Buchstabensalat

Es gibt eine wunderbare Episode von Boston Legal, in der Alan Shore unter „Word-Salad“ leidet und vorübergehend nur noch unzusammenhängenden Blödsinn von sich gibt, was natürlich äußerst unangenehm für ihn, aber recht unterhaltsam für seine Umwelt und die Zuschauer ist. Alan erholt sich natürlich wieder, auch dank verständnisvoller Unterstützung seiner Freunde.

Mit „Word-Salad“ musste ich mich zum Glück bisher noch nicht herumschlagen, dafür aber neulich mit einem ordentlichen Buchstabensalat.

„LGBT,“ fragte mein Chef und sah mich etwas ratlos an, „oder LGBTI? Oder LGBTIQ?“

„Likeminded,“ schlug ich vor. „Das schließt alle ein, die das Gefühl haben, dass das Thema sie was angeht, unabhängig von Buchstaben.“

Er rümpfte die Nase. „Likeminded klingt nach Whiskey-Club und übereinstimmenden politischen Ansichten. Das verstehen die Leute vielleicht falsch. Vielleicht einfach nur LGBT?“

„Offiziell verwenden wir jetzt LGBTI, glaube ich,“ sagte ich.

„Hm. Vielleicht sollten wir das Q auch dazunehmen. Nur damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt.“

„Wenn wir das Q dazunehmen, dann will ich auch ein A. Und ein P.“

„Wofür steht das A?“ fragte eine Kollegin, die gerade ihren Kopf zur Tür hereinsteckte.

„Asexuell,“ sagte eine andere Kollegin, und ich überlegte kurz, ihr einen Kuchen zu backen.

„Und Ally,“ ergänzte ich.

„Vielleicht LGBTI and queer?“ schlug mein Chef vor. „Queer schließt ja eigentlich alle mit ein.“

Was mich dazu brachte, mich zu fragen, ob ich mich von ‚queer‘ miteingeschlossen fühle, eine Frage, die ich bislang noch nicht abschließend beantworten konnte. (Das Ergebnis meiner Überlegungen war, dass es mir eigentlich egal ist.)

Auslöser der ganzen Diskussion, die irgendwann in den besagten Buchstabensalat abglitt, war, dass wir uns dazu entschlossen hatten, eine Abendveranstaltung für die LGBTI(Q,A,P, beliebige weitere Buchstaben)-Community zu organisieren. Die australischen und US-amerikanischen Kollegen hatten es vorgemacht, und da wollten wir nicht zurückfallen. Außerdem, hey, gebt mir einen guten dienstlichen Grund, meine Freunde einzuladen, einen netten Abend mit ihnen zu verbringen, und es irgendwie als Arbeit zu deklarieren, und ich sage bestimmt nicht nein…

Als einzige Vertreter der besagten Community, oder jedenfalls als einzige, die in der Arbeit out sind (naja, spätestens nach Versand der Einladung waren wir es jedenfalls universell), fiel es natürlich meinem Chef und mir zu, die Party zu organisieren. Essen, Trinken und Location waren kein Problem, aber bei der Einladung hakte es dann. Schließlich wollten wir niemandem auf die Zehen treten, niemanden dazu zwingen, sich zu outen, und trotzdem möglichst viele Leute erreichen. Also musste die Einladung möglichst neutral formuliert sein, aber gleichzeitig eindeutig genug, um Missverständnisse zu vermeiden.

Letzteres allerdings misslang, was uns auffiel, als der schwedische Partner einer Kollegin beiläufig erwähnte, mehrere seiner Arbeitskollegen hätten vor, die Einladung anzunehmen. Das Thema sei in aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten in Schweden ja ein sehr wichtiges, und man freue sich schon darauf, es mit uns zu diskutieren. „Ähm,“ konnten wir da nur sagen, „vielleicht habt ihr  da was missverstanden? Es ist mehr so eine Art – uh – Networking-Event?“ Wir versicherten den schwedischen Kollegen aber, dass sie natürlich trotzdem willkommen seien – unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung.

Dann kam noch dazu, dass das Event ein informelles sein sollte. Aber wir hatten die Einladung natürlich buchstäblich an Gott und die Welt geschickt, und vielleicht hätte ich daher nicht allzu erstaunt sein sollen, als mich ein finnischer Freund bei einem Meeting ansprach. „Meine Botschafterin kommt übrigens zu eurer Party.“ Ich konnte mir knapp einen leicht hysterischen Quietsch-Laut verkneifen. „Uh – was?!“ Er strahlte mich weiter an. „Ja, cool, oder?“

„Die finnische Botschafterin kommt,“ sagte ich zu meinem Chef, etwas außer Atem.

„Oh.“

„Ja.“

„Hm. Die Franzosen haben auch geschrieben, dass ihr Botschafter kommt. Der Kollege war etwas durch den Wind…“ Er drehte seinen Bildschirm so, dass ich die Mail lesen konnte. Übersetzt aus dem Französischen, und dem reservierten Diplomatensprech lautete sie in etwa: ‚Oh Gott, mein Chef hat sich grade vor mir geoutet!‘

„Glaubst du, ich muss eine Rede halten?“

Solange ich sie nicht halten muss, dachte ich.

Letzten Endes kam dann übrigens weder die finnische Botschafterin, noch der französische Botschafter (beide leider verhindert). Dafür aber der stellvertretende französische Botschafter. Und der stellvertretende australische Botschafter. Beide amüsierten sich offensichtlich prächtig, und letzterer lud mich dazu ein, mich umgehend bei ihm zu melden, sollte ich mal in Canberra vorbeikommen. Na dann…

Die australischen und britischen Kollegen nahmen es auf sich, die gesammelten Weißbier-Vorräte zu vernichten, allen schmeckte das Essen, und die Briten konnten später am Abend sogar salonfähige Brexit-Witze machen, die nicht völlig verzweifelt klangen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich in Gesellschaft der übrigen Europäer wohlfühlten. Diverse UN-Organisationen mit unaussprechlichen Abkürzungen verbrüderten und -schwesterten sich über deutschem Wein, den sogar die Franzosen akzeptabel fanden (vielleicht waren sie aber auch einfach nur zu höflich, um sich zu beschweren), und alles blieb angemessen gesittet, sprich, wir mussten unserem eigenen Botschafter nicht nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub erklären, warum seine Residenz in Schutt und Asche lag.

 

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Kängurus, Mormonen und die Ehe für Alle

Neulich war ich in Australien.

(Ich wollte schon immer mal einen Blogpost so anfangen.)

Okay, Spaß bei Seite, ich bin tatsächlich gerade aus einem dreiwöchigen Australienurlaub zurückgekommen und versuche mich jetzt wieder hier zurechtzufinden, in einer völlig anderen Zeit- und Klimazone, zurück aus dem australischen Frühling in den Herbst, die Autos, Fußgänger und Rolltreppen bewegen sich plötzlich wieder auf der „richtigen“ Seite, und ich muss mein mühsam erarbeitetes ordentliches BBC-Englisch wieder einfangen. Der Kaffee ist auch wieder schlechter (und das ist fast das Schlimmste), aber immerhin versteht die Person auf der anderen Seite der Theke wieder, dass ich Espresso und heißes Wasser meine, wenn ich einen Americano bestelle (für das gleiche Ergebnis muss man in Australien einen Long Black bestellen, und bis ich das nach ungefähr einer Woche herausgefunden hatte, bekam ich meistens Cappuccino).

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Andererseits… wenn der Cappuccino so aussieht, und dann noch mit dieser Aussicht, gibt es keinen Grund zu klagen…

Australien also. 17 Stunden reine Flugzeit, und auf dem Hinweg brauchte ich ganze zwei Tage. Es ist ein bisschen deprimierend, wenn man auf seinen Reiseplan schaut und feststellt, dass man am 25. August losfliegt, und am 27. August ankommt. Und der 26.? Der ging irgendwo zwischen Dubai und Sydney verloren, fürchte ich.

In Sydney traf ich meine Freundin, mit der ich in den nächsten zwei Wochen eine Strecke von über 9.000 Kilometern zurücklegen würde, etwa 4.000 davon im Auto (nach ungefähr 800 fühlte es sich dann auch nicht mehr komisch an, auf der linken Seite zu fahren). Neben dem klassischen Touristenprogramm (Hafenrundfahrt, Kängurus fotografieren, Wale beobachten, verzückt den Sonnenauf- und untergang am Uluru betrachten) hatten wir das Glück, auch ein paar ungewöhnliche Dinge erleben zu dürfen. Abgesehen von einem außergewöhnlich glücklich platzierten Regenbogen über dem Uluru zu Sonnenaufgang, waren das unter anderem eine zufällige Begegnung mit einem Mitreisenden auf dem Flug von Alice Springs nach Cairns, der uns in etwa einer Stunde mit ausgezeichneten Tipps für die gesamte weitere Reise von Cairns nach Sydney versorgte und die Tage, die wir bei einer reizenden Mormonenfamilie in der Nähe von Melbourne verbringen durften, die es sich nicht nehmen ließ, uns die gesamte Umgebung, inklusive der Great Ocean Road bis Port Fairy, zu zeigen.

Meine Erfahrungen mit Mormonen hatten sich bis dato auf einige nette Begegnungen in den USA, und halb-erinnerte Erzählungen meines Vaters, der irgendwann vor gefühlten hundert Jahren mal in Salt Lake City vorbeikam, beschränkt. In Australien hatte ich sie eigentlich nicht erwartet, wobei es im Nachhinein naheliegend ist, dass eine Glaubensgemeinschaft, die rege missioniert, irgendwann auch am anderen Ende der Welt ankommen würde.

Ich muss als Hintergrund sagen, dass ich in einer überwiegend christlichen, aber nicht religiösen Familie aufgewachsen bin. Die meisten meiner Verwandten sind evangelisch und keine regelmäßigen Kirchengänger. Meine Eltern sind der Meinung, dass Religion Privatsache ist, und etwas, über das man eigenständig entscheiden sollte, deswegen wurde ich auch als Kind nicht getauft. Ich war in einem katholischen Kindergarten und einer katholischen Grundschule, hatte evangelischen Religionsunterricht bis zum Gymnasium, habe in einem Kirchenchor gesungen und ein Jahr lang mit einer Familie gelebt, die einer Pfingstgemeinde angehört. Ich war in katholischen, evangelischen und anglikanischen Gottesdiensten, fühlte mich am wohlsten immer bei den Quäkern* (weil dort bei der Andacht nicht so viel geredet wird), in buddhistischen Meditationsgruppen, und seit einem Jahr bin ich Mitglied einer ökumenischen Zweckgemeinschaft, der alle möglichen christlichen Konfessionen angehören. Es führen vielleicht nicht alle Wege nach Rom, aber offensichtlich viele zu Gott.

Trotzdem war ich nervös, als mich unsere Gastgeber einluden, sie zum Gottesdienst zu begleiten… nervös und neugierig. Wir mussten beide ehrlich zugeben, dass wir so gut wie nichts über Lehre und Bräuche der Mormonen wussten. Google, dein Freund und Helfer, aber vieles von dem, was wir da lasen, erschien uns aus westeuropäischer, quasi-säkularer Sicht doch etwas fremd. Mehrehe? Stellvertretertaufe von Verstorbenen? Offenbar herrschte auch keine Einigkeit darüber, ob die Mormonen als Christen zu betrachten seien, oder nicht.
Andererseits – unsere Gastgeber machten nicht den Eindruck, als seien sie überzeugte Fürstreiter der Vielehe**, als hätten hielten sie uns für Heiden, oder als äßen sie kleine Kinder zum Frühstück.

Da sich die Kirche gerade im Umbau befand, fand der Gottesdienst in einem Gemeindezentrum statt. Das Ganze war eine recht lebendige Angelegenheit, unter anderem wegen der vielen Kinder. Dass ständig jemand durch den Raum lief, häufig hinter einem entwischten Kleinkind her, ein stetiges Stühlerücken herrschte und viele der Kinder malten, lasen oder spielten, störte offenbar niemanden. Viele Gemeindemitglieder verwendeten statt Gesangbüchern lieber eine App auf ihrem Smartphone oder Tablet, und obwohl der Gottesdienst eine klare Struktur aufwies, schien sie nicht in Stein gemeißelt zu sein. Die Gemeindemitglieder sprachen einander mit „Bruder“ und „Schwester“ an. Wir wurden freundlich aufgenommen, obwohl wir entgegen der offenbar vorherrschenden Kleiderordnung beide in Jeans und Pullover kamen, und ohne Weiteres eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. Anschließend folgten wir den anderen unverheirateten jungen Leuten in ihre Sonntagsschulklasse und nahmen an einer Versammlung der Frauenhilfsvereinigung statt. Insgesamt erschienen mir die klaren Geschlechtertrennungen und die Tatsache, dass Männer im Großen und Ganzen offenbar eine aktivere Rolle in der Gemeinde einnahmen, etwas antiquiert-patriarchalisch… bis mir einfiel, dass die meisten Leute in meinem Heimatort einer Religionsgemeinschaft angehören, die Frauen keine religiösen Ämter zugesteht, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität ablehnt, und ihre Angehörigen tauft, bevor sie sprechen und laufen können. Tja. Man sollte sich wohl öfter bei der eigenen Nase fassen, bevor man sich ein Urteil über anderer Leute Bräuche bildet…

Alles in Allem war unsere Zeit mit den Mormonen eine schöne, positive Erfahrung, wenn auch in Teilen etwas ungewohnt. Unsere eigene Erfahrung als alleinstehende, beruflich erfolgreiche und ehrgeizige junge Frauen kollidierte mit dem mormonischen Ideal der Frau als Mutter. Viele Dinge wurden uns erst im Nachhinein bewusst – zum Beispiel, warum niemand in der Familie Kaffee oder Alkohol trank. Was wir als persönliche Präferenz aufgefasst hatten, war die Einhaltung eines religiösen Gebots.

Völlig baff war ich auch, als am Vatertag vier der sechs Kinder nebst Partnern und Enkelkindern eintrafen, die zweitälteste Tochter das Haus betrat, und sich herausstellte, dass sie ihre Partnerin mitgebracht hatte. In der eher konservativen Atmosphäre des Haushalts war die kommentarlose Akzeptanz einer lesbischen Tochter und Schwester ziemlich unerwartet, und ich fragte mich plötzlich – wieder die eigene Nase! – ob alle Mitglieder meiner weit verstreuten Familie, die sich selbst als so tolerant und liberal betrachtet, derart nonchalant damit umgehen würden.

An diese Begegnung am Vatertag erinnerte ich mich später während der Reise, als ich den Diskussionen über einen bevorstehenden Volkentscheid über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in den Nachrichten folgte. Die Diskussion kam mir aus allzu Deutschland vertraut vor. Das Interessante an der australischen Debatte war nur, dass nicht hauptsächlich darüber gestritten wurde, ob die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden sollte oder nicht (darüber natürlich auch), sondern darüber, ob es einen Volksentscheid dazu geben, oder die Regierung einfach ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Man stelle sich das im Bundestag vor – die GroKo will einen Volksentscheid, und die parlamentarische Opposition (der die AfD zum Glück noch nicht angehört) verlangt, dass man doch stattdessen lieber gleich das Grundgesetz ändern sollte.

Ha. You wish.

Hochrechnungen zufolge wäre das Ergebnis im Übrigen wahrscheinlich das Gleiche – angeblich befürwortet eine Mehrheit der Australier die Ehe für Alle.
Sollte sich Australien dafür entscheiden – egal auf welchem Wege – würde es zu einer wachsenden Zahl von Ländern wie Großbritannien, Kanada, Brasilien, Argentinien, Spanien, Belgien oder Neuseeland (und natürlich nicht zu vergessen, Island, Südafrika und Kolumbien) hinzustoßen, in denen die Überzeugung vorherrscht, dass Gleichberechtigung auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt.

Und Deutschland…?

Vielleicht sollte ich einfach eine Grönländerin mit Zweitwohnsitz in Uruguay heiraten. In Luxemburg.*** Oder umgekehrt.


*Die Religiöse Gemeinschaft der Freunde, im Volksmund die Quäker, sind eine kleine christliche Glaubensgemeinschaft die im 17. Jhd in England entstanden ist. Es gibt unterschiedliche Strömungen, aber sie sind sich darin einig, dass sie das Priesteramt für überflüssig halten, was verständlicherweise insbesondere in ihren Anfangsjahren zu gewissen Spannungen mit der etablierten Kirche führte. In Deutschland gibt es so wenige Quäker, dass ich es als Glückstreffer werte, überhaupt einige kennengelernt zu haben.

** Wie sich herausstellte, waren unsere Gastgeber Angehörige der größten mormonischen Gemeinde, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die Polygamie seit 1890 nicht mehr ausübt.

*** In Luxemburg und Uruguay sind gleichgeschlechtliche Ehen seit 2015 legal  und in Grönland seit April 2016. Wenn wir uns nicht beeilen, überholen uns in dieser Hinsicht irgendwann noch die Polen oder die Malteser, und das wäre wirklich peinlich. (Malta, das bis 2011 noch keine Scheidung kannte, erkennt immerhin schon Lebenspartnerschaften an.)

Nein, Schatz, ich bin wirklich nicht schwul

„Do you think he’s gay? People always ask if he is, or say that he is, and you know, sometimes I suspect…“

Vor mir stand eine zierliche Blondine in einem gut geschnittenen Abendkleid. Um uns herum, ein Raum voller Partygäste. Ein Botschaftsball, alle in Abendgarderobe, 100 Dollar pro Eintrittskarte, der Erlös sollte als Spenden an eine gemeinnützige Organisation gehen. Alkohol floss in Strömen, wie meistens bei solchen Veranstaltungen war die Musik zu laut und man konnte sich nur schreiend verständigen. Deswegen waren die ersten beiden Gedanken, die mir in Reaktion auf die Frage durch den Kopf gingen auch „Hm, vielleicht habe ich mich verhört“ und „Oh, sie hat aber schon ziemlich viel intus, oder?“

Weder noch.

Besagte Blondine – nennen wir sie Mary [nicht ihr richtiger Name, und jeglicher Bezug zu Mary Morstan ist natürlich völlig zufällig…] – wollte wirklich gerne meine Meinung zur mutmaßlichen sexuellen Orientierung ihres Partners wissen.

„Eh“, sagte ich wenig eloquent, weil das Thema „Wie reagieren Sie, wenn die Lebensabschnittsgefährtin eines Freundes Sie bei einer offiziellen Veranstaltung fragt ob er Ihrer Meinung nach homosexuell sei?“ in den meisten Etiketteratgebern nicht behandelt wird. – „I don’t think so…? I mean, you’re his girlfriend… and I suppose if he were, the topic would have come up by now…?“

Mary schien das nicht zu überzeugen. „Yes, I know. I asked him and he said no. But I’m just not sure… do you think he looks gay?“

„No,“ sagte ich. Allmählich begann ich mich in meiner Haut ziemlich unwohl zu fühlen. Außerdem fand ich die Frage absurd.

„I’ve asked other people as well,“ vertraute mir Mary an, und ich dachte, großartig, so entstehen Gerüchte. „I mean, he does hang out with a lot of gay guys…“

„Yes, but so do I, and I can assure you, I’m not secretly a gay man.“ Langsam wurde mir das Ganze dann doch etwas zu absurd. Sie hatte ihn gefragt, er hatte verneint, und eigentlich hätte die Frage damit doch beantwortet sein müssen. Oder?

Sie lachte nervös. „But… what if he’s bisexual?“

Ich zuckte die Achseln. „What if? He’s dating you, right?“

„But what if at age fifty, he figures out that he’s actually more into men and leaves me?“

Ich behielt meine Einschätzung, dass die beiden sicherlich nicht so lange zusammen bleiben würden, vor allem nicht bei einer offensichtlich derart bröckeligen Vertrauensbasis ihrerseits, vorerst für mich. „It’s just as likely that at fifty, he figures out that he’s actually into younger women and leaves you for a twenty-year old. What’s the difference? It doesn’t matter if it’s another woman or a man, the end result is the same.“

„I suppose so. And for the record, we have a very healthy sex life.“

Ich wurde ein bisschen blass um die Nase, vermute ich. „Please tell me NOTHING about it,“ bat ich sie.

„Still… don’t you think he’s…?“

„No.“

„Mhm,“ sagte Mary, beließ es aber vorerst dabei, und ich ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht, um den Rest des Abends mit wesentlich weniger unsicheren Leuten im Garten zu verbringen.

Ich hatte den Vorfall schon fast verdrängt, als mein Freund – Marys definitiv bessere Hälfte – bei einer Tasse Kaffee ein paaar Wochen später beiläufig berichtete, er sei nicht mehr mit ihr zusammen. „Oh,“ sagte ich, wenig überrascht, und konnte mich nicht so recht zu einem ‚das tut mir leid‘ durchringen.

„Mir ist das einfach auf die Nerven gegangen, dass sie mir nicht vertraut,“ sagte er.

Verständlich, dachte ich, und erzählte ihm von unserem merkwürdigen Gespräch auf dem Ball.

„Das überrascht mich überhaupt nicht,“ sagte er, „mich hat sie das auch ständig gefragt. Und ich versteh’s nicht. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber sie hat es mir nicht geglaubt. Und jetzt läuft sie überall herum und erzählt, ich wäre schwul. Das ist echt scheiße.“

Ich nippte an meinem Cappuccino und dachte darüber nach, dass das Ganze einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Normalerweise bin ich diejenige – sind wir Asexuellen diejenigen – die wieder und wieder versichern müssen dass wir wirklich nicht auf andere Leute stehen. Ganz ehrlich. Nein! Wirklich nicht!

Aber offensichtlich sind wir da nicht die Einzigen. Irgendwie war das tröstlich zu hören, bei allem Mitgefühl für die Nöte meines Freundes [der im Übrigen voll und ganz verdient hat, auch unter das A von LGBTIA und verwandten Abkürzungen zu fallen, weil er ein großartiger Ally/Unterstützer ist, der sich völlig unabhängig von seiner eigenen Orientierung und persönlichen Situation für die Rechte anderer einsetzt. Er gehört zu den wenigen Leuten, die kommentarlos und ohne jegliche Rückfragen akzeptiert haben, dass ich asexuell bin. Großartig!]

Freundeskreise

Neulich war ich zu Besuch „zuhause“ (in Anführungszeichen deswegen, weil das Wort für Weltenbummler wie mich ein ziemlich dehnbarer Begriff ist). Mai in Süddeutschland: nass bis sonnig, Blumen, oh-so-grün, blauer Himmel mit Wattewolken. Viel Familie, zu diversen Anlässen und in unterschiedlichen Konstellationen.

Dabei fiel mir auf, dass ich nicht mehr gefragt wurde, ob ich mir nicht auch mal einen Partner oder eine Partnerin zulegen möchte. Das Thema „Enkelkinder“ kam zwar auf, aber glücklicherweise sind meine Mutter und ich in dieser Frage ziemlich einer Meinung – ich mag Kinder, und könnte mir durchaus vorstellen, ein bis drei großzuziehen. Wie eine meiner Cousinen dem Clan als prima Single-Mama inzwischen bewiesen hat, kann frau das auch ganz ohne männliche Unterstützung. Ich vermute, das tröstet meine Mutter über die Abwesenheit einer geeigneten Schwiegerperson hinweg. Wenn ich’s mir aussuchen kann, und darauf hoffe ich, wäre ich aber nicht gerne eine alleinerziehende Mutter – das ist nämlich verdammt anstrengend. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter gilt meine größte Hochachtung allen Eltern, die Kinder und Beruf allein unter einen Hut bringen müssen.

Aber eigentlich sollte das Thema Familie/Kinder nur die Überleitung und ich habe mich schon wieder verquasselt. Eigentlich wollte ich über Freunde schreiben, oder genauer gesagt, Freundeskreise. Bei meinem Familienbesuch fiel nämlich mal wieder der Satz „deine Freunde sind ja alle schwul“ (siehe hier), diesmal in der Variation „du hast ja schon wieder nur schwule Freunde“. Und eine meiner Cousinen meinte bewundernd „Wo lernst du die nur immer kennen? Ich kenne überhaupt keine schwulen Jungs oder lesbischen Mädels, nicht mal im Studentenwohnheim.“ (rein statistisch gesehen unwahrscheinlich, aber ich fand es doch sehr erfreulich, dass sie einen Freundeskreis bestehend aus Menschen diverser sexueller Orientierungen für erstrebenswert hält).

Bestreiten konnte ich die „Anschuldigung“ im Übrigen nicht – tatsächlich identifiziert sich die weit überwiegende Mehrheit meiner männlichen Freunde als homosexuell. Was mir dann doch irgendwie zu denken gab. Schließlich sucht man sich seine Freunde ja in der Regel selbst aus, und diese Auswahl ist irgendwie auch eine Aussage über persönliche Vorlieben, Neigungen und Gewohnheiten. Um das gleich mal vorweg zu nehmen – ich finde alle meine Freunde unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung großartig (anderenfalls wäre ich wohl nicht mit ihnen befreundet). Sie sind alle auf ihre eigene Art wunderbare Menschen. Andererseits – davon gibt es aber jede Menge, und ich bin nicht mit allen befreundet. Nach welchen Kriterien suche ich mir also meine Freunde aus?
Zum einen gemeinsame Interessen, klar. Schließlich muss man sich ja irgendwo kennen lernen und erstmal etwas finden, worüber man sich unterhalten kann. Aber es ist nicht nur das. Ich habe Freunde, die sich total für Fußball, Sticken oder Horrorfilme begeistern können, und ich finde alle drei eher langweilig. Umgekehrt können viele meiner Freunde weder mit Halbmarathons, noch mit Fanfiction oder Botanik etwas anfangen. Das tut unserer Freundschaft aber keinen Abbruch.

Aber spielt die sexuelle Orientierung eine Rolle? Wenn ich mein Freundschaftssystem näher betrachte, sehe ich eine Reihe konzentrischer Kreise. Beste Freunde, gute Freunde, eher lose Freundschaften. Die Qualität der Freundschaft hängt nicht davon ab, wie lange ich die Leute kenne oder wie oft ich sie sehe (viele meiner Freunde sehe ich nur ein oder zweimal im Jahr in Person, weil sie in ganz anderen Ecken der Welt wohnen als ich).
Unter meinen Freunden gibt es eine ganze Menge, die sich als heterosexuell identifizieren, ein paar die bi oder lesbisch sind, eine ganze Reihe, von denen ich es nicht genau weiß (und ich frage auch nicht nach, wenn sie es mir erzählen wollen, werden sie es früher oder später tun, vermute ich), oder die sich nicht festlegen möchten. Und wie bereits erwähnt viele homosexuelle Männer. Um genau zu sein sind mit einer knappen Hand voll Ausnahmen alle meine männlichen Freunde schwul. Und die die es nicht sind, sind fast alle verheiratet oder in einer festen Beziehung.

Okay, das könnte natürlich ein Zufall sein. Oder dadurch bedingt, dass man Freunde ja oft auch durch andere Freunde kennen lernt. Wenn man erst mal einige schwule Freunde hat, erhöht sich wohl auch die Wahrscheinlichkeit, durch sie weitere nette schwule Männer kennenzulernen, mit denen man befreundet sein möchte.

Andererseits – für eine asexuelle Frau sind homosexuelle Männer zahn- und krallenlose Tiger und damit eine sichere Wahl. Die Wahrscheinlichkeit, unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, geht gegen null. Gemeinsam Zeit verbringen, Sport treiben, rumalbern, Schwimmen gehen, lachen, weinen, verreisen, feiern – alles völlig ungefährlich. Umgekehrt wird auch ein Schuh draus – für die Jungs bin ich keine Konkurrenz.
Vielleicht habe ich deswegen so viele schwule Freunde, weil es mir leichter fällt, ihnen zu vertrauen und mit ihnen Freundschaften einzugehen. Bei heterosexuellen (und bi- und pansexuellen, aber davon kenne ich bisher wenige) Männern, ganz egal wie nett und verständnisvoll sie sind, besteht immer ein gewisses Restrisiko. – Was wenn er doch auf mich steht? Irks, hilfe! Besser gar nicht erst riskieren.
Während bei meinen schwulen Freunden die einzige Gefahr darin besteht, dass ich eines Tages zu Tode geknuddelt werde (und es gibt schlimmere Arten zu sterben).

Damit wäre die Antwort auf die Frage „warum hast du so viele schwule Freunde?“:

Weil sie großartig sind… und ungefährlich.

 

Edit: Während ich dabei war diesen Text Korrektur zu lesen, bekam ich über Acebook eine Nachricht, die sich genau auf dieses Thema (und meinen vorherigen Blogpost dazu) bezog. Offenbar bin ich nicht die Einzige, der es so geht. Cool!