Keine Kondome für die AfD

In diesem Beitrag geht es unter anderem um Sex in der Werbung. Werbeanzeigen mit sexuellen Darstellungen sind verlinkt. Wenn ihr –  egal aus welchem Grund – lieber Sex-freie Artikel lesen möchtet, überspringt ihr diesen Post vielleicht besser.

– —

Die AfD und Donald Trump haben viel gemeinsam, sowohl hinsichtlich ihres Auftretens, als auch hinsichtlich ihrer Standpunkte zu bestimmten Themen. Außerdem sorgen sie regelmäßig für außerordentlich (wenn auch ungewollt) komische Schlagzeilen. Ich warte nur darauf, eines schönen Sommermorgens aufzuwachen, den Laptop aufzuklappen und von der Schlagzeile „Trump-Geständnis: Ich bin in Wahrheit ein Comedian“ oder „AfD entpuppt sich als Politsatire-Projekt“ begrüßt zu werden.

Als ich gerade ziellos in der Landschaft herumsurfte – es ist Samstag, ich muss nicht arbeiten, und draußen ist es brüllend heiß – stolperte ich bei Spiegel Online (oder vielmehr bei bento) über die Schlagzeile AfD-Nachwuchs klagt gegen „staatlich verordnete Sex-Plakate“.

Erste Reaktion: Oookay, jetzt sind die also auch noch gegen Sex? Das ist ja was…

Dieses Missverständnis klärte sich aber rasch auf – offenbar hat die AfD (oder deren Nachwuchs… wie muss ich mir den eigentlich vorstellen, „niedliche“ Mini-Rassisten in maßgeschneiderten Trachtenklamotten? Nachwuchs impliziert ja irgendwie etwas Putziges, Kleines, das noch größer und böser wird) nur dann was gegen Sex, wenn er nicht in ihr traditionelles Familienbild der „Familie aus Vater, Mutter und Kindern als Keimzelle der Gesellschaft“ (Zitat aus dem Leitantrag Grundsatzprogramm der AfD, S. 27) passt. Also z.B. Sex zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts. –  Iiiih! Weichet, ihr Zerstörer des christlichen Abendlands. –

Laut bento hat der Landesvorsitzende der Jungen Alternative Niedersachsen nach eigenen Angaben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angezeigt. Deren Job ist es, die Bevölkerung über potentielle Gesundheitsrisiken aufzuklären und Prävention zu betreiben. Eigentlich löblich, sollte man meinen. Die AfD-Jugend stört sich jetzt aber offenbar daran, wie diese Aufklärung erfolgt. Die BZgA hat unlängst nämlich den öffentlichen Raum mit Plakaten gepflastert, die Comic-Figuren beim Sex zeigen und zur Benutzung von Kondomen aufrufen.

Zugegeben, mir sind diese Plakate auch aufgefallen. Sie sollen offensichtlich auffallen. Wirklich provozierend sind sie in einer Welt, in der Sex omnipräsent ist, nicht, aber sie erregen Aufmerksamkeit. Einige fand ich ganz witzig, die expliziteren lösten ein vages Unbehagen aus – nennt mich prüde, aber ich bin kein allzu großer Fan von explizit sexuellen Darstellungen im öffentlichen Raum. Andererseits – Meinungs- und Kunstfreiheit ist einer der Grundpfeiler der Demokratie, und mir bleibt es ja wie allen anderen freigestellt, wegzusehen, wenn es mir so ein Plakat nicht gefällt. Außerdem ist die Plakatkampagne in diesem Fall für einen wirklich guten Zweck.

Die Junge Alternative sieht das scheinbar anders. Ob sie den Zweck gut findet oder nicht, bleibt unklar, aber einfach nur wegzusehen scheint ihr jedenfalls nicht zu genügen. Stein des Anstoßes ist allerdings offenbar nicht die Darstellung sexueller Inhalte im öffentlichen Raum, sondern die Tatsache, dass nicht ausschließlich heterosexuelle Paare beim Sex gezeigt werden. (Skandal!)

Ich frage mich, ob sich die AfD auch an diesem Plakat stören würde? (Übrigens, ein interessanter Artikel zum Thema Sex und Sexismus in der Werbung ist hier zu finden.)  Traurigerweise, wahrscheinlich nicht. Oder zumindest nicht so öffentlich.

Gender-Forschung ist für die AfD ein rotes Tuch –  „Die Gender‐Forschung erfüllt nicht den Anspruch, der an seriöse Forschung gestellt werden muss. Ihre Methoden genügen nicht den Kriterien der Wissenschaft, da ihre Zielsetzung primär politisch motiviert ist.“ (Zitat aus dem Leitantrag Grundsatzprogramm der AfD, S. 37) Um, ja… wenn ich ehrlich bin, befürchte ich ja, zumindest ersteres könnte man über eine ganze Reihe von Geisteswissenschaften sagen, und trotzdem zweifelt niemand ernsthaft an deren Existenzberechtigung. Zugegeben, manche Gender-Auswüchse sind mir persönlich auch suspekt… aber das geht mir auch bei manchen Ergüssen aus dem Bereich der Philosophie, Germanistik oder Theologie nicht anders, um nur drei Beispiele zu nennen. Und warum sollte Gender-Forschung politisch motivierter sein als beispielsweise die universitäre Beschäftigung mit „Good Governance“? Auch Forscher, Lehrende und Studenten dürfen politische Meinungen vertreten.

Hinter der Plakatkampagne aber, befürchtet offenbar die Junge Alternative, stehen böswillige Gender-Ideologen, die anderen ihre gesellschaftsschädigende Meinung aufzwingen wollen. Buh! Wenn ihr mich fragt, unterstellen die der BZgA da ja etwas zu viel Ehrgeiz, aber Verschwörungstheorien verkaufen sich halt gut.
Laut auf Facebook veröffentlichter Pressemitteilung versuchen die bösen „Gender-Ideologen“ unter dem Deckmantel einer Aufklärungskampagne nämlich „ihren Traum von einer frühsexualisierten, multisexuellen „Gesellschaft der Vielfalt“ zu verwirklichen“. Ganz schön clever.

Hm… Moment mal. „Gesellschaft der Vielfalt“? Klingt gut. „multisexuell“? Nehm ich auch, jedenfalls wenn „multi“ auch ein Plätzchen für asexuell/aromantisch bietet. Wo kann ich das liken?

 

PS: Ich wäre vermutlich kein gutes AfD-Mitglied. Das Einzige, was mich wirklich an der Kampagne stört, ist die einseitige Fokussierung auf Kondome als Verhütungsmittel. Schließlich sind die ja in erster Linie für Menschen mit Penissen und deren Sexualpartner nützlich. Das Thema Verhütung und Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten ist aber auch für andere Leute durchaus interessant, zum Beispiel für Frauen, die gerne mit Frauen Sex haben…

Werbeanzeigen

Vom Können und vom Wollen

Eine Frage, die asexuellen Menschen erstaunlich häufig gestellt wird (interessanterweise offenbar unabhängig davon, ob sie sich selbst als asexuell bezeichnen, oder nicht) ist: Kannst du Sex haben? Meistens kommt sie nicht ganz so direkt daher, sondern umgeben von mehr oder weniger schmückendem Beiwerk –

– „Hast du es denn schon mal ausprobiert?“ (Geht dich überhaupt nichts an.) –

– „Wie, du stehst nicht auf Sex? Ist ja krass. Und du bist dir sicher, dass du gesund bist… ich meine, ist mit deinen Hormonen alles okay?“ (Danke der Nachfrage, ja.) –

– „Also wie, du hast noch nie mit jemandem geschlafen? Und du willst das auch nicht? Aber du könntest…?“ (Klar, genau wie ich auch morgen mit einer Obama-Maske ins Büro gehen oder spontan aus dem dritten Stock springen könnte. Aber möchte ich das…?) –

Aber auf das Wesentliche reduziert, bleibt es dann wohl doch bei: Kannst du?

Und um das gleich mal klarzustellen: Natürlich können asexuelle Menschen Sex haben. Ebenso wie Menschen über sechzig, Menschen die unter vorübergehenden oder chronischen Krankheiten leiden, Menschen die mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben, Menschen die sich selbst für rundum gesund und normal halten, Menschen mit roten, schwarzen oder grünen Haaren… ihr seht was ich meine.

Soweit ich es bisher feststellen konnte unterscheiden sich asexuelle Menschen physisch in keinster Weise von nicht-asexuellen Menschen, oder jedenfalls nur insofern, wie wir uns eben alle ein bisschen voneinander unterscheiden. Es ist meines Wissens bisher noch niemandem gelungen, glaubhaft festzustellen, dass Asexualität auf eine irgendwie geartete physische Ursache zurückzuführen ist, sei es auf eine hormonelle Störung, genetische Anomalie, Fehlbildung irgendwelcher Körperteile, Vitaminmangel, sonst was.

Diesmal gibt’s ein Beispiel für Computerfans: Die Hardware ist da und voll funktionsfähig, aber die Software wurde nicht mitgeliefert.

Die Software, das ist in diesem Fall das Begehren, das Wollen.

Erfreulicherweise gewinnt ja seit ein paar Jahrzehnten weltweit die Überzeugung Freunde, dass Sex nur dann gut und richtig ist, wenn sich alle Beteiligten darin einig sind, dass sie (miteinander) Sex haben wollen. Das war beileibe nicht immer so, und ist auch längst nicht überall so. Frauen wurden und werden beispielsweise in vielen Gesellschaften nicht gefragt, ob sie Sex haben wollen, geschweige denn, mit wem. Sollten sie aber doch zu erkennen geben, dass sie gerne Sex hätten (und dann möglicherweise auch noch mit der falschen Person), drohen ihnen Repressalien von Beschimpfungen bis hin zum Tod durch Steinigung. Nicht schön. Vielen Männern geht es auch nicht viel besser, ganz besonders dann nicht, wenn sie gerne Sex mit anderen Männern hätten – männliche Homosexualität ist in über siebzig Ländern strafbar, und in vielen anderen zwar nicht strafbar, aber sozial inakzeptabel.

Aber – wir, die wir das hier schreiben und lesen, leben in der schönen neuen Welt (naja, wir arbeiten daran…), in der sich die Frage stellt, ob man eigentlich Sex haben möchte. Und genau die beantworten viele Leute mit nein. Zum Beispiel, weil sie grade keine Lust haben. Oder weil es nichts im Angebot gibt, das ihnen gefällt. Ein Raum voll mit attraktiven Single-Männern? Reizt die meisten lesbischen Frauen eher weniger…
Oder vielleicht auch, weil sie warten wollen, bis sie jemanden fürs Leben (oder zumindest für die Ehe) gefunden haben. Oder aus religiöser Überzeugung. Längst nicht alle katholischen Priester, Mönche und Nonnen sind asexuell, aber sie sollten alle zölibatär leben (dass es nicht alle tun, wissen wir).

Okay. Wenn es also durchaus vorstellbar ist, dass jemand, der nicht asexuell ist, aus welchem Grund auch immer gerade, auf bestimmte Zeit oder dauerhaft keinen Sex haben möchte, dann sollte es doch genauso nachvollziehbar sein, dass jemand, der asexuell ist, auch keine Lust hat.

Eine Gegenfrage, die ich besonders gerne stelle ist: Würdest du mit jemandem schlafen, zu dem du dich überhaupt nicht hingezogen fühlst? Mit einer Frau, auf die du gar nicht stehst? Mit einem Mann, wenn du ein heterosexueller Mann bist? Nein? Na siehst du.

Übrigens: Es gibt asexuelle Menschen die Sex haben. Einmal, zweimal, gelegentlich, regelmäßig, mit anderen, alleine, mit Männern, mit Frauen… es gibt, auch bei Abwesenheit sexueller Anziehung durchaus Gründe, Sex zu haben. Den Wunsch nach Intimität, zum Beispiel, oder danach, einem geliebten Menschen, der vielleicht nicht asexuell ist, etwas zu schenken. Neugier. Spaß an der Sache an sich, auch ohne sexuelle Anziehung. Um ein Kind zu empfangen oder zu zeugen.

Gründe gibt es genug.

Und worauf es letzten Endes ankommt, ist nicht die Frage „kannst du?“ sondern die Frage „willst du?“