Kängurus, Mormonen und die Ehe für Alle

Neulich war ich in Australien.

(Ich wollte schon immer mal einen Blogpost so anfangen.)

Okay, Spaß bei Seite, ich bin tatsächlich gerade aus einem dreiwöchigen Australienurlaub zurückgekommen und versuche mich jetzt wieder hier zurechtzufinden, in einer völlig anderen Zeit- und Klimazone, zurück aus dem australischen Frühling in den Herbst, die Autos, Fußgänger und Rolltreppen bewegen sich plötzlich wieder auf der „richtigen“ Seite, und ich muss mein mühsam erarbeitetes ordentliches BBC-Englisch wieder einfangen. Der Kaffee ist auch wieder schlechter (und das ist fast das Schlimmste), aber immerhin versteht die Person auf der anderen Seite der Theke wieder, dass ich Espresso und heißes Wasser meine, wenn ich einen Americano bestelle (für das gleiche Ergebnis muss man in Australien einen Long Black bestellen, und bis ich das nach ungefähr einer Woche herausgefunden hatte, bekam ich meistens Cappuccino).

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Andererseits… wenn der Cappuccino so aussieht, und dann noch mit dieser Aussicht, gibt es keinen Grund zu klagen…

Australien also. 17 Stunden reine Flugzeit, und auf dem Hinweg brauchte ich ganze zwei Tage. Es ist ein bisschen deprimierend, wenn man auf seinen Reiseplan schaut und feststellt, dass man am 25. August losfliegt, und am 27. August ankommt. Und der 26.? Der ging irgendwo zwischen Dubai und Sydney verloren, fürchte ich.

In Sydney traf ich meine Freundin, mit der ich in den nächsten zwei Wochen eine Strecke von über 9.000 Kilometern zurücklegen würde, etwa 4.000 davon im Auto (nach ungefähr 800 fühlte es sich dann auch nicht mehr komisch an, auf der linken Seite zu fahren). Neben dem klassischen Touristenprogramm (Hafenrundfahrt, Kängurus fotografieren, Wale beobachten, verzückt den Sonnenauf- und untergang am Uluru betrachten) hatten wir das Glück, auch ein paar ungewöhnliche Dinge erleben zu dürfen. Abgesehen von einem außergewöhnlich glücklich platzierten Regenbogen über dem Uluru zu Sonnenaufgang, waren das unter anderem eine zufällige Begegnung mit einem Mitreisenden auf dem Flug von Alice Springs nach Cairns, der uns in etwa einer Stunde mit ausgezeichneten Tipps für die gesamte weitere Reise von Cairns nach Sydney versorgte und die Tage, die wir bei einer reizenden Mormonenfamilie in der Nähe von Melbourne verbringen durften, die es sich nicht nehmen ließ, uns die gesamte Umgebung, inklusive der Great Ocean Road bis Port Fairy, zu zeigen.

Meine Erfahrungen mit Mormonen hatten sich bis dato auf einige nette Begegnungen in den USA, und halb-erinnerte Erzählungen meines Vaters, der irgendwann vor gefühlten hundert Jahren mal in Salt Lake City vorbeikam, beschränkt. In Australien hatte ich sie eigentlich nicht erwartet, wobei es im Nachhinein naheliegend ist, dass eine Glaubensgemeinschaft, die rege missioniert, irgendwann auch am anderen Ende der Welt ankommen würde.

Ich muss als Hintergrund sagen, dass ich in einer überwiegend christlichen, aber nicht religiösen Familie aufgewachsen bin. Die meisten meiner Verwandten sind evangelisch und keine regelmäßigen Kirchengänger. Meine Eltern sind der Meinung, dass Religion Privatsache ist, und etwas, über das man eigenständig entscheiden sollte, deswegen wurde ich auch als Kind nicht getauft. Ich war in einem katholischen Kindergarten und einer katholischen Grundschule, hatte evangelischen Religionsunterricht bis zum Gymnasium, habe in einem Kirchenchor gesungen und ein Jahr lang mit einer Familie gelebt, die einer Pfingstgemeinde angehört. Ich war in katholischen, evangelischen und anglikanischen Gottesdiensten, fühlte mich am wohlsten immer bei den Quäkern* (weil dort bei der Andacht nicht so viel geredet wird), in buddhistischen Meditationsgruppen, und seit einem Jahr bin ich Mitglied einer ökumenischen Zweckgemeinschaft, der alle möglichen christlichen Konfessionen angehören. Es führen vielleicht nicht alle Wege nach Rom, aber offensichtlich viele zu Gott.

Trotzdem war ich nervös, als mich unsere Gastgeber einluden, sie zum Gottesdienst zu begleiten… nervös und neugierig. Wir mussten beide ehrlich zugeben, dass wir so gut wie nichts über Lehre und Bräuche der Mormonen wussten. Google, dein Freund und Helfer, aber vieles von dem, was wir da lasen, erschien uns aus westeuropäischer, quasi-säkularer Sicht doch etwas fremd. Mehrehe? Stellvertretertaufe von Verstorbenen? Offenbar herrschte auch keine Einigkeit darüber, ob die Mormonen als Christen zu betrachten seien, oder nicht.
Andererseits – unsere Gastgeber machten nicht den Eindruck, als seien sie überzeugte Fürstreiter der Vielehe**, als hätten hielten sie uns für Heiden, oder als äßen sie kleine Kinder zum Frühstück.

Da sich die Kirche gerade im Umbau befand, fand der Gottesdienst in einem Gemeindezentrum statt. Das Ganze war eine recht lebendige Angelegenheit, unter anderem wegen der vielen Kinder. Dass ständig jemand durch den Raum lief, häufig hinter einem entwischten Kleinkind her, ein stetiges Stühlerücken herrschte und viele der Kinder malten, lasen oder spielten, störte offenbar niemanden. Viele Gemeindemitglieder verwendeten statt Gesangbüchern lieber eine App auf ihrem Smartphone oder Tablet, und obwohl der Gottesdienst eine klare Struktur aufwies, schien sie nicht in Stein gemeißelt zu sein. Die Gemeindemitglieder sprachen einander mit „Bruder“ und „Schwester“ an. Wir wurden freundlich aufgenommen, obwohl wir entgegen der offenbar vorherrschenden Kleiderordnung beide in Jeans und Pullover kamen, und ohne Weiteres eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. Anschließend folgten wir den anderen unverheirateten jungen Leuten in ihre Sonntagsschulklasse und nahmen an einer Versammlung der Frauenhilfsvereinigung statt. Insgesamt erschienen mir die klaren Geschlechtertrennungen und die Tatsache, dass Männer im Großen und Ganzen offenbar eine aktivere Rolle in der Gemeinde einnahmen, etwas antiquiert-patriarchalisch… bis mir einfiel, dass die meisten Leute in meinem Heimatort einer Religionsgemeinschaft angehören, die Frauen keine religiösen Ämter zugesteht, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität ablehnt, und ihre Angehörigen tauft, bevor sie sprechen und laufen können. Tja. Man sollte sich wohl öfter bei der eigenen Nase fassen, bevor man sich ein Urteil über anderer Leute Bräuche bildet…

Alles in Allem war unsere Zeit mit den Mormonen eine schöne, positive Erfahrung, wenn auch in Teilen etwas ungewohnt. Unsere eigene Erfahrung als alleinstehende, beruflich erfolgreiche und ehrgeizige junge Frauen kollidierte mit dem mormonischen Ideal der Frau als Mutter. Viele Dinge wurden uns erst im Nachhinein bewusst – zum Beispiel, warum niemand in der Familie Kaffee oder Alkohol trank. Was wir als persönliche Präferenz aufgefasst hatten, war die Einhaltung eines religiösen Gebots.

Völlig baff war ich auch, als am Vatertag vier der sechs Kinder nebst Partnern und Enkelkindern eintrafen, die zweitälteste Tochter das Haus betrat, und sich herausstellte, dass sie ihre Partnerin mitgebracht hatte. In der eher konservativen Atmosphäre des Haushalts war die kommentarlose Akzeptanz einer lesbischen Tochter und Schwester ziemlich unerwartet, und ich fragte mich plötzlich – wieder die eigene Nase! – ob alle Mitglieder meiner weit verstreuten Familie, die sich selbst als so tolerant und liberal betrachtet, derart nonchalant damit umgehen würden.

An diese Begegnung am Vatertag erinnerte ich mich später während der Reise, als ich den Diskussionen über einen bevorstehenden Volkentscheid über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in den Nachrichten folgte. Die Diskussion kam mir aus allzu Deutschland vertraut vor. Das Interessante an der australischen Debatte war nur, dass nicht hauptsächlich darüber gestritten wurde, ob die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden sollte oder nicht (darüber natürlich auch), sondern darüber, ob es einen Volksentscheid dazu geben, oder die Regierung einfach ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Man stelle sich das im Bundestag vor – die GroKo will einen Volksentscheid, und die parlamentarische Opposition (der die AfD zum Glück noch nicht angehört) verlangt, dass man doch stattdessen lieber gleich das Grundgesetz ändern sollte.

Ha. You wish.

Hochrechnungen zufolge wäre das Ergebnis im Übrigen wahrscheinlich das Gleiche – angeblich befürwortet eine Mehrheit der Australier die Ehe für Alle.
Sollte sich Australien dafür entscheiden – egal auf welchem Wege – würde es zu einer wachsenden Zahl von Ländern wie Großbritannien, Kanada, Brasilien, Argentinien, Spanien, Belgien oder Neuseeland (und natürlich nicht zu vergessen, Island, Südafrika und Kolumbien) hinzustoßen, in denen die Überzeugung vorherrscht, dass Gleichberechtigung auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt.

Und Deutschland…?

Vielleicht sollte ich einfach eine Grönländerin mit Zweitwohnsitz in Uruguay heiraten. In Luxemburg.*** Oder umgekehrt.


*Die Religiöse Gemeinschaft der Freunde, im Volksmund die Quäker, sind eine kleine christliche Glaubensgemeinschaft die im 17. Jhd in England entstanden ist. Es gibt unterschiedliche Strömungen, aber sie sind sich darin einig, dass sie das Priesteramt für überflüssig halten, was verständlicherweise insbesondere in ihren Anfangsjahren zu gewissen Spannungen mit der etablierten Kirche führte. In Deutschland gibt es so wenige Quäker, dass ich es als Glückstreffer werte, überhaupt einige kennengelernt zu haben.

** Wie sich herausstellte, waren unsere Gastgeber Angehörige der größten mormonischen Gemeinde, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die Polygamie seit 1890 nicht mehr ausübt.

*** In Luxemburg und Uruguay sind gleichgeschlechtliche Ehen seit 2015 legal  und in Grönland seit April 2016. Wenn wir uns nicht beeilen, überholen uns in dieser Hinsicht irgendwann noch die Polen oder die Malteser, und das wäre wirklich peinlich. (Malta, das bis 2011 noch keine Scheidung kannte, erkennt immerhin schon Lebenspartnerschaften an.)

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Nein, Schatz, ich bin wirklich nicht schwul

„Do you think he’s gay? People always ask if he is, or say that he is, and you know, sometimes I suspect…“

Vor mir stand eine zierliche Blondine in einem gut geschnittenen Abendkleid. Um uns herum, ein Raum voller Partygäste. Ein Botschaftsball, alle in Abendgarderobe, 100 Dollar pro Eintrittskarte, der Erlös sollte als Spenden an eine gemeinnützige Organisation gehen. Alkohol floss in Strömen, wie meistens bei solchen Veranstaltungen war die Musik zu laut und man konnte sich nur schreiend verständigen. Deswegen waren die ersten beiden Gedanken, die mir in Reaktion auf die Frage durch den Kopf gingen auch „Hm, vielleicht habe ich mich verhört“ und „Oh, sie hat aber schon ziemlich viel intus, oder?“

Weder noch.

Besagte Blondine – nennen wir sie Mary [nicht ihr richtiger Name, und jeglicher Bezug zu Mary Morstan ist natürlich völlig zufällig…] – wollte wirklich gerne meine Meinung zur mutmaßlichen sexuellen Orientierung ihres Partners wissen.

„Eh“, sagte ich wenig eloquent, weil das Thema „Wie reagieren Sie, wenn die Lebensabschnittsgefährtin eines Freundes Sie bei einer offiziellen Veranstaltung fragt ob er Ihrer Meinung nach homosexuell sei?“ in den meisten Etiketteratgebern nicht behandelt wird. – „I don’t think so…? I mean, you’re his girlfriend… and I suppose if he were, the topic would have come up by now…?“

Mary schien das nicht zu überzeugen. „Yes, I know. I asked him and he said no. But I’m just not sure… do you think he looks gay?“

„No,“ sagte ich. Allmählich begann ich mich in meiner Haut ziemlich unwohl zu fühlen. Außerdem fand ich die Frage absurd.

„I’ve asked other people as well,“ vertraute mir Mary an, und ich dachte, großartig, so entstehen Gerüchte. „I mean, he does hang out with a lot of gay guys…“

„Yes, but so do I, and I can assure you, I’m not secretly a gay man.“ Langsam wurde mir das Ganze dann doch etwas zu absurd. Sie hatte ihn gefragt, er hatte verneint, und eigentlich hätte die Frage damit doch beantwortet sein müssen. Oder?

Sie lachte nervös. „But… what if he’s bisexual?“

Ich zuckte die Achseln. „What if? He’s dating you, right?“

„But what if at age fifty, he figures out that he’s actually more into men and leaves me?“

Ich behielt meine Einschätzung, dass die beiden sicherlich nicht so lange zusammen bleiben würden, vor allem nicht bei einer offensichtlich derart bröckeligen Vertrauensbasis ihrerseits, vorerst für mich. „It’s just as likely that at fifty, he figures out that he’s actually into younger women and leaves you for a twenty-year old. What’s the difference? It doesn’t matter if it’s another woman or a man, the end result is the same.“

„I suppose so. And for the record, we have a very healthy sex life.“

Ich wurde ein bisschen blass um die Nase, vermute ich. „Please tell me NOTHING about it,“ bat ich sie.

„Still… don’t you think he’s…?“

„No.“

„Mhm,“ sagte Mary, beließ es aber vorerst dabei, und ich ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht, um den Rest des Abends mit wesentlich weniger unsicheren Leuten im Garten zu verbringen.

Ich hatte den Vorfall schon fast verdrängt, als mein Freund – Marys definitiv bessere Hälfte – bei einer Tasse Kaffee ein paaar Wochen später beiläufig berichtete, er sei nicht mehr mit ihr zusammen. „Oh,“ sagte ich, wenig überrascht, und konnte mich nicht so recht zu einem ‚das tut mir leid‘ durchringen.

„Mir ist das einfach auf die Nerven gegangen, dass sie mir nicht vertraut,“ sagte er.

Verständlich, dachte ich, und erzählte ihm von unserem merkwürdigen Gespräch auf dem Ball.

„Das überrascht mich überhaupt nicht,“ sagte er, „mich hat sie das auch ständig gefragt. Und ich versteh’s nicht. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber sie hat es mir nicht geglaubt. Und jetzt läuft sie überall herum und erzählt, ich wäre schwul. Das ist echt scheiße.“

Ich nippte an meinem Cappuccino und dachte darüber nach, dass das Ganze einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Normalerweise bin ich diejenige – sind wir Asexuellen diejenigen – die wieder und wieder versichern müssen dass wir wirklich nicht auf andere Leute stehen. Ganz ehrlich. Nein! Wirklich nicht!

Aber offensichtlich sind wir da nicht die Einzigen. Irgendwie war das tröstlich zu hören, bei allem Mitgefühl für die Nöte meines Freundes [der im Übrigen voll und ganz verdient hat, auch unter das A von LGBTIA und verwandten Abkürzungen zu fallen, weil er ein großartiger Ally/Unterstützer ist, der sich völlig unabhängig von seiner eigenen Orientierung und persönlichen Situation für die Rechte anderer einsetzt. Er gehört zu den wenigen Leuten, die kommentarlos und ohne jegliche Rückfragen akzeptiert haben, dass ich asexuell bin. Großartig!]

Keine Kondome für die AfD

In diesem Beitrag geht es unter anderem um Sex in der Werbung. Werbeanzeigen mit sexuellen Darstellungen sind verlinkt. Wenn ihr –  egal aus welchem Grund – lieber Sex-freie Artikel lesen möchtet, überspringt ihr diesen Post vielleicht besser.

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Die AfD und Donald Trump haben viel gemeinsam, sowohl hinsichtlich ihres Auftretens, als auch hinsichtlich ihrer Standpunkte zu bestimmten Themen. Außerdem sorgen sie regelmäßig für außerordentlich (wenn auch ungewollt) komische Schlagzeilen. Ich warte nur darauf, eines schönen Sommermorgens aufzuwachen, den Laptop aufzuklappen und von der Schlagzeile „Trump-Geständnis: Ich bin in Wahrheit ein Comedian“ oder „AfD entpuppt sich als Politsatire-Projekt“ begrüßt zu werden.

Als ich gerade ziellos in der Landschaft herumsurfte – es ist Samstag, ich muss nicht arbeiten, und draußen ist es brüllend heiß – stolperte ich bei Spiegel Online (oder vielmehr bei bento) über die Schlagzeile AfD-Nachwuchs klagt gegen „staatlich verordnete Sex-Plakate“.

Erste Reaktion: Oookay, jetzt sind die also auch noch gegen Sex? Das ist ja was…

Dieses Missverständnis klärte sich aber rasch auf – offenbar hat die AfD (oder deren Nachwuchs… wie muss ich mir den eigentlich vorstellen, „niedliche“ Mini-Rassisten in maßgeschneiderten Trachtenklamotten? Nachwuchs impliziert ja irgendwie etwas Putziges, Kleines, das noch größer und böser wird) nur dann was gegen Sex, wenn er nicht in ihr traditionelles Familienbild der „Familie aus Vater, Mutter und Kindern als Keimzelle der Gesellschaft“ (Zitat aus dem Leitantrag Grundsatzprogramm der AfD, S. 27) passt. Also z.B. Sex zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts. –  Iiiih! Weichet, ihr Zerstörer des christlichen Abendlands. –

Laut bento hat der Landesvorsitzende der Jungen Alternative Niedersachsen nach eigenen Angaben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angezeigt. Deren Job ist es, die Bevölkerung über potentielle Gesundheitsrisiken aufzuklären und Prävention zu betreiben. Eigentlich löblich, sollte man meinen. Die AfD-Jugend stört sich jetzt aber offenbar daran, wie diese Aufklärung erfolgt. Die BZgA hat unlängst nämlich den öffentlichen Raum mit Plakaten gepflastert, die Comic-Figuren beim Sex zeigen und zur Benutzung von Kondomen aufrufen.

Zugegeben, mir sind diese Plakate auch aufgefallen. Sie sollen offensichtlich auffallen. Wirklich provozierend sind sie in einer Welt, in der Sex omnipräsent ist, nicht, aber sie erregen Aufmerksamkeit. Einige fand ich ganz witzig, die expliziteren lösten ein vages Unbehagen aus – nennt mich prüde, aber ich bin kein allzu großer Fan von explizit sexuellen Darstellungen im öffentlichen Raum. Andererseits – Meinungs- und Kunstfreiheit ist einer der Grundpfeiler der Demokratie, und mir bleibt es ja wie allen anderen freigestellt, wegzusehen, wenn es mir so ein Plakat nicht gefällt. Außerdem ist die Plakatkampagne in diesem Fall für einen wirklich guten Zweck.

Die Junge Alternative sieht das scheinbar anders. Ob sie den Zweck gut findet oder nicht, bleibt unklar, aber einfach nur wegzusehen scheint ihr jedenfalls nicht zu genügen. Stein des Anstoßes ist allerdings offenbar nicht die Darstellung sexueller Inhalte im öffentlichen Raum, sondern die Tatsache, dass nicht ausschließlich heterosexuelle Paare beim Sex gezeigt werden. (Skandal!)

Ich frage mich, ob sich die AfD auch an diesem Plakat stören würde? (Übrigens, ein interessanter Artikel zum Thema Sex und Sexismus in der Werbung ist hier zu finden.)  Traurigerweise, wahrscheinlich nicht. Oder zumindest nicht so öffentlich.

Gender-Forschung ist für die AfD ein rotes Tuch –  „Die Gender‐Forschung erfüllt nicht den Anspruch, der an seriöse Forschung gestellt werden muss. Ihre Methoden genügen nicht den Kriterien der Wissenschaft, da ihre Zielsetzung primär politisch motiviert ist.“ (Zitat aus dem Leitantrag Grundsatzprogramm der AfD, S. 37) Um, ja… wenn ich ehrlich bin, befürchte ich ja, zumindest ersteres könnte man über eine ganze Reihe von Geisteswissenschaften sagen, und trotzdem zweifelt niemand ernsthaft an deren Existenzberechtigung. Zugegeben, manche Gender-Auswüchse sind mir persönlich auch suspekt… aber das geht mir auch bei manchen Ergüssen aus dem Bereich der Philosophie, Germanistik oder Theologie nicht anders, um nur drei Beispiele zu nennen. Und warum sollte Gender-Forschung politisch motivierter sein als beispielsweise die universitäre Beschäftigung mit „Good Governance“? Auch Forscher, Lehrende und Studenten dürfen politische Meinungen vertreten.

Hinter der Plakatkampagne aber, befürchtet offenbar die Junge Alternative, stehen böswillige Gender-Ideologen, die anderen ihre gesellschaftsschädigende Meinung aufzwingen wollen. Buh! Wenn ihr mich fragt, unterstellen die der BZgA da ja etwas zu viel Ehrgeiz, aber Verschwörungstheorien verkaufen sich halt gut.
Laut auf Facebook veröffentlichter Pressemitteilung versuchen die bösen „Gender-Ideologen“ unter dem Deckmantel einer Aufklärungskampagne nämlich „ihren Traum von einer frühsexualisierten, multisexuellen „Gesellschaft der Vielfalt“ zu verwirklichen“. Ganz schön clever.

Hm… Moment mal. „Gesellschaft der Vielfalt“? Klingt gut. „multisexuell“? Nehm ich auch, jedenfalls wenn „multi“ auch ein Plätzchen für asexuell/aromantisch bietet. Wo kann ich das liken?

 

PS: Ich wäre vermutlich kein gutes AfD-Mitglied. Das Einzige, was mich wirklich an der Kampagne stört, ist die einseitige Fokussierung auf Kondome als Verhütungsmittel. Schließlich sind die ja in erster Linie für Menschen mit Penissen und deren Sexualpartner nützlich. Das Thema Verhütung und Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten ist aber auch für andere Leute durchaus interessant, zum Beispiel für Frauen, die gerne mit Frauen Sex haben…

Freundeskreise

Neulich war ich zu Besuch „zuhause“ (in Anführungszeichen deswegen, weil das Wort für Weltenbummler wie mich ein ziemlich dehnbarer Begriff ist). Mai in Süddeutschland: nass bis sonnig, Blumen, oh-so-grün, blauer Himmel mit Wattewolken. Viel Familie, zu diversen Anlässen und in unterschiedlichen Konstellationen.

Dabei fiel mir auf, dass ich nicht mehr gefragt wurde, ob ich mir nicht auch mal einen Partner oder eine Partnerin zulegen möchte. Das Thema „Enkelkinder“ kam zwar auf, aber glücklicherweise sind meine Mutter und ich in dieser Frage ziemlich einer Meinung – ich mag Kinder, und könnte mir durchaus vorstellen, ein bis drei großzuziehen. Wie eine meiner Cousinen dem Clan als prima Single-Mama inzwischen bewiesen hat, kann frau das auch ganz ohne männliche Unterstützung. Ich vermute, das tröstet meine Mutter über die Abwesenheit einer geeigneten Schwiegerperson hinweg. Wenn ich’s mir aussuchen kann, und darauf hoffe ich, wäre ich aber nicht gerne eine alleinerziehende Mutter – das ist nämlich verdammt anstrengend. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter gilt meine größte Hochachtung allen Eltern, die Kinder und Beruf allein unter einen Hut bringen müssen.

Aber eigentlich sollte das Thema Familie/Kinder nur die Überleitung und ich habe mich schon wieder verquasselt. Eigentlich wollte ich über Freunde schreiben, oder genauer gesagt, Freundeskreise. Bei meinem Familienbesuch fiel nämlich mal wieder der Satz „deine Freunde sind ja alle schwul“ (siehe hier), diesmal in der Variation „du hast ja schon wieder nur schwule Freunde“. Und eine meiner Cousinen meinte bewundernd „Wo lernst du die nur immer kennen? Ich kenne überhaupt keine schwulen Jungs oder lesbischen Mädels, nicht mal im Studentenwohnheim.“ (rein statistisch gesehen unwahrscheinlich, aber ich fand es doch sehr erfreulich, dass sie einen Freundeskreis bestehend aus Menschen diverser sexueller Orientierungen für erstrebenswert hält).

Bestreiten konnte ich die „Anschuldigung“ im Übrigen nicht – tatsächlich identifiziert sich die weit überwiegende Mehrheit meiner männlichen Freunde als homosexuell. Was mir dann doch irgendwie zu denken gab. Schließlich sucht man sich seine Freunde ja in der Regel selbst aus, und diese Auswahl ist irgendwie auch eine Aussage über persönliche Vorlieben, Neigungen und Gewohnheiten. Um das gleich mal vorweg zu nehmen – ich finde alle meine Freunde unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung großartig (anderenfalls wäre ich wohl nicht mit ihnen befreundet). Sie sind alle auf ihre eigene Art wunderbare Menschen. Andererseits – davon gibt es aber jede Menge, und ich bin nicht mit allen befreundet. Nach welchen Kriterien suche ich mir also meine Freunde aus?
Zum einen gemeinsame Interessen, klar. Schließlich muss man sich ja irgendwo kennen lernen und erstmal etwas finden, worüber man sich unterhalten kann. Aber es ist nicht nur das. Ich habe Freunde, die sich total für Fußball, Sticken oder Horrorfilme begeistern können, und ich finde alle drei eher langweilig. Umgekehrt können viele meiner Freunde weder mit Halbmarathons, noch mit Fanfiction oder Botanik etwas anfangen. Das tut unserer Freundschaft aber keinen Abbruch.

Aber spielt die sexuelle Orientierung eine Rolle? Wenn ich mein Freundschaftssystem näher betrachte, sehe ich eine Reihe konzentrischer Kreise. Beste Freunde, gute Freunde, eher lose Freundschaften. Die Qualität der Freundschaft hängt nicht davon ab, wie lange ich die Leute kenne oder wie oft ich sie sehe (viele meiner Freunde sehe ich nur ein oder zweimal im Jahr in Person, weil sie in ganz anderen Ecken der Welt wohnen als ich).
Unter meinen Freunden gibt es eine ganze Menge, die sich als heterosexuell identifizieren, ein paar die bi oder lesbisch sind, eine ganze Reihe, von denen ich es nicht genau weiß (und ich frage auch nicht nach, wenn sie es mir erzählen wollen, werden sie es früher oder später tun, vermute ich), oder die sich nicht festlegen möchten. Und wie bereits erwähnt viele homosexuelle Männer. Um genau zu sein sind mit einer knappen Hand voll Ausnahmen alle meine männlichen Freunde schwul. Und die die es nicht sind, sind fast alle verheiratet oder in einer festen Beziehung.

Okay, das könnte natürlich ein Zufall sein. Oder dadurch bedingt, dass man Freunde ja oft auch durch andere Freunde kennen lernt. Wenn man erst mal einige schwule Freunde hat, erhöht sich wohl auch die Wahrscheinlichkeit, durch sie weitere nette schwule Männer kennenzulernen, mit denen man befreundet sein möchte.

Andererseits – für eine asexuelle Frau sind homosexuelle Männer zahn- und krallenlose Tiger und damit eine sichere Wahl. Die Wahrscheinlichkeit, unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, geht gegen null. Gemeinsam Zeit verbringen, Sport treiben, rumalbern, Schwimmen gehen, lachen, weinen, verreisen, feiern – alles völlig ungefährlich. Umgekehrt wird auch ein Schuh draus – für die Jungs bin ich keine Konkurrenz.
Vielleicht habe ich deswegen so viele schwule Freunde, weil es mir leichter fällt, ihnen zu vertrauen und mit ihnen Freundschaften einzugehen. Bei heterosexuellen (und bi- und pansexuellen, aber davon kenne ich bisher wenige) Männern, ganz egal wie nett und verständnisvoll sie sind, besteht immer ein gewisses Restrisiko. – Was wenn er doch auf mich steht? Irks, hilfe! Besser gar nicht erst riskieren.
Während bei meinen schwulen Freunden die einzige Gefahr darin besteht, dass ich eines Tages zu Tode geknuddelt werde (und es gibt schlimmere Arten zu sterben).

Damit wäre die Antwort auf die Frage „warum hast du so viele schwule Freunde?“:

Weil sie großartig sind… und ungefährlich.

 

Edit: Während ich dabei war diesen Text Korrektur zu lesen, bekam ich über Acebook eine Nachricht, die sich genau auf dieses Thema (und meinen vorherigen Blogpost dazu) bezog. Offenbar bin ich nicht die Einzige, der es so geht. Cool!

Wo die Liebe hinfällt

Es gibt Tage, an denen mich Selbstmitleid überfällt. – Kennt ihr das? Alles ist doof, die Arbeit, die Kollegen, die Songs im Radio, und oh, natürlich ist auch noch das Wetter mies. War ja klar. Die Wage zeigt nicht das Gewicht an, das ich gerne hätte, ich habe abends nichts Cooles vor, und leider auch niemanden, der zuhause auf mich wartet wenn ich heimkomme.

Wenn ich mir das eine Weile eingeredet habe, bin ich dann erstmal schlecht gelaunt, und trinke zu viel Kaffee, esse Frustschokolade oder brüte vor mich hin (oder alles zusammen). Was natürlich alles nicht besser macht. Klar.  Was dagegen hilft, ist mit einer guten Freundin zu chatten, ein paar Kilometer auf dem Laufband oder noch besser draußen zu laufen, oder die Finger in die Erde eines Blumenbeetes zu vergraben.

Oder…

Jemand erinnert mich daran, dass im Leben manchmal ganz unerwartet schräge unglaubliche, großartige Dinge passieren.

Heute war ich schon auf dem Heimweg und gottfroh, einen ziemlich langweiligen Tag im Büro endlich mit einem ziemlich langweiligen Meeting abgeschlossen zu haben. Aus Gewohnheit schaute ich auf dem Weg nach draußen noch bei meinem Kollegen, der das Büro im Erdgeschoss am nächsten bei der Tür hat, vorbei. Seine Tür ist immer offen, und ich bin wie eine Katze – ich kann offenen Türen nicht widerstehend. Selbst wenn ich schlecht gelaunt bin.

Ich möchte sagen, zum Glück, denn heute hat es sich wirklich gelohnt. Eigentlich wollte ich nur kurz hallo sagen, aber wir kamen ins Plaudern und irgendwo zwischen „was machst du in deinem nächsten Urlaub“ und „wie geht’s deiner Familie“ erzählte er mir, dass er sich neu verliebt hat – in eine transsexuelle Thailänderin. Nachdem ich meine Kinnlade sehr nachdrücklich ermahnt hatte, dort zu bleiben, wo sie hingehört, konnte ich ein vorsichtiges Lächeln wagen (vorsichtig, weil Kinnlade). Da saß mein Kollege vor mir hinter seinem Schreibtisch, 54 Jahre alt, kariertes Hemd, ordentlich, zuverlässig, normal. Verheiratet, Kinder, ein Reihenhaus mit Garten.

Und dann das.

„Ich weiß, dass das nicht einfach wird,“ sagte er, und ja, da konnte ich ihm nur zustimmen. „Aber ich finde, da muss man offen mit umgehen. Auch wenn’s nicht allen gefällt.“

Am liebsten hätte ich ihm applaudiert. Lautstark. Stattdessen unterhielten wir uns die nächste halbe Stunde über das rechtliche Theater, das mit einer Geschlechtsumwandlung verbunden ist, Ehefähigkeitszeugnisse, Visabestimmungen und Vorurteile.

„Du wirst dir ziemlich viel Blödsinn anhören müssen,“ warnte ich. „Idioten gibt’s leider überall. Auch unter unseren Kollegen.“ Und ich erzählte ihm von den paarmal, die ich von Freunden oder Bekannten enttäuscht worden war, weil ich mit einer positiven oder zumindest neutralen Reaktion auf mein Coming out gerechnet hatte und stattdessen auf Unverständnis oder Ablehnung gestoßen war. – Als heterosexueller Mann mit Familie erklären zu müssen, dass der Scheidungsgrund eine um einiges jüngere transsexuelle Frau ist, ist sicherlich auch nicht einfacher, als sich als asexuell zu outen. Ich konnte sie förmlich tuscheln hören. Ein Ladyboy! – Jetzt ist er völlig durchgedreht. – Das hält doch nie. – Midlife Crisis. – Glaubst du, er ist eigentlich schwul? – Das ist doch gar keine richtige Frau. – Wo er den wohl kennengelernt hat? Bestimmt in irgendeinem Nachtclub in Bangkok.

„Ich hätte ja auch nie gedacht, dass mir das passiert,“ meinte mein Kollege. Und ich dachte: na, willkommen im Club. „Ich musste erstmal ziemlich viel dazulernen. Ich meine, ich habe mich selbst immer für ziemlich tolerant gehalten aber wenn man dann selber mit jemandem zusammen ist, der transsexuell ist, merkt man erst, mit was für Schwierigkeiten transsexuelle Menschen leben müssen.“ Er lachte ein wenig. „Und das in meinem Alter.“

„Aber weißt du,“ sagte ich, „das ist doch ziemlich cool, oder? Dass du so deinen Horizont erweitern kannst? Außerdem… worauf es ankommt, ist doch, dass du glücklich bist.“

Er stimmte mir zu.

Und ich dachte mir, Selbstmitleid verflogen, dass das doch irgendwie großartig ist. Und dass, wenn die Freundin meines Kollegen wider Erwarten die große Liebe in einem Mann, der sie genau so akzeptiert und liebt wie sie ist, gefunden hat, es auch irgendwo da draußen jemanden für mich geben wird… und für alle anderen, die suchen. Ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

„Deine Freunde sind ja alle schwul“ – Eltern und Asexualität I

Eltern interessieren sich in der Regel für das Sozialleben ihrer Kinder. Meine Mutter ist da keine Ausnahme. Möglicherweise zumindest unterbewusst auf Enkelkinder hoffend – wir reden noch nicht darüber, aber man kennt sich ja doch recht gut – hat sie ein waches Auge darauf, wen ich so treffe und warum.

Meine Familie ist eine etwas freundlichere Variante der Borg – man heiratet nicht ein, man wird assimiliert, und zwar mit Haut und Haar. Bis zu einem gewissen Grad gilt das auch für die „Schwiegerfamilie“, die sich nahtlos in die Peripherie des familiären Horizonts einfügt und ein willkommenes Gesprächsthema bei Kaffee und Kuchen bietet. – „Was macht eigentlich…?“, „Hast du gehört, dass…“ oder „Die … lebt jetzt mit einer Frau zusammen, und ich sage dir, dass ist nicht nur freundschaftlich.“ – An der Stelle musste ich dann natürlich reingrätschen (wenn man mir schon so eine Steilvorlage gibt) und den Clan darüber aufklären, das zwei Menschen, egal welchen Geschlechts, ohne weiteres eine enge, partnerschaftliche Beziehung pflegen können, ohne miteinander ins Bett zu gehen. Und das ohne das Wort queerplatonic (das noch keine wirklich passende deutsche Entsprechung zu haben scheint) zu verwenden. Die Blicke waren da dann doch noch etwas misstrauisch, aber wir einigten uns zur Güte darauf, dass diese Beziehung, egal wie geartet, auf jeden Fall okay sei. Der Weg zur Akzeptanz führt über eine lange Serie von Kompromissen.

Irgendwie muss dem Clan schon recht früh klar gewesen sein, dass seine jüngste Generation in Sachen traditionelle Familienplanung etwas renitent ist. Wir sind insgesamt sechs, inzwischen zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig. Davon ist niemand verheiratet, nur eine lebt in einer festen Beziehung und eine hat ein Kind (allerdings ohne Partner). Das ist jetzt nicht gerade Sodom und Gomorrha, aber auch nicht das Traumziel familiärer Weiterentwicklung. Die ältere Generation trägt es mit erstaunlicher Fassung. Abgesehen von den üblichen kleinen Dramen – „…. hat sich von ihrem Freund getrennt und dabei war der doch so nett!“ (ups, Assimilierung gescheitert) – wird niemand aktiv dazu gedrängt, sich traditionellen Werten anzupassen. Ich vermute, der Clan würde einmal kurz zusammenzucken, wenn ich mit einer vollverschleierten lesbischen Muslima, einem transsexuellen Anarchisten oder einer alleinerziehenden bisexuellen Mutter zur nächsten Familienfeier aufkreuzen würde – und den oder die Betreffende/n dann ohne viel Federlesen schlucken.

Manche Dinge fallen Eltern aber schon auf. „Alle deine Freunde sind schwul“ kommentierte meine Mutter, die sich gerne über meinen Freundeskreis auf dem Laufenden halten lässt, meine Ausführungen vor einiger Zeit. Wie viele Übertreibungen hat auch diese einen wahren Kern – ich habe tatsächlich überproportional viele schwule Freunde. Ganz ehrlich? Ich mag schwule Jungs. Die meisten, die ich kenne sind liebenswürdig, gut angezogen, sind in der Lage eine angenehme Unterhaltung zu führen, und vor allem kann ich mir absolut sicher sein, dass jegliches Interesse, das sie an mir haben meiner Person gilt, und nicht durch etwaige sexuelle Wunschvorstellungen geprägt ist. Also quasi ungefährliche Traumprinzen. Perfekt, was will Frau mehr, jedenfalls wenn sie asexuell ist. Naturgemäß sieht meine Mutter das ein bisschen anders.

Mit meinen Eltern über Sexualität zu reden ist ein ziemlich skurriles Erlebnis. Meine Mutter hat eine – meiner Meinung nach – recht gesunde Herangehensweise an das Thema: Sex ist Privatsache, solange keine gesundheitlichen Schäden damit ins Haus gehen. Das übliche Aufklärungsgespräch fand ich mit 13 natürlich super peinlich, aber eigentlich bin ich damit ganz gut weggekommen.  Mein Vater, den eine Art Hassliebe mit den 68ern verbindet, geht ziemlich offen mit dem Thema um, diskutiert es aber in der gleichen interessiert-wissenschaftlichen Art wie Konstruktivismus in der Literaturwissenschaft oder sozio-politische Probleme der ägyptischen Tagespolitik. Ich glaube, wenige Töchter diskutieren mit ihren Vätern die Notwendigkeit einer genormten berufspraktischen Ausbildung für Prostituierte oder die Frage ob eine Beziehung dadurch gerettet werden kann, dass eine Frau ihrem Partner Oralsex anbietet, obwohl sie selbst nich darauf steht. Mein Vater hat mich auch zu meiner ersten CSD-Parade mitgenommen, da war ich 15 oder 16. „Das solltest du mal gesehen haben.“ Na dann.

Weder mein Vater, noch meine Mutter gehen allerdings in irgendeiner Weise auf Hinweise ein, dass ich möglicherweise nicht heterosexuell sein könnte. Mein Vater klammert das Thema aus. Don’t ask, don’t tell. Um ehrlich zu sein kann ich damit leben. Bisher hatte ich keine Beziehung, die so dauerhaft oder so ernst war, dass ich das Bedürfnis hatte, ihm die andere Person vorzustellen. Meine Mutter hat schon längst Lunte gerochen, sie hatte mich wohl auch eine Weile im Verdacht, ihr eine Beziehung mit meiner besten Freundin zu verheimlichen (nicht völlig abwegig, vermute ich, aber knapp daneben ist auch vorbei). Allerdings kann ich gemütlich auf ihrem Wohnzimmerteppich sitzen und „Asexuality – The Invisible Orientation“ lesen und der einzige Kommentar der kommt ist „Das ist aber ganz schön schwerer Stoff“. (stimmt, Mama)

Laute Paukenschläge sind aber so gar nicht meine Sache, deswegen habe ich es bisher vermieden, mich in die Mitte des besagten Wohnzimmers (im Wohnzimmer meines Vaters steht zu viel Kram, da wäre es schwer, die Mitte zu finden) zu stellen und zu verkünden: „Ich bin asexuell.“ Vielleicht mache ich es irgendwann doch mal. Ich rechne nicht mit Ärger, eher mit Unverständnis oder mildem Desinteresse. Ich vermute, solange ich meiner Mutter versichern kann, dass ich nicht unglücklich bin und Enkelkinder trotzdem nicht ausgeschlossen sind, kann sie sich mit fast allem anfreunden.