Buchstabensalat

Es gibt eine wunderbare Episode von Boston Legal, in der Alan Shore unter „Word-Salad“ leidet und vorübergehend nur noch unzusammenhängenden Blödsinn von sich gibt, was natürlich äußerst unangenehm für ihn, aber recht unterhaltsam für seine Umwelt und die Zuschauer ist. Alan erholt sich natürlich wieder, auch dank verständnisvoller Unterstützung seiner Freunde.

Mit „Word-Salad“ musste ich mich zum Glück bisher noch nicht herumschlagen, dafür aber neulich mit einem ordentlichen Buchstabensalat.

„LGBT,“ fragte mein Chef und sah mich etwas ratlos an, „oder LGBTI? Oder LGBTIQ?“

„Likeminded,“ schlug ich vor. „Das schließt alle ein, die das Gefühl haben, dass das Thema sie was angeht, unabhängig von Buchstaben.“

Er rümpfte die Nase. „Likeminded klingt nach Whiskey-Club und übereinstimmenden politischen Ansichten. Das verstehen die Leute vielleicht falsch. Vielleicht einfach nur LGBT?“

„Offiziell verwenden wir jetzt LGBTI, glaube ich,“ sagte ich.

„Hm. Vielleicht sollten wir das Q auch dazunehmen. Nur damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt.“

„Wenn wir das Q dazunehmen, dann will ich auch ein A. Und ein P.“

„Wofür steht das A?“ fragte eine Kollegin, die gerade ihren Kopf zur Tür hereinsteckte.

„Asexuell,“ sagte eine andere Kollegin, und ich überlegte kurz, ihr einen Kuchen zu backen.

„Und Ally,“ ergänzte ich.

„Vielleicht LGBTI and queer?“ schlug mein Chef vor. „Queer schließt ja eigentlich alle mit ein.“

Was mich dazu brachte, mich zu fragen, ob ich mich von ‚queer‘ miteingeschlossen fühle, eine Frage, die ich bislang noch nicht abschließend beantworten konnte. (Das Ergebnis meiner Überlegungen war, dass es mir eigentlich egal ist.)

Auslöser der ganzen Diskussion, die irgendwann in den besagten Buchstabensalat abglitt, war, dass wir uns dazu entschlossen hatten, eine Abendveranstaltung für die LGBTI(Q,A,P, beliebige weitere Buchstaben)-Community zu organisieren. Die australischen und US-amerikanischen Kollegen hatten es vorgemacht, und da wollten wir nicht zurückfallen. Außerdem, hey, gebt mir einen guten dienstlichen Grund, meine Freunde einzuladen, einen netten Abend mit ihnen zu verbringen, und es irgendwie als Arbeit zu deklarieren, und ich sage bestimmt nicht nein…

Als einzige Vertreter der besagten Community, oder jedenfalls als einzige, die in der Arbeit out sind (naja, spätestens nach Versand der Einladung waren wir es jedenfalls universell), fiel es natürlich meinem Chef und mir zu, die Party zu organisieren. Essen, Trinken und Location waren kein Problem, aber bei der Einladung hakte es dann. Schließlich wollten wir niemandem auf die Zehen treten, niemanden dazu zwingen, sich zu outen, und trotzdem möglichst viele Leute erreichen. Also musste die Einladung möglichst neutral formuliert sein, aber gleichzeitig eindeutig genug, um Missverständnisse zu vermeiden.

Letzteres allerdings misslang, was uns auffiel, als der schwedische Partner einer Kollegin beiläufig erwähnte, mehrere seiner Arbeitskollegen hätten vor, die Einladung anzunehmen. Das Thema sei in aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten in Schweden ja ein sehr wichtiges, und man freue sich schon darauf, es mit uns zu diskutieren. „Ähm,“ konnten wir da nur sagen, „vielleicht habt ihr  da was missverstanden? Es ist mehr so eine Art – uh – Networking-Event?“ Wir versicherten den schwedischen Kollegen aber, dass sie natürlich trotzdem willkommen seien – unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung.

Dann kam noch dazu, dass das Event ein informelles sein sollte. Aber wir hatten die Einladung natürlich buchstäblich an Gott und die Welt geschickt, und vielleicht hätte ich daher nicht allzu erstaunt sein sollen, als mich ein finnischer Freund bei einem Meeting ansprach. „Meine Botschafterin kommt übrigens zu eurer Party.“ Ich konnte mir knapp einen leicht hysterischen Quietsch-Laut verkneifen. „Uh – was?!“ Er strahlte mich weiter an. „Ja, cool, oder?“

„Die finnische Botschafterin kommt,“ sagte ich zu meinem Chef, etwas außer Atem.

„Oh.“

„Ja.“

„Hm. Die Franzosen haben auch geschrieben, dass ihr Botschafter kommt. Der Kollege war etwas durch den Wind…“ Er drehte seinen Bildschirm so, dass ich die Mail lesen konnte. Übersetzt aus dem Französischen, und dem reservierten Diplomatensprech lautete sie in etwa: ‚Oh Gott, mein Chef hat sich grade vor mir geoutet!‘

„Glaubst du, ich muss eine Rede halten?“

Solange ich sie nicht halten muss, dachte ich.

Letzten Endes kam dann übrigens weder die finnische Botschafterin, noch der französische Botschafter (beide leider verhindert). Dafür aber der stellvertretende französische Botschafter. Und der stellvertretende australische Botschafter. Beide amüsierten sich offensichtlich prächtig, und letzterer lud mich dazu ein, mich umgehend bei ihm zu melden, sollte ich mal in Canberra vorbeikommen. Na dann…

Die australischen und britischen Kollegen nahmen es auf sich, die gesammelten Weißbier-Vorräte zu vernichten, allen schmeckte das Essen, und die Briten konnten später am Abend sogar salonfähige Brexit-Witze machen, die nicht völlig verzweifelt klangen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich in Gesellschaft der übrigen Europäer wohlfühlten. Diverse UN-Organisationen mit unaussprechlichen Abkürzungen verbrüderten und -schwesterten sich über deutschem Wein, den sogar die Franzosen akzeptabel fanden (vielleicht waren sie aber auch einfach nur zu höflich, um sich zu beschweren), und alles blieb angemessen gesittet, sprich, wir mussten unserem eigenen Botschafter nicht nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub erklären, warum seine Residenz in Schutt und Asche lag.

 

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