn die Szene endet damit, dass die Eltern beschließen, die Rosen und die Tulpen zu nehmen und Papa seine Hoffnung äußert, Sohnemann Franco möge doch einen netten Holländer kennenlernen (zugegeben, es könnte auch eine Holländerin gemeint sein). Mama findet das super.

Jaaaaa… leicht verwirrt blättere ich in meinem Italienischbuch. Komisch, die Texte, die in meinen Büchern im Sprachunterricht in der Schule standen, waren nie so zweideutig. Irgendwas kommt mir hier Spanisch vor, und ich frage mich, ob das wirklich so gemeint ist.

Das man Texte ganz unterschiedlich auslegen kann, ist eine Erkenntnis, die den meisten von uns früher oder später im Sprachunterricht in der Schule kommt (alternativ auch im Religionsunterricht), häufig begleitet von der möglicherweise wichtigeren Erkenntnis, dass es meistens eine „richtige“ Auslegung gibt, die „besser“ ist als die eigene – die des Lehrers. Meine Theorie, dass es sich bei Margaret Steenfatts Kurzgeschichte „Im Spiegel“ um den erfolgreichen Ausbruch eines Jungen aus seinem von gesellschaftlichen Konventionen eingeengten Leben und seinem erfolgreichen Start in ein neues, befreites Leben handelt, war leider ebenso unpopulär wie die Interpretation einer Mitschülerin, Jesus habe in einer glücklichen polyamoren Beziehung mit seinen Jüngern gelebt, bis ihm das konservative Establishment diesen schönen, lebensbejahenden Lebensentwurf brutal zunichtemachte.

Was hat Textanalyse mit dem wahren Leben zu tun? Viel. In der Welt, in der wir heute leben, sind wir permanent darauf angewiesen, Texte, Bilder und Situationen zu interpretieren und zu analysieren. Es geht irgendwann so automatisch, dass wir gar nicht mehr darauf achten. Bei der Interpretation und Analyse helfen uns Erfahrungen, die wir bereits gemacht haben, Muster und Schemata, Analogien, gelernte und internalisierte Regeln. „Wenn A, dann B.“ Ohne diese Hilfsmittel wäre das Leben entsetzlich anstrengend.

„Wenn seine Eltern Franco einen Blumenstrauß schenken, heißt das, dass sie ihn gern haben und an ihn denken.“ – „Wenn jemand jemandem rote Rosen schenkt, heißt das, dass er ihn oder sie lieb hat.“ Und so weiter.

Weil wir aber zum Glück nicht alle gleich sind, verwenden wir auch nicht alle die gleichen Analyse-Hilfsmittel. Welche wir verwenden, hängt von persönlichen Erfahrungen, von Erziehung, von Werten, von der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind und einer Vielzahl anderer Faktoren ab. Letztlich auch von unseren eigenen Interessen.

Für asexuelle Menschen sind sexuelle Anspielungen deswegen manchmal verwirrend. Wenn man etwas noch nie am eigenen Leib erfahren hat, kann es schwer sein, sich das vorzustellen, das kennen wir alle. Und wer asexuell ist, spürt keine sexuelle Anziehung. Deswegen sind Texte wie die Geschichte von Amedeo und Elena manchmal verwirrend, vor allem, wenn sie so kurz gehalten sind. Anziehung auf den ersten Blick? Schwer verständlich.
Allerdings – ich wage zu behaupten, die meisten von uns leben in einem Umfeld, in dem Sex etwas Alltägliches und Allgegenwärtiges ist. Und genau wie man eine Sprache oder bestimmte Verhaltensmuster lernen kann, kann man lernen, bestimmte Situationen oder Anspielungen zu deuten. Das kann aber auch nach hinten losgehen. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass der unbekannte Dritte in meinem Italienischbuch eigentlich nicht mit Francos Papa flirten sollte. Ups, Fehlinterpretation. Passiert mir ziemlich oft, vor allem, weil ich eine ziemlich lebhafte Fantasie habe, und mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht habe.

Mir ist nie so richtig bewusst geworden, dass ich bestimmte Dinge nicht, erst spät oder anders als andere verstehe, bis ich herausgefunden habe, dass ich asexuell bin. Zum Beispiel Prostitution oder Pornos. Dass man mit seinem Freund oder seiner Freundin ins Bett gehen möchte, leuchtete mir ja irgendwie noch ein. Wunsch nach Nähe, Besitzansprüche deklarieren, große Liebe, und so weiter. Aber dafür zu bezahlen, mit jemand wildfremden zu schlafen oder anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie Sex haben (oder möglicherweise auch nur so tun als ob)? Was für merkwürdige Beschäftigungen…
Rational verstehe ich beides – Menschen haben sexuelle Bedürfnisse, die sie vielleicht nicht anders, oder zumindest nicht zeitnah anders befriedigen können, daher Prostitution. Und anderen beim Sex zuzuschauen, finden viele offenbar erregend. Okay. Alles reine Biologie.

– Aber emotional? Großes inneres Kopfschütteln.

*Das verwendete Italienischbuch ist das Begleitbuch zu digital publishing, „Intensivkurs Italiano“; Copyright: digital publishing AG 2004